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Straßenausbau: Eine Familie zahlt mehr als die Stadt

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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Sie ist erschüttert: „Wir bangen um unsere Existenz.“

Rechtlich sei das alles sicher richtig, „aber menschlich eine Katastrophe“. Auf jeden Euro hatten sie damals geguckt, als sie – Eltern, Großeltern und ein Kind – 2014 nach Nettelrede zogen. Die Familie aus Hannover wollte vereint aufs Land ziehen. Der große Hof am Katzenteich war dafür ideal: Zwar renovierungsbedürftig, aber mit viel Platz und für die Familie gerade noch bezahlbar. Rund 200 000 Euro hat der Hof gekostet, der Landkreis hat den Kauf der Familie über das Projekt „jung kauft alt“ gefördert. „Dass die Straße vor unserem Grundstück noch erschlossen werden muss, hat uns niemand gesagt“, erklärt Christian Noack, Vater von inzwischen zwei Kindern. Seine Frau Paulina Noack ergänzt: „Wir zahlen zusammen mit zwei weiteren Anwohnern über die Hälfte der Straße.“

Kfz-Meister, Erzieherin, Küchenhilfe – alle Erwachsenen in der Familie gehen einem Beruf nach, verdienen aber kein Vermögen. Dafür packen sie alle mit an bei der Renovierung der Gebäude. „Alles, was ein Handwerker machen kann, machen wir selber“, erklärt Großvater Adam Kadziela. Wände haben sie schon neu gemauert, Fachwerk freigelegt und viele kleinere Arbeiten erledigt.

Aber es gibt noch genug Baustellen auf dem Hof, der über 100 Jahren alt ist. „Wir hatten jeden Schritt gemeinsam geplant“, erklärt Kadziela. Ein Kinderzimmer ist noch lange nicht fertig, das Dach der Scheune müsste erneuert werden, ein Anbau an das Wohnhaus war angedacht. Doch wegen der drohenden Rechnung liegen jetzt alle Pläne auf Eis. „Wir wissen nicht, wann wir weitermachen können“, sagt Großmutter Agata Kadziela.

Ihren Kreditrahmen haben sie vor zwei Jahren bereits ausgeschöpft um Haus und Hof zu kaufen, fast 30 Jahre lang werden sie dafür in der Kreide stehen. „Wir kriegen kein Geld mehr“, erklärt Paulina Noack. Wo sie weiter sparen wollen, wissen sie aber auch nicht. Außerdem drückt es den Erwachsenen aufs Gemüt, dass noch nicht feststeht, wann genau sie zahlen müssen. 80 Prozent der Summe werden bei Baubeginn fällig, doch dafür gibt es noch keinen Termin. Fest steht nur: Nicht mehr in diesem Jahr.

Dass seit über einem Jahr außerdem noch regelmäßig Busse, Traktoren und andere große Fahrzeuge über den Katzenteich zur Bundesstraße fahren, stört die Familie zusätzlich. Der Straßenlärm hat wesentlich zugenommen, seitdem vor über einem Jahr die Tempsstraße am Dorfgemeinschaftshaus verengt wurde. Busse und Landwirtschaftsfahrzeuge passen dort nicht mehr durch und wählen den Weg über den Katzenteich.

Egal in welche Richtung die Familien Noack und Kadziela überlegen: Einen Ausweg sehen sie nicht. „Wir müssen bei der Stadt einen Kredit aufnehmen.“ Dennoch bleiben Fragen: Warum die Grundstücksfläche entscheidend ist, wieso der Zinssatz bei einer Stundung von der Stadt auf sechs Prozent festgelegt ist und weshalb die Straße nach 30 Jahren überhaupt noch erschlossen werden muss. „Da hätten wir auch gleich in Hannover bleiben können“, sagt der gefrustete Vater Christian Noack.

Beim Katzenteich gilt nicht die städtische Straßenausbausatzung, wie Fachdienstleiterin Erika Dittrich erläutert. Stattdessen greife hier das Erschließungsbeitragsrecht, weil die Straße nie endgültig ausgebaut wurde. Dass sich die Anlieger beim erstmaligen Ausbau einer Straße mit 90 Prozent an den Kosten zu beteiligen haben, sei vom Gesetzgeber festgelegt. Neben Familie Noack sind weitere 16 Anlieger betroffen. Die Gesamtkosten kalkuliert die Stadt mit 287 000 Euro – dieser Betrag wurde letztlich auch für den Beitrag, den die Anwohner leisten müssen, herangezogen – also 258 000 Euro. 10 Prozent übernimmt die Stadt.

Welcher Anwohner wie viel zahlen muss, unterliegt verschiedenen Kriterien. Es kommt nicht nur auf die Grundstücksgröße an, sondern auch, wie viele Geschosse laut Bebauungsplan erlaubt sind. „Es geht immer danach, was möglich ist und nicht, was tatsächlich gebaut wurde“, so Dittrich.

Die meisten Anwohner hätten bereits vor Jahren einen Abschlag gezahlt, sodass die aktuellen Kosten geringer ausfielen. Der nächste Abschlag sei bei Baubeginn fällig. Die Schlussrechnung flattere erst ins Haus, wenn die Straße abgenommen sei.

Die Verwaltung plant einen Baustart im Frühjahr. Aktuell seien die Preise nämlich „ganz oben“ wie Projektleiter Gerd Stracke erläutert. Er rechnet mit Einsparungen von 20 Prozent, wenn noch gewartet wird. Die Bauzeit beträgt nach seiner Schätzung acht Wochen. „Die Anlieger haben keinen Druck gemacht.“

Können die Anlieger die Summe nicht aufbringen, kann die Stadt einspringen und eine Stundung gewähren, erklärt Dittrich. „Ich muss allerdings sechs Prozent Stundungszinsen nehmen. Da ist es bei einer Bank aktuell meist günstiger.“ Ein bis zwei Stundungsanträge habe sie in solch einem Fall immer. Die Fachdienstleiterin zeigt Verständnis für Familie Noack: „Häuslebauer sind eher auf diese Kosten eingestellt als Menschen, die einen alten landwirtschaftlichen Betrieb übernehmen.“



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