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Zum 170. Todestag von Dr. Bernhard Christoph Faust, der den „Gesundheits-Katechismus“ verfasste

Steckenpferd: Gesundheitsfürsorge

Die Anzahl bedeutsamer und international erfolgreicher heimischer Schriftsteller kann man an den Fingern einer Hand abzählen, und auch die Menge der im Schaumburger Land produzierten Bestseller hält sich in Grenzen. Umso erstaunlicher mutet der Erfolg eines kleinen, vor 220 Jahren in Bückeburg verfassten Sachbuchs mit dem Titel „Gesundheits-Katechismus zum Gebrauche in den Schulen und beym häuslichen Unterrichte“ an. Schon von dem 1792 veröffentlichten Entwurfsmanuskript der knapp 100-seitigen Broschüre gingen mehr als 80 000 Stück über den Ladentisch. Im Laufe der folgenden zehn Jahre (bis 1802) wurden mehr als 150 000 Exemplare des mittlerweile neun Mal neu aufgelegten Werks verkauft. Doch damit nicht genug. Der Gesundheitsratgeber stieß auch außerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation auf großes Interesse. Er wurde in 16 Sprachen übersetzt – ein zu damaliger Zeit ganz und gar ungewöhnlicher Erfolg.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Verfasser des mit vier Holzschnitt-Darstellungen angereicherten Büchleins war ein gewisser Dr. Bernhard Christoph Faust. Der damals 37-Jährige, außerhalb seines Bückeburger Wirkungskreises noch weitgehend unbekannte Mediziner wurde im Katechismus-Vorspann als „Gräfl. Schaumburg-Lippischer Hofrath und Leibarzt“ und Mitglied der „Kön. Märkischen Oekonom. Gesellschaft zu Potsdam, der Schweizerischen Gesellsch. korrespond. Aerzte und Wundärzte, und der Kön. Churf. Landwirthschafts-Gesellsch. zu Celle vorgestellt.

Faust stammte aus dem hessischen Rotenburg/Fulda. Seine Neigung zur Heilkunst war ihm in die Wiege gelegt. Auch der Vater war Arzt. Der Junior studierte in Kassel und Göttingen. Seinen Doktor machte er an der damaligen Universität Rinteln. 1788 kam der 33-Jährige als Hofarzt nach Bückeburg. Dort war er vor allem für das Wohl der Fürstin Juliane und ihres kränkelnden Sohnes und Nachfolgers Georg Wilhelm zuständig.

Der Neue fiel von Anfang an durch seine zupackende Art und seine zuweilen höchst eigenwilligen Heilmethoden auf. Drumherumreden und hochnäsiges Getue waren dem von den Idealen der vaterländischen Einigungsbewegung und vom Geist der Aufklärung der Aufklärung beseelten Mediziner zuwider. Sein Steckenpferd war das Thema Gesundheitsfürsorge. Mit Energie, Ausdauer und jede Menge Phantasie versuchte er seinen zumeist ungebildeten und von Armut, Hunger, Krieg, Aberglaube und Seuchen gebeutelten Zeitgenossen die Notwendigkeit gesunder und reinlicher Lebensführung klar zu machen.

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Anders als seine Kollegen schrieb Faust keine schlauen Abhandlungen, sondern ging mit verständlichen Worten und für jedermann machbaren Aktionen zu Werke. Zur Umsetzung des Gesundheits-Katechismus setzte er auf die Pädagogenzunft. „Wohl, auf diese Art sollt ihr, würdige Schullehrer, eure lieben Kinder unterrichten“, versuchte er die Schulmeister zu motivieren. „Und thut ihrs es, so werden die Menschen und die künftigen Geschlechter ihre Gesundheit und Glückseligkeit zum großen Theil euch zu danken haben“.

Ein großer Teil von Fausts Thesen wirkt auch heute noch wegweisend und modern. „Der Schmerz ist der erste Lehrer des Menschen“ machte er seinen Zeitgenossen im „Gesundheits-Katechismus“ klar. Er (der Schmerz) mache „vorsichtig, mitleidig, menschlich und beherzt und lehre das Uebel zu fliehn“. Das gelte vor allem für äußere Verletzungen. „Körper-Schmerz thut in sehr vielen Fällen, und vorzüglich in den Jahren der Kindheit, dem Menschen und seiner Glückseligkeit weniger Schaden, als Seelen-Schmerz, wenn man einem Kinde Unrecht thut, es erzürnt, böse macht und verächtlich behandelt“.

Der Erfolg seines Erstlingswerks scheint Faust zusätzlich angeregt und beflügelt zu haben. Mit leidenschaftlicher Hingabe schob er immer neue Vorhaben an. So ließ er zur Erfrischung der Passanten an Bückeburgs Stadttoren Wasserfässer aufstellen und die erste öffentliche Badeanstalt der Residenz bauen. Auch für die ersten, zwischen 1816 und 1818 in Bückeburg, Rinteln und Minden angelegten Turnplätze war der schon bald deutschlandweit als „Turnvater der Oberweser“ bekannte Hofarzt verantwortlich. Fausts bis heute bekannteste Initiative war die Einführung von Vorsorgeimpfungen gegen Pocken. Die hierzulande „Blattern“ genannte Volksseuche war eine der schlimmsten Menschheitsgeiseln jener Zeit. Um die Sache populär zu machen, rief Faust 1801 für Bückeburgs Kinder das „Krengelfest“ ins Leben.

Zwischendurch schrieb er neue Bücher und Aufklärungsschriften, darunter Titel wie „Über Wasser, Eisenbahnen und neue Städte zur Sonne“, „Untersuchung des Wehrts der Trennung der Schoosbeine bei schweren Geburten“, „Über Heilung der Cholera“, „Gedanken über Hebammen und Hebammenanstalten auf dem Lande“ und „Wie der Geschlechtstrieb der Menschen in Ordnung zu bringen und wie die Menschen besser und glücklicher zu machen“. Doch das war nicht alles. Nebenbei erfand und konstruierte er einen zusammenklappbaren „Gebärstuhl“ und eine transportable „Beinbruchmaschine zum Gebrauch der Feld-Lazarethe“.

Fausts ungewöhnlicher Lebensweg endete 1842, also vor nunmehr 170 Jahren. Der 87-Jährige war bis zuletzt topfit. Sein zuweilen skurriler Humor und seine höchst eigenwillige Art hatten ihn zu einem deutschlandweit bekannten Original und beliebten Menschenfreund werden lassen. Heute erinnern in Bückeburg die „Fauststraße“, die „Dr.-Faust-Halle“ und das ihm zu Ehren immer noch regelmäßig veranstaltete „Krengelfest“ an den außergewöhnlichen Ex-Bürger der Stadt.

Dieses Bild Dr. Bernhard Christoph Fausts ziert heute den historischen Sitzungssaal des Bückeburger Rathauses.

Der in 16 Sprachen übersetzte „Gesundheits-Katechismus“ (kleines Bild, oben) „zum Gebrauche in den Schulen und beym häuslichen Unterrichte“.

Fausts Grabstätte auf dem Friedhof der Reformierten Gemeine in Bückeburg (kleines Bild, unten).

Fotos/Repros: gp

Aus heutiger Sicht geradezu modern waren auch Fausts Vorstellungen vom gesunden Wohnen. So entwarf er Pläne zum Bau Licht durchfluteter Einzelhäuser und Stadtquartiere (Bild rechts).

Fausts letzter Wohnsitz war das Fachwerkhaus Nr. 4 an der Schlossgartenstraße.



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