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Tanja Winkler fährt nun einen neuen Weg

Über der nassglänzenden Straße hängen graue Dunstwolken. Menschen, dick eingepackt gegen die Kälte, hasten mit Regenschirmen an erleuchteten Schaufenstern vorüber, in denen die grüngelbe Frühlingsdekoration die Sehnsucht nach wärmenden Sonnenstrahlen weckt. Die Verkehrsampeln strahlen durch den Morgennebel und regeln den geschäftigen Berufsverkehr. Mittendrin arbeitet Tanja Winkler in ihrer Frühschicht: Souverän lenkt sie einen großen Linienbus durch die Straßen von Hameln. Seit November 2009 verdient sie sich als Teilzeitbusfahrerin ihr tägliches Brot. Früher war sie Altenpflegerin. Wegen starker Rückenprobleme musste die 32-Jährige nach 14 langen Berufsjahren ihren Job schweren Herzens aufgeben. Sie wechselte in eine Männerdomäne – und sie erlebt nun, dass das Einschlagen von Berufswegen auch außerhalb der traditionellen Pfade mitunter eine großartige Chance darstellen kann. „Umzuschwenken ist mir sehr schwer gefallen“, erklärt sie, und ein bisschen Wehmut klingt in ihrer hellen klaren Stimme. Trotzdem sei der Berufswechsel für sie die beste Entscheidung gewesen und ihre Chance, wieder einen neuen Platz im Berufsleben zu finden. „Ich hatte vorher gar keine Perspektive, keinen Ansatz, mit dem ich etwas anfangen konnte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“

Autor:

Johanna Landeck

Den Anstoß gab für Tanja Winkler im vorigen Jahr der Infotag „Erkenne deine Möglichkeiten – Orientierung und Beratung für Frauen“ bei der Arbeitsagentur in Hameln. Die Veranstaltung, die am kommenden Mittwoch, 3. März, wiederholt wird, richtete sich speziell an erwerbslose Frauen. Auch damals waren die Angebote der Institutionen vielfältig. Detaillierte Informationen zu einzelnen Berufsfeldern boten verschiedene Branchenaussteller. Um die Informationsflut für die Besucherinnen möglichst interessant zu gestalten, wurden neben Infobörsen auch ungewöhnliche Aktivitäten wie das Busfahren oder das Löten angeboten. Sich selbst auszuprobieren und mit der Nasenspitze über den üblichen Gartenzaun zu spähen, waren die Motivationen der arbeitswilligen Gäste. Während einige der rund 780 Besucherinnen lange am Infostand für Farb- und Stilberatung verweilten, schlug Tanja Winkler den direkten Weg zu den ausgestellten Omnibussen der Fahrschule Neumann ein. Mit der Probefahrt eines der großen, schweren Fahrzeuge legte sie den ersten Stein für ihren neuen beruflichen Weg. Als ihr einige Zeit später die Einladung der Arbeitsagentur für eine Umschulung zur Busfahrerin ins Haus flatterte, überlegte sie nicht lange und griff zu. Nur vier Monate dauerte ihr Weg von der alten in die neue Berufung. „Es gibt ja mittlerweile auch immer mehr Busfahrerinnen. Und von den Arbeitszeiten her ist es auch nicht so schlimm, wie man es sich vielleicht vorstellt. Ich arbeite entweder in der Früh- oder in der Spätschicht. Und es macht mir wirklich Spaß.“

Nach einem dreimonatigen Lehrgang und einem vierwöchigen Praktikum war Tanja Winkler in ihrem neuen Alltag angekommen. Sie betont: „Ich empfehle auch anderen Frauen, solche Entscheidungen zu treffen.“ Arbeitslos zu sein und keine Perspektive zu haben, ist für die Betroffenen belastend. Existenzängste und Armut quälen sie. Eine Arbeitsstelle zu haben, das bedeutet nicht nur eigenes Geld zu verdienen und von staatlicher Hilfe unabhängig zu sein. Ein eigenes Einkommen bietet Menschen auch die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, Kultur- und Freizeitangebote zu nutzen. Ursula Rose, Chefin der Agentur für Arbeit in Hameln, erklärt in der Einladung für das diesjährige „Erkenne deine Möglichkeiten“, warum gerade Frauen eine spezielle Unterstützung beim Wiedereinstieg ins Berufsleben benötigen: „Frauen müssen bei einer Berufstätigkeit viele Zusammenhänge berücksichtigen: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Versorgung der Kinder haben dabei eine große Bedeutung. Insbesondere Frauen, die nach einer längeren Familienphase ins Erwerbsleben zurückkehren wollen, bedürfen der beruflichen Neuorientierung, der Unterstützung bei Jobsuche und Bewerbung, aber auch konkreter Angebote im Hinblick auf Familienmanagement und Kinderbetreuung.“

Frauen sind statistisch gesehen in weniger Berufsgruppen tätig als Männer. Vor allem aber im Dienstleistungsbereich und im sozialen Bereich gebe es mehr Arbeitnehmerinnen als Arbeitnehmer. Frauen werden zudem oft schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Außerdem fehle es an weiblichen Führungskräften. Trotzdem seien die Prognosen für die Entwicklung des künftigen Arbeitsmarktes für Frauen generell vielversprechend. Wenn die Konjunktur anzieht, werden auch in Zukunft qualifizierte Arbeitnehmer und -nehmerinnen wieder stärker gesucht sein, heißt es bei den Berufsberatern. Der Bedarf in den nächsten Jahren liege vor allem im Dienstleistungsbereich, insbesondere in der Altenpflege. Auch das Gesundheitswesen werde „als traditionelle Frauendomäne weiter expandieren“. Ursula Rose plädiert deshalb an die erwerbslosen Frauen, „sich von der derzeitigen konjunkturellen Situation nicht verunsichern zu lassen. Gerade der Stellenmarkt in traditionellen Frauendomänen hat sich während der Wirtschaftsflaute stabil gezeigt.“

Tanja Winkler ist seit drei Monaten Busfahrerin – und glücklich über die berufliche Neuorientierung. Foto: Dana

Möglichkeiten aus der Arbeitslosigkeit auszubrechen und mit einer neuen Anstellung die Lebensqualität zu erhöhen, gibt es reichlich. Bei der Veranstaltung am 3. März von 9 bis 14 Uhr in den Räumen der Arbeitsagentur in Hameln (Süntelstraße) wird gezeigt, welche Stellen im nördlichen Weserbergland frei sind und wie die persönlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt stehen. Sich selbst richtig einzuschätzen und die eigenen Fähigkeiten zu erkennen und gezielt einzusetzen, fällt besonders Frauen oft schwer, heißt es. In der Frage „Wer bin ich und was kann ich?“ liege der Stolperstein für den Start in eine neue Selbstständigkeit. Die Arbeitsagentur will hier Abhilfe leisten. Auch ungelernte Kräfte oder Menschen, für die nur eine Teilzeitstelle infrage kommt, werden mit Weiterbildungen oder Umschulungen finanziell gefördert. Denn vor allem für Alleinerziehende stellt sich oft die Frage: Wohin mit meinem Kind während ich arbeite?

Ina Bröker, Hotelfachfrau und Mutter zweier Kinder, ging gegen ihre Arbeitslosigkeit energisch an. „Ich konnte in der Gastronomie nicht mehr arbeiten. Die Schichtarbeit und das Arbeiten an den Wochenenden und Feiertagen waren nicht mehr das Richtige“, sagt sie. Gefördert durch die Arbeitsagentur bildete sie sich im kaufmännischen Bereich bei der „Akademie Überlingen“ fort. Die große und moderne Schulungseinrichtung bietet vielfältige Kursangebote für Erwerbslose. Abgerechnet werden diese Angebote anhand eines Bildungsgutscheines. Während der neunmonatigen Ausbildung musste Ina Bröker hart lernen und Prüfungen absolvieren. „Klar, es war nicht einfach. Im Grunde war diese Fortbildung so etwas wie ein Eigenstudium.“ Gelohnt hat sich dieser Einsatz für die Berufsrückkehrerin in jedem Fall. Sie bewarb sich bei einer Hausverwaltung und arbeitet nun in Teilzeit als Objektverwalterin. „Schon die erste Bewerbung brachte mir meinen neuen Arbeitsplatz“, freut sich die Rintelnerin. Auch ihre Kinder waren für ihren Arbeitgeber Mark Wietoska kein Hinderungsgrund. „Ich habe sehr gute Erfahrungen mit solchen Arbeitnehmern gemacht, die es etwas schwerer haben, eine Stelle zu finden“, erklärt er, „sie sind meist besonders engagiert und zuverlässig.“ Ina Bröker betont: „Mein Job macht mir Spaß. Ich empfehle allen Frauen, das Gleiche zu tun: den Mut zu haben, etwas Neues anzufangen!“

Im Februar waren von den 19 728 Menschen, die bei der Arbeitsagentur Hameln oder den Jobcentern der Region arbeitslos gemeldet waren, 8417 Frauen – ein Anteil von 42,7 Prozent. Während die Zahl der registrierten Erwerbslosen seit Januar insgesamt um 198 und seit Februar 2009 um 689 gestiegen ist, liegt sie bei den Frauen allein auf dem Niveau des Vormonats und im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 97 niedriger.

Weitere Eckpunkte aus dem gestern veröffentlichten regionalen Arbeitsmarktreport für Februar:

Die Arbeitslosenquote stieg im Februar gegenüber dem Vormonat um 0,1 Punkte auf 9,7 Prozent. Im Februar 2009 hatte sie bei 9,4 Prozent gelegen.

78 Betriebe haben für 430 ihrer Mitarbeiter Kurzarbeit neu angezeigt. Laut der Quartalsauswertung hatten Ende Dezember 417 Betriebe Kurzarbeitergeld für 5141 Beschäftigte erhalten. 3754 Bezieher kamen aus der Industrie.

Die Zahl der Bezieher von Arbeitslosengeld I und der Arbeitslosen ohne Leistungsanspruch ist im Februar um 2,9 Prozent beziehungsweise 208 gestiegen; die Zahl der Bezieher von Arbeitslosengeld II, also vor allem Langzeitarbeitslose, ist leicht zurückgegangen.

Der anhaltend strenge Winter verzögere eine „belebende Dynamik auf dem Arbeitsmarkt“, kommentiert Ursula Rose. Es habe im Februar aber nach wie vor 3120 gemeldete offene Stellen gegeben – im Vergleich zum Vorjahresmonat waren das sogar 159 mehr.

Die Rückkehr ins Berufsleben ist für Frauen nach ihrer Familienzeit oft nicht einfach. Mitunter hilft es, sich umzuorientieren – aber wohin bloß? „Erkenne deine Möglichkeiten!“ wirbt die Agentur für Arbeit. Tanja Winkler hat es gemacht – so wurde aus der Altenpflegerin eine begeisterte Busfahrerin.




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