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Stilkritik aus dem Jugendzimmer

Jada Joyce fällt auf. Mit ihrer großen Ray-Ban-Brille und ihrer überdimensionierten Handtasche durchkreuzt sie den Raum. Ihr Kleidungsstil: eine Mischung aus entspanntem Street-Stile und jugendlicher Fiebrigkeit. Knapp bestellt sie einen Latte Macchiato, dann beginnt Jada mit so viel Selbstverständlichkeit und Inbrunst über die Modewelt zu reden, dass Zweifel wachsen, dass Jada erst 14 Jahre alt sein soll. Ein Eindruck, der sich auch im Gespräch nicht ändern wird.

In ihrem Blog schreibt Jada darüber, was ihr gefällt: Die burgunderfarbenen Stiefel (Foto 1) hat sie sich im Internet bestellt.
Tomas Krause

Autor

Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite

„Marc Jabcos. Klar, der enwirft coole Taschen für Louis Vuitton. Marcel Ostertag und Dawid Tomaszewski sind aber auch fantastische Designer“, meint Jada. Das „Who-is-who“ der Modemacher kommt wie aus der Pistole geschossen, aber es wirkt nicht aufgesetzt. Im Gespräch wird schnell klar, Jada kennt sie alle: Designer, Labels, die wichtigsten Fashion-Shows und die vielen namhaften Blogger. Denn die 14-Jährige gehört selbst zum Zirkus der bloggenden Kritiker. Vor gut zwei Jahren hat die Hamelner Gymnasiastin auf ihrem eigenen Modeblog „Jada Fashion“ begonnen, ihren Kleidungsgeschmack im Internet zu dokumentieren. Dort postet sie, was ihr gerade gefällt, und was nicht. Zur Zeit gefallen ihr burgunderfarbene Stiefel von Zign.

Was macht man in so einem Blog, frage ich Jada. Die Antwort kommt prompt: „Es geht darum zu zeigen, was mich interessiert und was ich ästhetisch finde. Wenn ich eine Kollektion oder ein Detail gut finde, dann schreib ich das auch. Genauso, wie ich deutlich sage, dass mir etwas nicht gefällt“, erklärt Jada. „In meinem Blog kann ich so frech und ehrlich sein, wie ich will, und wenn ich die Leute mit meinem Stil auch noch inspiriere, dann ist doch alles gut gelaufen. Deine Meinung sagen, Zuhörer finden und inspirieren – wow!“

Halbsätze, Ausrufe, ungefilterte Gefühle – in den meisten Blogs geht es um Herzensangelegenheiten und Überschwang bei der Suche nach ungewöhnlichen Modefotos und angesagten Accessoires. Fotostrecken von Laufsteg-Shows, Mode-Videos, Magazin-Ansichten, auch Bilder von ihr selbst und ihren neuesten Lieblingsstücken zeigt Jada auf ihrer Internetseite. „Jada-Fashion“ ist eine Mischung aus einem sogenannten „Outfit-Blog“ und einem „Magazin-Blog“: Aktuelle Kollektionen von Luxusmarken und günstigen Mainstream-Modeketten stehen neben Jadas eigenen Looks. Dafür durchforstet sie stundenlang das Internet, um Trends und Bilder aufzustöbern. Was sie einstellt, kommentiert sie – meist auf Englisch, schließlich hat sie Wurzeln in Großbritannien. 500 bis 700 Leser hat ihr Blog täglich. Für den Anfang eine Menge.

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Das Interesse an den Teenie-Bloggern verwundert nicht. Sie kreieren Trends, die von anderen Teenagern kopiert werden. Wenn Sarah Dierks aus Rinteln nicht weiß, was sie anziehen soll, dann geht sie ins Internet. Die Schülerin sucht dort nach Inspiration. „Ich lese Modeblogs, weil es mich interessiert, wie Mädchen in meinem Alter sich kleiden,“ sagt die Siebzehnjährige. Wo kaufen sie Klamotten? Wie kombinieren sie Outfits? Genau diese Fragen beantworten unzählige Mädchen, Frauen und zunehmend auch junge Männer in ihren Blogs – produziert in Kinder- und WG-Zimmern.

Jada Joyce hat ihre eigene Erklärung für den Erfolg dieser Stilfiebel der Facebook-Generation: „Blogger sind an den Leuten einfach näher dran als die Magazine. Außerdem ist das Internet viel schneller als ein Magazin.“ Vor allem gehe es aber um Authentizität. „Weil die meisten Blogs Hobby-Projekte sind, sind sie ehrlich, weil es keine Werbekunden gibt, von denen man sich abhängig macht“, sagt Jada. „Manchmal bekomme ich zum Beispiel T-Shirts von Mode-Labels geschickt, damit ich sie auf Jada Fashion vorstelle. Verbiegen tue ich mich deshalb aber nicht. Entweder das Teil gefällt mir oder nicht. Da bleibe ich ehrlich und das erwarten die Leser.“

Trotz ihrer 14 Jahre ist Jada aber keineswegs die jüngste Bloggerin. Eine der angesagtesten Ikonen der New Yorker Fashion-Welt ist die 13-jährige Tavi Gevinson. In ihrem Blog „Style Rookie“ zerreißt der eigenwillige Teenie eine Prada-Show, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Die Branche denkt um. Noch bis vor ein paar Jahren waren Einkäufer und Journalisten die wichtigsten Gäste auf Modeschauen. Mittlerweile sitzen sie nur noch in der zweiten Reihe. Ganz vorne sitzen Blogger wie „Bryanboy“ oder genannte Tavi Gevinson.

Der Einfluss von Bloggern auf Mode und Life-Style wächst, davon ist Jada überzeugt. Auch sie saß schon „front row“ bei der diesjährigen Berliner Fashion Week – auf Einladung eines befreundeten Bloggers. „Wir Blogger tauschen uns im Internet intensiv aus. Wir geben uns Tipps und teilen Links, wo es was Neues zu sehen gibt.“ Das sei wie eine weltweite Gemeinschaft von Insidern, „von Menschen, die Mode lieben und leben“, meint Jada. Hin und wieder sei sie deshalb auch als Guest-Bloggerin auf „youngvanity.com“ aktiv.

Mit einer guten Freundin hat sie gerade ein neues Online-Luxus-Magazin veröffentlicht. Auf „Journaluxury‘‘ schreibt sie jetzt auch von ihrer Testfahrt im Mercedes-Flügeltürer SLS AMG oder klagt ihr Leid, wie schwer es ist, die perfekte It-Back zu finden.

Ob sie Vorbilder habe, frage ich Jada. Sie überlegt, schüttelt ihren blonden Schopf. „Nein, dass will ich gar nicht. Ich lasse mich lieber von Stars, aber auch von normalen Menschen auf der Straße inspirieren, und natürlich durch Modemagazine und Modestrecken mit tollen Models.“

Und Jadas eigener Stil? „Ich passe mich ungerne Trends an und spiele lieber mit Stilen“, sagt sie. „Zum Beispiel kombiniere ich Vintage-Sachen vom Flohmarkt mit klassischen Stücken und H&M-Teilen. Aber Mode ist schnelllebig. Und ich bin noch jung. Ich suche noch nach meinen Stil.“

Bevor wir uns verabschieden, brennt mir noch eine Frage unter den Nägeln: Wie lebt es sich als Modebegeisterte in Hameln? „Sich in einer Kleinstadt Inspiration zu holen, ist fast unmöglich. Was hier modern ist, ist in London oder Berlin seit zwei Jahren schon wieder out. Deshalb ist das Internet auch so wichtig. Modeblogs halten Dich auf dem Laufenden, was in den Großstädten angesagt ist. Gerade kleine Mode-Labels wie ,Your-eyes-lie’ oder ,we make the cake’ haben hier eine Chance. In Hamburg oder Frankfurt gibt’s die Sachen dann bestimmt zu kaufen. So mach’ ich das jedenfalls.“

Modeblogs zum Stöbern:

www.jadafashion.net http://journaluxury.com/

www.lesmads.de

www.bryanboy.com

www.dandydiary.net www.fashiontoast.com

Was ist schick in London, Helsinki, Hamburg oder New York? Wer das wissen möchte, muss heute nicht mehr in Fashion-Zeitschriften blättern. Modeblogs im Internet verraten es viel schneller. Einer von ihnen heißt „Jada Fashion“. Dort erzählt die 14-jährige Schülerin Jada Joyce aus Hameln, was gerade hip ist.



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