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Wahlkampf anno 1919: Wie Schaumburger und Schaumburg-Lipper die erste freie Wahl erlebten

Stimmung gereizt und aufgeheizt

Die politischen Beobachter und Kommentatoren sind sich einig: So langweilig und farblos wie in diesem Jahr ging es bei Bundes- und Landtagswahlkämpfen schon lange nicht mehr zu. Bei den beiden großen Volksparteien CDU und SPD seien kaum inhaltliche Unterschiede auszumachen. Die Spitzenkandidaten der Großen Koalition rückten sich – wenn überhaupt – allenfalls mit Samthandschuhen zu Leibe. „Deutschland bewegt sich wie im Schlafwagenzug auf den bundesweiten Urnengang am 27. September zu“, beschrieb eine Tageszeitung die Situation.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das sah bei den ersten demokratischen Wahlen vor 90 Jahren ganz anders aus. Erstmals in ihrer Geschichte durften die Deutschen 1919 an freien und geheimen Abstimmungen teilnehmen. Sogar Frauen waren zugelassen. Am 19. Januar 1919 ging es um die Abgeordneten der neuen verfassunggebenden Nationalversammlung der noch im Aufbau befindlichen Weimarer Republik. Und schon kurze Zeit später musste beziehungsweise durfte über die Zusammensetzung der nach dem Zusammenbruch der „alten“ König-, Herzog- und Fürstentümer neu entstandenen Regionalparlamente entschieden werden. Die Einwohner der Grafschaft Schaumburg traten bereits am 26. Januar 1919, also eine Woche nach der Reichstagsentscheidung, zu einem zweiten Urnengang (Wahl einer neuen preußischen Landesversammlung) an. Und die Wahl der 15 Abgeordneten des Landtags im benachbarten Freistaat Schaumburg-Lippe ging am 16. Februar 1919, vier Wochen nach der Reichstagswahl, über die Bühne.

Unverhohlene Abneigung

Schon Ende 1918 hatte ein harter und immer rabiater und lautstärker geführter Wahlkampf eingesetzt. Die Stimmung war gereizt und aufgeheizt. Rechts- und Linksparteien standen sich mit unverhohlener Abneigung gegenüber. Das Reich steckte in einem schwierigen Umbruch. Der Erste Weltkrieg war verloren, die Kaiserära jäh beendet worden. Überall und immer wieder flammten revolutionären Unruhen auf. Der Kampf um die Macht und der Streit um den richtigen politischen Kurs war - selbst im sonst eher betulich-beschaulichen Schaumburger Land - zum unerbittlichen Glaubenskrieg eskaliert.

Besonders kräftig drosch die konservativ-monarchistische Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP) auf die politische Gegnerschaft ein. Erklärter Hauptfeind war die SPD. Die Sozialdemokratie stehe für „internationale Herrschaft des Proletariats, baldigste allgemeine Enteignung, Verstaatlichung aller Betriebe und religionslose Schule“ war in den in Schaumburger Zeitung und Schaumburg-Lippischer Landes-Zeitung abgedruckten Wahlaufrufen zu lesen. Wenn die Linke ans Ruder komme, seien „Anarchie und Bolschewismus wie in Russland mit Brandstiftung, Mord und Totschlag“ quasi vorprogrammiert.

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Friedrich Ebert, der erste deutsche Reichspräsident, bei einer Rede vor der 1919 neu gewählten Nationalversammlung in Weimar.

Drei kleinere Parteien zwischen den Fronten

Die SPD-Aktivisten warfen den Deutschnationalen im Gegenzug vor, durch ihr Krisengerede einen Bürgerkrieg anzetteln zu wollen: „Die DNVP will Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung verhindern!“

Zwischen den beiden Hauptkontrahenten des rechten und linken Flügels versuchten sich, so gut es ging, drei kleinere Parteien zu behaupten: die DDP (Deutsche Demokratische Partei), die DVP (Deutsche Volkspartei) und die Zentrumspartei (Z), die sich neuerdings Christlich-Demokratische Volkspartei nannte.

DVP (Industrie und des Großbürgertum) und Zentrum (Katholiken) galten als reine Interessenvertretungen und blieben wegen ihres begrenzten Wählerpotenzials bei den ideologischen Grabenkämpfen weitgehend außen vor. Ganz anders die DDP, zu deren erklärter Zielgruppe vor allem das aufgeklärte Bürgertum zählte. „Ja zum Verfassungsstaat, strikte Trennung von Staat und Kirche und eine Begrenzung des staatlichen Einflusses auf die Wirtschaft“ so die Kernsätze ihres Wahlprogramms.

Deutschnationale auf der Palme

Die Forderung nach unreglementierter Wirtschaftspolitik provozierte die SPD. Und das Bekenntnis zu Parlamentarismus und Demokratie brachte die Deutschnationalen auf die Palme. „Darum, ihr Bürger: heraus aus dem demokratischen Lager, los von der verjudeten Demokratischen Partei, folgt weder der roten noch der goldenen Internationale“, hieß es auf den Wahlplakaten der DNVP.

Einige der in den Folgejahren bedeutsamen Parteien spielten 1919 – zumindest hierzulande – (noch) keine Rolle. Die kurz zuvor aus der Taufe gehobene KPD trat zur Weimar-Wahl nicht an. Die NSDAP gab es noch nicht. Und die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), die 1717 aus dem pazifistischen Flügel der SPD hervorgegangen war, hatte in der heimischen Region nicht Fuß fassen können.

Zur Nationalversammlungswahl am 19. Januar 1919 war die gesamte hiesige Region, also sowohl der eigenständige Staat Schaumburg-Lippe als auch der preußische Kreis Grafschaft Schaumburg, einem bis weit ins Westfälische hineinreichenden Großstimmbezirk zugeschlagen worden. Von den mehr als 80 Namen auf der Kandidatenliste dürften den heimischen Wählern – wenn überhaupt – allenfalls die neun aus der näheren Umgebung kommenden Bewerber bekannt gewesen sein – der Bürgermeister Richard Herzog aus Obernkirchen, der Rechtsanwalt Dr. Friedrich Böttcher aus Bückeburg, der Gastwirt Heinrich Lorenz aus Stadthagen, der Geschäftsführer Leonhard Ebert und die beiden Kaufleute Hermann Schrader und Hermann Christoph (alle drei Rinteln), der Landwirt Heinrich Langhorst aus Lüdersfeld bei Stadthagen, der Kaufmann M. P. Jenner aus Hessisch Oldendorf und der Molkereibesitzer Richard Dehn aus Waltringhausen bei Bad Nenndorf. Ins Weimarer Nationalparlament schaffte es nur Bauer Langhorst aus Lüdersfeld.

Außerordentlich hohe Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung war – sowohl beim Weimar-Urnengang als auch bei den anschließenden Landtags-Abstimmungen – außerordentlich hoch. In Schaumburg-Lippe gingen mehr als 85 Prozent, im preußischen Kreis Rinteln sogar weit mehr als 90 Prozent der Einwohner in die Wahllokale – Zahlen, von denen politisch interessierte Beobachter heute noch nicht einmal zu träumen wagen.

Die größten Hoffnungen setzten die Deutschen damals in die Sozialdemokratie. Über eine besonders große Anhängerschaft durften sich die Genossen hierzulande freuen. Ihr Stimmenanteil lag mit 58,3 Prozent in der Grafschaft Schaumburg und 55,6 Prozent in Schaumburg-Lippe ganz erheblich über dem Reichsdurchschnitt (37,9 Prozent). Als ausgeprägte SPD-Hochburgen erwiesen sich in der Grafschaft unter anderem Obernkirchen, Rolfshagen, Exten, Liekwegen und Krankenhagen. In Schaumburg-Lippe wurden die meisten Ja-Kreuze auch und vor allem in Stadthagen, Sülbeck, Nienstädt, Ahnsen, Vehlen, Wendthagen und Niedernwöhren erzielt.

Der einzige Ort, in dem es keine rote Mehrheit gab, war Bückeburg. Hier siegte die konservativ-fürstentreue DNVP.




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