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„Stunde Null“ in heimischen Wäldern

Den Morgen des 19. Januar 2007 haben Ottmar Heise und Christian Weigel noch sehr genau in Erinnerung. Heise wacht als Leiter des 1300 Hektar großen Hamelner Stadtforstes über einen der größten kommunalen Forstbetriebe Niedersachsens. Weigel betreut 8200 Hektar Landes- und 11 000 Hektar Genossenschaftswald in den 15 Revierförstereien des Forstamtes Oldendorf. Von Rinteln im Norden bis Polle im Süden erstreckt sich das Waldgebiet, über die Landkreise Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Holzminden. Trotz dieser unterschiedlichen Dimensionen klingt das, was die beiden von Tag eins nach „Kyrill“ erzählen, fast gleich: „Auf den Waldwegen lagen dicke Fichtenstämme, drei bis vier Meter hoch, kreuz und quer wie Mikado-Stäbchen.“ Und: „Das wahre Ausmaß des Sturmes konnte niemand ermessen, es gab keine Luftbilder, wir hatten keinen Hubschrauber. Also sind wir hier durchgekrabbelt – und haben gehofft, dass in dem Chaos niemand ums Leben kommt.“

Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Mitte Januar 2007 hinterließ „Kyrill“ in weiten Teilen Westeuropas ein Trümmerfeld: Mit Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde zerlegte der Orkan mehr als 50 Millionen Bäume, zerstörte Brücken, deckte Dächer ab und knickte Strommasten um wie Streichhölzer. „Kyrill“ fegte über die Norddeutsche Tiefebene hinweg und richtete in den ersten Höhenzügen, auf die er traf, massive Verwüstungen an. Neben dem Wiehengebirge im Raum Osnabrück trugen die Wälder im Weserbergland die stärksten Schäden davon. Im Hamelner Stadtwald fällten Windhosen rund 7500 Kubikmeter Holz, im Landeswald des Forstamtes Oldendorf mehr als 80 000 Festmeter – ein Ausmaß, das erst fassbar wird, wenn man die übliche jährliche Einschlagmenge dagegenhält: In Hameln wurden vor „Kyrill“ 8500 bis 9000 Festmeter Holz geschlagen, auf den 8200 Hektar Staatsforst waren es 45 000. „Rechnet man die Privatwälder hinzu, lag hier nach dem Sturm die doppelte Menge im Wald“, erinnert sich Weigel.

Etwa 90 Prozent des Schadens gingen auf Kosten der Fichte. Der Nadelbaum braucht viel Wasser, in heißen und regenarmen Sommern trocknet er aus und wird brüchig. Zugleich vermehrt sich der Borkenkäfer, auf dessen Speiseplan die Fichte ganz oben steht, bei Wärme exponentiell – und macht den ohnehin schon mürben Baum zusätzlich sturmanfällig. Da in den meisten deutschen Wäldern jahrzehntelang mit Vorliebe Reinkulturen angelegt wurden, waren die Sturmschäden auf jenen Flächen, auf denen ausschließlich Fichte wuchs, verheerend. Typisch für „Kyrill“ waren die Schneisen, die er schlug – ganze Hänge sahen aus, als wäre ein Riese auf ihnen Schlittschuh gelaufen. Und am Rande dieser Schadstränge gab es massive Kollateralschäden: Auf dem Süntel-Hochplateau Dachtelfeld fiel eine ganze Ebereschen-Allee unter der Last der umgewehten Fichten.

„Es hat Förster gegeben, denen standen nach Kyrill die Tränen in den Augen“, berichtet Weigel, „von 4 Uhr morgens bis 22 Uhr am Abend haben die Waldarbeiter damals gearbeitet, bis zur völligen Erschöpfung.“ Fast ein Dreivierteljahr dauerten die Aufräumarbeiten im Forstamt Oldendorf, bis in den Spätsommer hinein – und immer mit der Angst im Nacken, der Borkenkäfer könne über das liegende Fichtenholz herfallen und Werte in Millionenhöhe vernichten. Wenige Jahre zuvor, nachdem Orkan „Lothar“ im Dezember 1999 in Süddeutschland, Frankreich und der Schweiz gewütet hatte, war die eigentliche Katastrophe erst Monate nach dem Sturm eingetreten, als Schädlinge das Sturmholz zerfraßen und wertlos machten. Doch im Weserbergland hatte man Glück im Unglück: Durch günstiges Klima blieb der befürchtete Borkenkäferbefall aus.

Die meisten der gefallenen Fichten waren im Hamelner Stadtwald Mitte Mai aufgeräumt, und so konnte Forstamtsleiter Heise das Holz aufarbeiten und verkaufen, noch bevor die heimischen Rohstoffpreise wegen des Überangebotes fielen. Der Großteil des Holzes wurde in einem Umkreis von 300 Kilometern abgenommen, ein weitaus kleineres Kontingent ging in den Export nach Asien. Wenig später sanken die Nadelholzpreise in Europa zeitweilig um 30 bis 50 Prozent. Christian Weigel setzte von vornherein auf den Export in die USA, wo der Markt in den Jahren 2007 und 2008 sehr aufnahmefähig war – „zum Glück“, wie er hinzufügt, „denn heute, nach der Finanzkrise, wäre die Situation ganz anders, da hätten wir ein echtes Problem.“

Der finanzielle Schaden, den „Kyrill“ im Weserbergland anrichtete, ist nicht einfach zu bemessen. Auf der einen Seite stehen die direkten Kosten für Neupflanzungen, Wegebau und -instandsetzung. Für Stadt- und Privatwälder gab es hierfür finanzielle Hilfe vonseiten des Staates und der EU. „Der größere Schaden aber ergab sich aus dem Zuwachsverlust“, erklärt Heise: Das Sturmholz war zum Zeitpunkt seines Verkaufs viel dünner als die Stämme, die normalerweise gefällt und verkauft werden. Und: Auf vielen Flächen, auf denen vor dem Kahlschlag reine Fichtenkulturen wuchsen, wurden nach dem Orkan neue Jungbäume gepflanzt – oftmals kostenintensivere als zuvor. Weigel: „Eine Eichenkultur kostet 15 000 Euro, eine Fichtenkultur aber nur 3 000 – auch das muss in den Rechnungen berücksichtigt werden.“

Nicht eine einzige Fichte pflanzten Heise und Weigel nach „Kyrill“ neu, ohnehin war das mit den Neupflanzungen auf Windwurfflächen so eine Sache: Als das Chaos, das der Sturm hinterlassen hatte, im Frühjahr 2008 aufgeräumt war und die Freiflächen zur Re-Kultivierung bereit standen, war der Jungpflanzen-Markt bald erschöpft. „Alle wollten zu dieser Zeit Pflanzen kaufen“, erinnert sich Weigel – ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde den Dingen also gezwungenermaßen ihren Lauf gelassen. Während das mehr als 100 Hektar große Dachtelfeld beispielsweise noch bepflanzt wurde, waren für eine weitere gewaltige Schneise, die Kyrill im Forstamt Oldendorf geschlagen hatte, schlichtweg keine Pflanzen mehr zu bekommen. Hier verließ man sich komplett auf die Naturverjüngung – mit erstaunlichen Ergebnissen: Hunderte von Lärchen wachsen hier heute, einige messen bereits mehr als zwei Meter.

Im Hamelner Stadtwald verzichtete Ottmar Heise beinahe völlig auf Neupflanzungen, gepflanzt wurde nur auf einer etwa sechs Hektar großen Fläche. Im Schatten hoher Fichten waren bereits vor dem Orkan Buchen angesiedelt worden, und alles, was nach dem Sturm noch stand, hütete Ottmar Heise wie seinen Augapfel: „Als Forstmann ist man erst einmal geschockt, man hat viel Arbeit und Zeit in den Wald gesteckt. Da lässt man stehen, was irgendwie stehen geblieben ist, und rührt es erstmal nicht mehr an.“ Erst jetzt, mehr als fünf Jahre nach „Kyrill“, kommt Heise erstmals an den Punkt, die neuen Baumbestände pflegen zu müssen, „läutern“, wie es im Fachjargon heißt. Der „Lichtschock“, den viele vormals im Schatten der Fichten lebende Pflanzen 2007 bekamen, ist verkraftet, „jetzt geht hier bei den Bäumen richtig die Post ab“, erklärt Heise.

Heute, ein halbes Jahrzehnt nach „Kyrill“, zeigt sich, dass die Katastrophe auch eine Chance mit sich brachte, in der „Stunde Null“ bot sich auch die Gelegenheit zum Neuanfang. „Durch Neupflanzungen und Naturverjüngung konnten wir direkt auf veränderte Klimabedingungen reagieren“, sagt Weigel, „konnten die für Trockenheit und Brüchigkeit anfällige Fichte ersetzen durch krisenfestere Baumarten, konnten uns breiter aufstellen, Kulturen aufbrechen und mischen.“ Durch diese Mischung, so hoffen die beiden Forstmänner, ist der Wald stabiler und flexibler geworden. Dort, wo früher riesige Fichtenkulturen standen, wachsen heute Lärchen, Douglasien und Birken nebeneinander, wurden Vogelbeeren herbeigeweht, aus denen sich prächtige Ebereschen entwickelten. „Ein guter Wald ist wie ein gutes Aktienpaket“, beschreibt es Christian Weigel treffend: Die Mischung macht‘s.

Mit Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde fegte Orkan „Kyrill“ im Januar 2007 über Westeuropa hinweg und hinterließ ein Bild der Verwüstung. Fünf Jahre später heilen die Wunden, die der Sturm in die Wälder des Weserberglandes schlug, allmählich – die Katastrophe wird zur Chance für einen stärkeren Wald.

Nachdem das Chaos beseitigt war, setzte man auf waldbauliche Vielfalt – heute ist der Wald stabiler, flexibler und weniger sturmanfällig als fünf Jahre zuvor.

Foto: ww




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