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Tarifvertrag bei der Diakonie: Eine Frau, die sich einsetzt

BAD MÜNDER. „Ich fühlte mich irgendwann einfach nicht mehr ernst genommen“, erinnert sich Christina Altmeyer. „Das waren keine Verhandlungen auf Augenhöhe.“ Deswegen verabschiedet sich die Mitarbeitervertreterin von dem dritten Weg, streitet für einen Tarifvertrag innerhalb eines kirchlichen Arbeitgebers – mit Erfolg.

Als Mitarbeitervertreterin sitzt sie mit Vorstandschefs am Tisch, zu Hause in Bad Münder teilt sie sich das Sofa mit einem ihrer Hunde: Christina Altmeyer mit Erik. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Es ist der erste Tarifvertrag in Deutschland in einem Arbeitsfeld, in dem es eigentlich keine Gewerkschaften, keine Streiks und keine Betriebsräte gibt. Angestellte, die bei der Diakonie oder der Diakovere in Niedersachsen arbeiten, haben das, was Altmeyer und ihre Mitstreiter geschafft haben, jahrzehntelang versucht. Geklappt hat es allerdings erst 2013. Natürlich nicht, ohne zähe, monatelange Verhandlungen über mehr Gehalt, bessere Arbeitszeiten und Ähnliches für Pfleger und Erzieher in Kitas, Jugendhilfe-Einrichtungen und Kliniken der Diakonie.

Altmeyer zog vor sechs Jahren mit ihrem Ehemann und ihren Hunden nach Bad Münder. Angestellt ist die gebürtige Hannoveranerin als Erzieherin bei der Dachstiftung der Diakonie. Ein Arbeitgeber, der innerhalb Deutschlands eine Sonderstellung genießt: Wer für die Diakonie arbeitet, muss in der Kirche sein, die religiösen Überzeugungen vertreten. Statt Betriebsräten gibt es Mitarbeitervertretungen (siehe Artikel rechts).

Auch wenn sie hinter der gemeinsamen Verantwortung und den religiösen Grundsätzen steht, aus denen die Diakonie ihren Arbeitsauftrag ableitet, missfällt ihr die Verhandlungspraxis: „Ich finde, das Wirtschaftliche muss man von dem Religiösen trennen“, sagt die 47-Jährige. Sie arbeitet gerne als Erzieherin in der Jugendhilfe. Ein psychisch belastender Job, der sie ganz fordert. Eine Belastung, für die sie eine gute Bezahlung und – noch wichtiger – gute Arbeitsbedingungen einfordert. Bedingungen, die sich aus ihrer Sicht über Jahre nicht merklich verbesserten.

Deswegen lässt sie sich 2009 als Mitarbeitervertreterin wählen. „Da wurde ich aber eher von meinen Kollegen reingeschubst“, gibt sie zu. Die meinten zu ihr: „Du kannst gut reden, bist politisch interessiert, also mach das mal.“ In demselben Jahr tritt sie in die Gewerkschaft Ver.di ein – auf diesem Weg kommt schließlich eine Gewerkschaftssekretärin mit an den Verhandlungstisch. „Die kennen den Verhandlungszirkus besser, sind erfahrener und können auch ganz anders auftreten.“

Altmeyer selbst vernetzt sich mit Kollegen, tauscht sich aus und kämpft schließlich an forderster Front: sie gehört zu der zehnköpfigen Gruppe, die mit den großen Chefs streitet. „Da wird teilweise bis in die Nacht verhandelt“, berichtet sie über die Verhandlungsrunden in der Tarifkommission, „da sitzen einem die Vorstände der Kliniken und Stiftungen direkt gegenüber.“

Im Mai 2013 ist es dann soweit: Der erste Tarifvertrag zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der niedersächsischen Diakonie wird unterschrieben – und im Dezember 2016 zum zweiten Mal erneuert. Es gibt mehr Gehalt, Sonderzahlungen bleiben erhalten, bessere Arbeitsbedingungen sind in dem Vertragswerk festgeschrieben. „Davon profitieren auch die Arbeitgeber, die zufriedenere Mitarbeiter haben“, ist Altmeyer überzeugt. Sie bohrt indes aber schon am nächsten dicken Brett: Der Religionszugehörigkeit. Auch in der Pflege würden immer mehr Menschen betreut werden, die nicht christlich aufgewachsen sind. Da sei eben auch Personal mit einem anderen Glauben sinnvoll – was unter das Stichwort „kultursensibles Arbeiten“ fällt. Ausnahmen gebe es bereits, berichtet Altmeyer, weil vor allem im Pflegebereich ein starker Fachkräftemangel herrsche. „Darauf müssen wir reagieren“, sagt sie, während sie ihren Hund Erik krault.

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