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Tag des Ehrenamts: Theologe der EKD fordert „Kümmerer“

BAD MÜNDER. Tag des Ehrenamts: Ein Tag, an dem jenen gedankt wird, die selbstlos anpacken, wenn es nötig ist. Würden die vielen helfenden Hände wegfallen, würde auch in Bad Münder ein Großteil des sozialen und kulturellen Lebens in vielen Gemeinden, Vereinen und sozialen Einrichtungen wegfallen.

Dr. Gerhard Wegner Foto: Plambeck/EKD
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Autor

Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Wie sich das Engagement über die Jahre verändert hat, darüber haben wir mit Dr. Gerhard Wegner gesprochen. Der Theologe aus Brünnighausen wertet seit Jahren Studien für die evangelische Kirche aus und stellt fest: Das Engagement ist gestiegen, die Helfer sind aber auch wählerisch geworden.

Herr Wegner, viele Vereine beklagen, dass ihnen Helfer fehlen. Trotzdem zeigt Ihre Auswertung, dass das Engagement eigentlich steigt. Wie passt das zusammen?

Dr. Gerhard Wegner: Das eine ist der statistische Wert, das andere die Realität. Die Definition von Ehrenamt im Freiwilligensurvey sehr weit gefasst. Trotzdem stimmt es: Es gibt insgesamt mehr Ehrenamtliche. Was sich aber verändert hat, ist, dass man früher eher Pflichtaufgaben übernommen hat. Heute engagieren sich die Menschen eher nach ihrem Interesse und ihren Fähigkeiten.

Und das wirkt sich wie aus?

Kirchen- oder Vereinsvorstände sind heute nur noch schwer zu besetzen. Solche Posten wie Schriftführer oder ähnliches sind mühselige Aufgaben, die wenig Spaß machen. Das passt nicht zu dem Anspruch, dass man seine eigenen Fähigkeiten einbringen möchte, etwas gestalten möchte, anderen Menschen helfen will.

Ihre Auswertung beruht auf Daten aus dem Jahre 2014. Was hat sich, gefühlt, seitdem verändert?

Gerade die große Zahl an Geflüchteten hat sicher zu einem starken Anstieg des ehrenamtlichen Engagements geführt, das kann man anhand erster Daten sehen. Da haben sich auch viele Menschen engagiert, die bisher nicht aktiv waren. Allerdings ist die Statistik da neutral: Es gab auch eine starke Mobilisierung von Menschen, die sich gegen Flüchtlinge positioniert haben und bei Pegida oder ähnlichem mitgeholfen haben.

Offenbar engagieren sich vor allem jüngere Menschen vermehrt ehrenamtlich – sind die nicht eigentlich mit Berufseinstieg und Ausbildung besonders stark eingebunden?

Früher stimmte das. Junge Erwachsene waren oft mit Familienplanung und Karriere beschäftigt. Allerdings wird von Arbeitgebern ehrenamtliches Engagement heute besser anerkannt. Soziale Kompetenzen, Führungsqualität und andere ‚Soft Skills‘ erlernt man in vielen Ehrenämtern. Die sind auch im Beruf hilfreich.

Außerdem sind Arbeitszeiten immer stärker entzerrt worden. Zwar müssen viele oft überall erreichbar sein, gleichzeitig sind aber auch die Möglichkeiten gestiegen, sich zwischendurch zu engagieren. Dass man ein paar Stunden arbeitet, dann einen Flüchtling zum Arbeitsamt begleitet und danach wieder weiterarbeitet, zum Beispiel. Beruf und Ehrenamt sind teils einfach besser vereinbar als früher.

Sie haben die Daten vor allem mit Blick auf die Religionszugehörigkeit untersucht. Welche Unterschiede gibt es da?

Generell ist bei Menschen, die sich einer Religion zugehörig fühlen, das Engagement höher. Das hat mit einer Wertorientierung zu tun, die die Menschen motiviert, sich für andere einzusetzen – Nächstenliebe zum Beispiel bei der Kirche.

Bei gläubigen Moslems in Deutschland ist das Engagement auch sehr hoch, außerdem sehr stark als Pflicht ausgeprägt. Allerdings eher in Richtung der eigenen Glaubensgenossen und der Familie. Das ist aber auch logisch, viele Menschen setzen sich eher für Personen ein, die ihnen nah sind, als dass sie im Sportverein oder der Feuerwehr aktiv sind.

Das Engagement dieser Menschen müsste man viel enger mit der deutschen Zivilgesellschaft verknüpfen. Da sind aber auch die Vereine gefordert, die Zugangsschwellen zu senken. Da gibt es ganz klar Defizite.

Gibt es noch andere Defizite bezogen auf bestimmte Teile der Gesellschaft?

Wir beobachten seit längerem, dass Menschen mit einem niedrigeren Bildungsgrad oder die lange arbeitslos sind, sich wenig bis gar nicht engagieren. Viele trauen sich gar nicht zu, dass sie anderen helfen können. Und auch da gibt es eine Zugangsschwelle: Man hat offenbar das Gefühl, nicht anerkannt zu sein. Bei den Tafeln zum Beispiel ist das zwar weniger ein Problem, in anderen Vereinen hingegen schon.

Aber dagegen kann man etwas tun: Wir brauchen ‚Kümmerer‘, die gezielt auf solche Menschen zugehen, sie an ein Ehrenamt heranführen und begleiten. Das ist für diese Menschen dann ganz oft ein wunderbares Erlebnis und stärkt das Selbstvertrauen. Deswegen, oder aufgrund der Kontakte, die durch das Ehrenamt entstehen, kann man unter Umständen auch wieder Arbeit finden.



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