weather-image
Wafa Ibrahim aus dem Libanon lebt seit 1993 in Bad Münder / Sprache und Tugenden angenommen

Termine einhalten und nie zu spät kommen

Bad Münder (lil). „Verstehen Sie Deutsch?“ Diese Frage hört Wafa Ibrahim des Öfteren. „Einige Leute denken: Wer ein Kopftuch trägt, versteht kein Deutsch“, sagt die 33-jährige gebürtige Libanesin. 1988 ist sie mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern wegen des Krieges nach Deutschland ausgewandert, zwei Jahre später folgten ihr Vater und die anderen Geschwister. „Man kann nicht in einem Land leben, in dem man die Sprache nicht spricht“, davon ist Ibrahim fest überzeugt.

270_008_5096976_lkbm_0202_2812_Wafa_Ibrahim.jpg

Der Liebe wegen kam sie 1993 nach Bad Münder, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt – Ibrahim ist angekommen. „Ich liebe meine Stadt“, sagt sie. Besonders angetan hat es ihr die Natur. „Wir gehen viel spazieren mit den Kindern – im Kurpark oder im Wald“, erzählt die dreifache Mutter. „Wir fühlen uns hier wohl.“ Wie vielen Münderanern bereitet Ibrahim der Leerstand in der Kernstadt jedoch Sorgen. „Ich wünsche mir, dass die Stadt wieder aufblüht“, sagt sie. „Es gibt immer weniger Geschäfte. Das war ja nicht immer so.“

Angenommen hat Ibrahim neben der Sprache – sie träumt auch auf Deutsch – einige Tugenden. „Für mich ist es deutsch, wenn man Termine einhält. Ich würde nie zu spät kommen“, sagt die 33-Jährige. Die menschliche Wärme hingegen vermisst sie an der deutschen Mentalität. In ihrem Heimatort Aitarun, der etwa so viele Einwohner wie Bad Münder hat, grüße jeder jeden, so Ibrahim. „Ich habe hier auf der Straße schon Leute gegrüßt, die mich nicht zurückgegrüßt haben.“ Ist sie zu Besuch in ihrem Geburtsland, wird sie als „Fremde“ identifiziert. „Auf dem Markt hieß es: Das ist kein Arabisch. Die Leute sagen, man hört es, dass ich nicht mehr dort lebe.“ Und sie fügt hinzu: „Das Aufdringliche auf dem Markt habe ich nicht mehr gerne.“

Ihr Mann legt Wert darauf, dass die gemeinsamen Kinder zweisprachig aufwachsen. „Mir fällt es schwer, immer Arabisch mit ihnen zu sprechen. Ich muss schon nach Wörtern suchen“, gesteht Ibrahim. Ob ihre Tochter Iman, die die vierte Klasse besucht, ein Kopftuch tragen wird, bleibt ihr selbst überlassen. „Ich würde meine Tochter nie dazu zwingen“, sagt Ibrahim. „Ein Kopftuch ist keine Modeerscheinung. Man muss es aus Überzeugung tragen.“ Für ihren Mann hat sie das Kopftuch eine Zeitlang abgesetzt. „Mein Mann ist modern.“ Geheiratet hat sie ihn bereits mit 14 Jahren. „Ich wurde gefragt, aber mit 14 kann man noch nichts entscheiden.“ Trotzdem würde sie ihren Mann wieder heiraten. „Allerdings nicht so früh. Ich hätte gerne die Schule zu Ende gemacht“, sagt Ibrahim. „Ich sage immer zu meiner Tochter: ‚Wenn du jetzt nicht aufpasst, bereust du es später.’“ Ibrahim schätzt die guten Bildungsmöglichkeiten in Deutschland.

Gerne würde die 33-Jährige arbeiten. „Ich möchte nicht mein Leben auf dem Sofa verbringen“, sagt sie. Allerdings sei das mit ihrem Kopftuch nicht ganz einfach. „Ich bin gläubig, aber nicht fanatisch“, betont die 33-Jährige. „Seit dem 11. September haben die Leute Angst vor dem Islam. Wer den Islam richtig kennt, sieht, dass es viele Gemeinsamkeiten mit dem Christentum gibt. Keine Religion ist besser als die andere.“



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt