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Zweites Café International bringt Flüchtlinge und Helfer beim Backen, Essen und Abwasch einander näher

Süßer Genuss und gute Gespräche

Rinteln. Bis zum letzten Moment schleppen Flüchtlinge noch Kuchen ins Johannis-Kirchzentrum, beinahe passt nicht alles auf die Büfett-Tische beim zweiten Café International. Denn auch Ehrenamtliche aus der Johannis-Kirchengemeinde haben Torten und Apfelkuchen gebracht. „Besonders Torten sind gefragt“, weiß Anneliese Dreyer, „die Flüchtlinge mögen es gern sehr süß.“ Wenig später geht der Ansturm los, aber es ist genug für alle da. Wieder mehr als 100 Besucher, und ein Sprachgewirr auch beim Abwasch später fast wie beim Turmbau zu Babel.

Autor:

Dietrich Lange

Doch an den Tischen wird es bald ruhiger. Wenn Amar aus dem Süd-Sudan, Ilias aus dem Irak und die Familie Blerina, Vilson und Elena aus Albanien miteinander und zwei Frauen aus Rinteln sprechen wollen, geht nur Englisch oder Deutsch. Und erstaunlicherweise flutscht es mit Deutsch-Brocken am besten. Alle sind lernwillig. Ilias ist von Rinteln sogar schon nach Herford umgezogen, besucht dort eine Sprachschule, will möglichst bald höhere Sprachlevels erreichen, um auch Chancen auf Arbeit zu haben. Die albanische Familie freut sich, schon ein Reihenhaus im Niedersachsenweg bewohnen zu können. Deutsche Anwohner loben dort die gepflegten Grundstücke der Flüchtlingshäuser. Amar freut sich schon auf den ersten Schnee seines Lebens: „I like it cold“, lacht er, denn er scheint genügend Pullover zu haben. Vilson dagegen trägt T-Shirt, er ist von Beruf Bäcker: „Aber nur für Brot, den Kuchen für heute hat meine Frau gebacken.“ Weihnachten werden sie übrigens nicht besonders vermissen, denn in ihrer Heimat wird eher das neue Jahr gefeiert.

Zu dieser Kooperationsveranstaltung von Arbeiterwohlfahrt und Johannis-Gemeinde begrüßte eingangs Sozialarbeiterin Veronika Matamu die immer noch eintrudelnden Gäste vom Baby bis zur Oma. Darunter auch Albrecht Schäffer, der beim Kinderschutzbund Familienpaten ausbildet: „Ein Drittel der von uns betreuten Familien sind bereits Ausländer oder Flüchtlinge. Und am 2. Dezember verabschieden wir wieder einen Kurs Familienpaten, von denen die meisten gern Flüchtlinge unterstützen würden.“

Mit einem Reiskuchen und Granatapfelstücken, einer Spezialität aus Afghanistan, sind Fateh (16) und Bahara (17) Nikzad gekommen. Die beiden christlichen Geschwister aus dem Süden des kriegsgeschüttelten Landes sind auf eigene Faust geflohen, wollten gleich nach Deutschland. Fateh: „Unsere Mutter und ein Bruder leben in Rinteln, ein anderer Bruder bereits seit Jahren in Hannover. Sie alle haben uns erzählt, die Deutschen sind in Ordnung.“ Zu Fuß, per Boot und Auto sind sie drei Monate unterwegs gewesen bis ins Land ihrer Träume. Sie vermissen zwar ihr Elternhaus, aber der Vater wurde schon von Taliban getötet, als Fateh vier Jahre alt war. An ein Zurück ist nicht zu denken.

2 Bilder
An den Tischen sind Deutsch und Englisch die Sprachen: hier drei Rintelner mit Flüchtlingen aus dem Süd-Sudan, Irak und Albanien.

Stattdessen richten die beiden Geschwister, die bei Bruder und Mutter wohnen, den Blick nach vorn, das heißt ins Gymnasium Ernestinum. Dort gehen sie in die 10. Klasse, sprechen schon erstaunlich gut Deutsch. Fateh wollte früher in Afghanistan Arzt werden, jetzt ist er schon auf Anwalt oder Richter umgeschwenkt: „Aber das kann sich in den nächsten Jahren noch weiter ändern.“

Gisela Gührs staunt, dass sich an ihrem Tisch die Flüchtlinge verschiedener Nationen schon als Brüder begrüßen. „Wir kennen uns aus dem Heim am Kerschensteiner Weg und sind Freunde geworden“, sagt Ilias. Deshalb ist er gern aus Herford zurückgekommen für diesen Tag. Er wie auch viele andere wollen unbedingt auch zum dritten Café International kommen. Darauf müssen sie aber länger warten. „Wir schaffen das erst wieder am letzten Dienstag im Januar“, sagt Matamu. Dann werden die Tische wieder reich und süß gedeckt sein. Im Keller wartet auf die Jugendlichen erneut der Kickertisch, denn sie sind fürs Basteln zu alt un für Kaffeeplausch zu jung. Café International, für jeden ist etwas dabei, egal woher er oder sie kommt.




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