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Luftverkehrsknotenpunkt Achum sieht nach dem Krieg zahlreiche illustre Gäste auf der Durchreise

Tee und Kuchen am Airfield Buffet

Von Wilhelm Gerntrup

Von Wilhelm Gerntrup

Churchill, Eisenhower, Lale Andersen, US-Autokönig Henry Ford oder Bundeskanzler Adenauer – kaum eine andere heimische Kommune hat im Laufe der jüngeren Geschichte so viel Prominenz erlebt wie das kleine Bauerndorf Achum bei Bückeburg. Grund für den Auftrieb der illustren Gästeschar war der dort nach Ende des Zweiten Weltkriegs gebaute Flugplatz. Er gehörte Anfang der 1950er Jahre zu den wichtigsten Luftpassagierumschlagplätzen Deutschlands.

Auslöser der Entwicklung waren die Engländer. Sofort nach dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 nahm die Royal Air Force (RAF) große Teile Bückeburgs und Bad Eilsens als Standort ihrer kontinentalen Kommandobasis in Beschlag. Die Einquartierungsentscheidung kam nicht von ungefähr. Zu Versorgung der Truppen war ein Flugplatz erforderlich. Eine solche Einrichtung aber war, das wussten die Tommys von ihren Aufklärungsflügen, in unmittelbarer Nähe bereits im Bau. Noch kurz vor dem Zusammenbruch hatte die deutsche Wehrmacht damit begonnen, auf dem weitläufigen Aue-Plateau nördlich von Harrl und Bückeberg einen Fliegerhorst anzulegen.

1946 war der RAF-Airport fertig. Er sollte einige Jahre später – über den rein militärischen Aufgabenbereich hinaus – große Bedeutung erlangen. Als Stalin im Juni 1948 die Berlinblockade ausrief, übernahm das hiesige RAF-Kommando die komplette britische Versorgungsflug-Logistik. Unterschiedliche Darstellungen von Zeitzeugen gibt es zu der Frage, ob und in welchem Umfang von Achum aus auch Versorgungsflieger („Rosinenbomber“) in die geteilte Ex-Reichshauptstadt abhoben.

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Zur Gästeschar gehörten auch der amerikanische Oberbefehlshaber und spätere Präsident Dwight D. Eisenhower…

Sicher ist jedoch, dass sich der Flugplatz im Gefolge der Krise zu einem wichtigen Luftverkehrsknotenpunkt entwickelte. Anfangs wurden vor allem Bewohner und Besucher der Ex-Reichshauptstadt befördert. In älteren Zeitungsberichten ist von der damaligen Oberbürgermeisterin Louise Schröder, dem populären CDU-Mitbegründer Jakob Kaiser, Bischof Otto Dibelius und Lale Andersen („Lilli Marlen“, „Ein Schiff wird kommen“) die Rede. Auch der einstige Ufa-Star Otto Gebühr (Preußenkönig Friedrich II.) und seine junge Nachkriegs-Filmpartnerin Christine Kaufmann machten auf dem Weg zu den Dreharbeiten ihres neuen Streifens „Rosen-Resli“ etliche Male in Achum Station.

Neben Berlin steuerten die hiesigen Flieger bald auch andere Ziele an. So wurde Heinrich Nordhoff, Nachkriegschef des völlig zerstörten Wolfsburger VW-Werks, von seinem mächtigen amerikanischen Freund und Kollegen Henry Ford II. in Begleitung von zwei bildhübschen Stewardessen zu Geschäftsgesprächen nach Stockholm abgeholt. Im April 1949 richtete sich – bis zur Inbetriebnahme von Hannover-Langenhagen – die Fluggesellschaft „British Airways“ in Achum ein.

Flugtickets gab es in einer direkt am Rollfeld gelegenen Baracke. Tee, Kuchen und Sandwiches bekam man am „Airfield Buffet“. Hinterm Tresen standen deutsche Frauen und Mädchen aus den umliegenden Dörfern. Die Jobs waren heiß begehrt. Viele Gäste ließen Zigarettenkippen in den Aschbechern liegen. Tabak war als „Kungelware“ die kostbarste Währung.

Besonders turbulent ging es zu, wenn Prinzgemahl Philipp anreiste. Der smarte Draufgänger pflegte seinen selbstgesteuerten Hubschrauber mit viel Schwung auf der Wiese direkt neben dem Tower aufzusetzen. Wesentlich diskreter ging es bei der Ankunft von dessen Schwägerin Prinzessin Margaret zu. Die damals als blaublütiges Glamourgirl und als „Princess Charming“ geltende Schwester der neuen Queen mochte nach der Landung keinem (und vor allem keinem deutschen) Zaungast begegnen. Das Flugfeld musste vor Ankunft der Maschine komplett abgeriegelt werden. Als ausgesprochen entgegenkommender Brite ist hiesigen Zeitzeugen hingegen Albert Pierrepoint in Erinnerung geblieben. Der Chef-Scharfrichter der Krone kam mehrmals zu dienstlichen Einsätzen über den Kanal. Dabei beförderte er in Hameln insgesamt mehr als 200 wegen Kriegsverbrechen verurteilte Männer und Frauen ins Jenseits. Nach getaner Arbeit und einem ausgiebigen Mahl flog der Gentleman-Henker völlig unaufgeregt wieder zurück.

Wesentlich unruhiger ging es in der Gruppe der deutschen Ex-Wehrmachtskommandeure zu, die vor ihrem Weitertransport zum Nürnberger Kriegsverbrecherprozess in Achum zusammengezogen worden waren. Die britischen Besatzungsoffiziere behandelten ihre gefangenen „Kollegen“ mit großem Respekt. Auch sonst wurde das Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten auf dem Airport-Gelände mit der Zeit immer besser.

Auf einhellige Ablehnung stießen die Briten allerdings bei den Leuten in Achum. Fast alle Einwohner waren im Mai 1945 aus ihren Häusern vertrieben und zwangsevakuiert worden. Im Herbst 1949 lebten lediglich noch 40 Leute im Ort. Es gab kein Geschäft, keine Schule und kein Postamt mehr. Als dann die Engländer einen mehrere Meter hohen Zaun um das Flugfeld zogen, schien das Ende der erstmals 1186 als „Achim“ erwähnten Siedlung besiegelt zu sein.

Neue Hoffnung kam auf, als Mitte der 1950er Jahre die ersten Berichte über die Verlegung der RAF nach Mönchengladbach laut wurden. „Die Verhältnisse liegen so, dass die älteren Leute nicht zur Ruhe kommen und dauernd darüber nachdenken, ob sie wohl noch einmal wieder in ihr Heim zurückkehren können“, bat im Februar 1955 der damalige Bürgermeister Wilhelm Niemann in einem Brief an Bundeskanzler Konrad Adenauer um Rückgabe des Dorfes. Der Wunsch blieb unerfüllt.

Immerhin trug der anhaltend hartnäckige Einwohnerprotest dazu bei, dass das Dorf nicht endgültig von der Landkarte verschwand und bis heute als Bückeburger Ortsteil erhalten blieb. „Es gehört zur Tragik der Achumer Geschichte, dass ausgerechnet die Gemeinde, in der die Nationalsozialisten so wenig Chancen hatten, mit am meisten unter den Folgen des verlorenen Krieges zu leiden hatte“, heißt es in der 1986 aus Anlass der 800-Jahr-Feier des Dorfes herausgegebenen Ortschronik.

Die Nutzung des Flugplatzes ging 1958/59 auf die damals noch junge Bundeswehr über. Im März 1950, also vor 50 Jahren, zog die Heeresfliegerwaffenschule in den „Schäfer-Kaserne“ getauften Standort ein.




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