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Statt blauem Dunst nun weiße Wölkchen

Von weitem sieht es so aus, als hielte ich eine normale Zigarette in der Hand. Nur steigt kein Rauch auf von dem weißen Metallding, und was ich ausatme, nachdem ich daran gezogen habe, ist kein Qualm, sondern geruchloser Dampf, der sich sofort verzieht. Ich „dampfe“, mit einer dieser elektrisch betriebenen Zigaretten, die den Konflikt zwischen Rauchern und Nichtrauchern schlagartig aus dem Weg räumen könnten: Keine verqualmten Räume, kein Passivrauchen, kein unangenehmer Geruch. Nur ich und meine Nikotindosis, die ich aufnehmen kann, ohne dabei die unzähligen Schadstoffe vom verbrennenden Tabak einzuatmen. Friede an der Raucherfront?

Autor:

Cornelia Kurth

Seit zehn Tagen besitze ich eine „Mini“, eine kleine E-Zigarette, die ich über das Internet bezog (man kann sie aber auch in vielen Tabakgeschäften kaufen). Eingefleischte „Dampfer“ nehmen diese optisch und von der Größe her einer Tabakzigarette ähnelnden E-Zigaretten nicht ernst. Sie sind der Meinung, dass man größere Geräte braucht, in deren Inneren mehr Nikotin verdampft werden kann, um den typischen „Kick“ zu erhalten, diesen gewissen „Flash“, der entsteht, wenn das Nikotin seine Rezeptoren im Körper erreicht hat.

Die Mini-E-Zigarette ist aber relativ kostengünstig, und da es mir im Grunde abwegig erschien, meinen geschätzten englischen Tabak durch eine aromatisierte Nikotinlösung zu ersetzen, startete ich meinen Selbstversuch mit einem Anfänger-Set: Das besteht aus dem Korpus der E-Zigarette, einer abnehmbaren, auswechselbaren Filterpatrone und einem Stecker mit Adapter. Im Korpus befindet sich eine Heizspirale, die mit jedem Zug erhitzt wird und einige Tropfen der nikotinhaltigen Lösung verdampft. Dafür muss der integrierte Akku aufgeladen sein. Etwa 200 Züge kann man nehmen, bevor die Patrone mit der Lösung verbraucht ist. Für etwa zwei Patronen – das entspricht ungefähr einer Packung Zigaretten – hält die Akkuladung durch, dann muss das Dampfmaschinchen anderthalb Stunden an die Steckdose. Ich bin sehr gespannt: Wird der Zug aus der E-Zigarette ein Raucherlebnis sein? Eine mögliche Alternative zum Tabakrauchen?

Es gibt wohl kaum einen Raucher, der nicht allerlei Versuche startete, um von seiner Leidenschaft loszukommen. Aller angenehmen Wirkung des Nikotins zum Trotz wird der reine Genuss doch eingeschränkt durch das Wissen um die Schädlichkeit des Rauchens. Dazu belästigt man zwangsläufig andere Menschen mit Qualm und Rauchgeruch und sieht sich seit den zunehmenden Rauchverboten an fast allen öffentlichen Plätzen auch regelrecht in die Enge getrieben als ein rücksichtsloses Suchtwesen, das seine Umgebung am liebsten mit sich in den Lungenkrebstod ziehen würde. All diese Nachteile der Neigung zum Nikotin könnte die E-Zigarette ausschalten. Wenn sie denn überhaupt schmeckt und den erwünschten „Flash“ erzeugt.

Und ja – was mich betrifft, die ich seit meiner Teenagerzeit rauche und inzwischen locker auf etwa 30 Zigaretten pro Tag komme – es scheint mir ein kleines Wunder zu sein: Der Dampf der E-Zigarette sagt mir zu. Er ist sanft und kühl, fast so, als würde man aus einer Zigarettenspitze rauchen, zugleich aber löst er ein dem Rauchen vergleichbares Gefühl in der Lunge aus. Auch das Nikotin landet im Gehirn an und tut dort seinen stimmungsaufhellenden, anregenden Dienst. Auf der Zunge spüre ich einen leicht süßlichen Geschmack, auch atme ich ein weißes Wölkchen aus – doch die Luft bleibt rein, und niemand, der mich nicht beobachtet hätte, könnte wissen, dass ich gerade gedampft habe.

Meine Zukunft als „Dampferin“ klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Zwar bleibt unbestritten, dass auch bloßes Nikotin die bekannten schädlichen Auswirkungen auf den Körper hat. Doch während Tabakzigaretten an die 4000 chemischen Verbindungen enthalten, darunter über 200, die als giftig, 40, die als krebserregend gelten, befinden sich in dem „Liquid“, das man mittels der E-Zigarette verdampft, nur Propylenglykol, Glycerin, destilliertes Wasser und das Nikotin.

Propylenglykol (PG) und Glycerin sind beide in der EU als Lebensmittelzusatz zugelassen, sie gelten als nicht gesundheitsschädlich und werden auch in anderen Kontexten eingeatmet, etwa beim Inhalieren von Medikamenten oder als „Diskonebel“ auf Partys und Konzerten. Eine Studie am Universitätsklinikum Freiburg aus dem Jahr 2008 belegt, dass der ausgeatmete Dampf einer E-Zigarette keine gesundheitsgefährdenden Partikel enthält, auch kein Nikotin – das hat der „Dampfer“ bereits selbst herausfiltriert. Kauft man das „Liquid“ bei seriösen Herstellern über das Internet, so finden sich die einzelnen Inhaltsstoffe aufgelistet, auch die Aromen, die ebenfalls aus der Lebensmittelindustrie stammen.

Doch etwa zeitgleich zu meinem Interesse an der E-Zigarette erschienen bundesweit Pressemeldungen, in denen unter anderem das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen und das „Deutsche Krebsforschungszentrum“ auf ein Verbot der E-Zigarette drängen, mit Hinweis auf mögliche Gesundheitsschäden. Diese Meldungen enthielten so offensichtliche Falschaussagen, dass sich nicht nur der Verband der E-Zigarettenhändler kritisch und mit entsprechenden Belegen dazu äußerte, sondern sich auf den Diskussionsplattformen von Spiegel online oder Zeit Online Hunderte von Lesern in seltener Einmütigkeit bemühten, wissenschaftliche Quellen zur E-Zigarette zusammenzutragen.

Ohne diese Diskussionen, in denen „Dampfer“ von ihren Erfahrungen berichteten, Mediziner für die Nutzung der E-Zigarette plädierten, Juristen die rechtliche Lage sondierten, hätte ich mich vielleicht gar nicht dazu entschlossen, mir die Mini-Zigarette zu bestellen. Da E-Zigaretten erst im Jahr 2003 in China entwickelt wurden und dementsprechend noch keine Langzeitstudien vorliegen, war es insgesamt nicht einfach, sich über die Vor- und Nachteile des „Dampfens“ kundig zu machen.

Mit einem Schlag änderte sich das. Beispielhaft zu nennen wäre da das angeführte Zitat aus dem Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz: „Die niederkettigen, mehrwertigen Alkohole (im Liquid) sind toxikologisch praktisch unbedenklich. Glyzerin und 1,2-Propylenglykol werden seit Jahren in pharmazeutischen und kosmetischen Präparaten im oralen und dermalen Anwendungsbereich eingesetzt.“

Während ich also die Erfahrung machte, dass ich zwanglos in der weihnachtlichen Familienrunde dampfen konnte, ohne von den Nichtrauchern auf den Balkon geschickt zu werden, und zudem schon jetzt spüre, was auch andere „Dampfer“ sagen, dass sich die vom Zigarettenrauch gereizte Lunge bereits erholt hat und ich mich körperlich so fühle, als hätte ich problemlos das Rauchen aufgegeben, tobt „draußen“ eine schwer nachvollziehbare Kampagne gegen die E-Zigarette, deren Dampf doch erwiesenermaßen erheblich weniger schädigt als Tabakrauch. Gerade beschloss die Stadt Hannover, ihren Bediensteten das „E-Rauchen“ in Dienstgebäuden und Dienstfahrzeugen zu verbieten. Auch wird ein Dampf-Verbot in allen öffentlichen Gebäuden erwogen, ganz so, als müsse man die Umgebung vor der Gefahr des Passivrauchens schützen, die offensichtlich gar nicht besteht.

So wendete sich Thorsten Bullerdiek, Sprecher des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, nicht umsonst gegen ein Verbot der E-Zigaretten: „Derzeit liegen uns keine konkreten Gefährdungshinweise und Beschwerden über den Gebrauch von sogenannten E-Zigaretten vor. Im Gegenteil: „Weder gibt es Beschwerden über Qualm, noch über herumliegende Zigarettenkippen“, erklärte er gestern in Hannover. Zu beurteilen, ob „elektronisches Rauchen“ mit geprüften Liquids eine Alternative zu echten Zigaretten seien, bleibe Aufgabe des Verbraucherschutzes. Für die Städte und Gemeinden gäbe es derzeit keine Möglichkeit, Verbote auszusprechen und damit ohne gesetzliche Regelung Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger einzuschränken. Zudem würde durch ein Verbot ein „grauer Markt“ entstehen. „Daher sollte sorgfältig geprüft werden, ob die Abgabe der in den Verdampfern verwendeten Liquids nicht besser lebensmittelrechtlich kontrolliert und mit den Inhaltsstoffen ausgezeichnet im Supermarkt oder Tabakladen unter Beachtung des Jugendschutzes erfolgt“, so Bullerdiek.

Ich nehme gerade noch ein paar Züge aus meiner kleinen E-Zigarette und amüsiere mich bei dem Gedanken, dass mir jemand das „Dampfen“ verbieten will. Wie sollte das umsetzbar sein? Den Handel über das Internet wird man nicht unterbinden können, und ansonsten hinterlasse ich beim E-Rauchen keinerlei verräterische Spuren. Außer wohl in meinem Körper. Aber der gehört mir!

Ist sie nun schädlich oder nicht? An der E-Zigarette scheiden sich die Geister. Während viele eingefleischte Raucher auf die neue Ersatzdroge schwören, erwägen Kommunen wie die Stadt Hannover ein Verbot des E-Rauchens in ihren Dienstgebäuden. Unsere Autorin hat 30 Glimmstengel pro Tag geraucht und ist umgestiegen. Ein Erfahrungsbericht.

Alles, was ein Raucher heute noch braucht – vorausgesetzt, er ist auf E-Zigaretten umgestiegen.



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