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Stadt und Dorf: Erinnerungen an die Kontraste in den 50ern

ROHRSEN. „Plattdeutsch lebte man zu Hause vor. Meine Eltern sprachen nur Platt“, erzählt Helmut Bredemeier. Dennoch sollte er die niederdeutsche Sprache nicht weiter lernen. Grundschullehrer Bach hatte seinen Eltern nahegelegt, ihn aufs Gymnasium zu schicken. So kam Bredemeier 1955 ans „Schiller“ nach Hameln.

Dicht an dicht sitzen die Fünftklässler 1955 auf ihren Holzbänken. Auch Helmut Bredemeier (vordere Reihe, 2. von li.) ist darunter. Foto: pr
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Juliet Ackermann Volontärin zur Autorenseite

Im ländlichen Rohrsen, generell in Bad Münder, war ein solcher Schritt zu dieser Zeit eine Seltenheit.

Das Leben in der Stadt erlebte der Neunjährige zunächst wie einen Kulturschock: Die Häuser der Städter und ihre Sprache erschienen ihm fremd, „das war eine ganz anders strukturierte Welt“, erinnert er sich. Unterschiede stellte er bereits an der Kleidung fest: Er mit selbst gestrickten Kniestrümpfen, die rau waren und juckten, mit der gebrauchten Kleidung seines Bruders, seinem Pausenbrot mit Knappwurst in der gebrauchten Brotdose aus Blech seines Vaters. Dagegen die feine, modische Kleidung seiner Mitschüler, ihre anders aussehenden Ranzen, die feine Ausdrucksweise. Besonders beim Umkleiden für den Sportunterricht wurden ihm die Unterschiede deutlich: Leibchen zum Schutz der Nieren aus den Unterröcken der Mutter trug im Winter sonst keiner. Und deshalb entledigte er sich des Leibchens unauffällig auf dem Schulweg in einem Schuppen, um es auf dem Nachhauseweg wieder anzuziehen.

Im Selbstversorger-Dorfalltag in Rohrsen waren solche Sorgen fremd. Dort herrschten andere Normen, es galt sich durchzukämpfen. Auf dem Dorf zählte vor allem Handarbeit, „meine Eltern haben richtig malocht“. Während die Mutter im Ort beim Bauern aushalf, fuhr der Vater, der Tischler war, tagtäglich mit dem Rad nach Eimbeckhausen zur Arbeit – auch sonnabends. Die Kinder packten gleichfalls an: Mit Handwagen und Sense ging der heute 72-Jährige mit seinem älteren Bruder Heinz dem nach Hause kommenden Vater entgegen, um auf Pachtwegen Gras fürs Vieh zu schneiden. Ziegen füttern gehörte ebenso zu ihren Aufgaben wie das Binden von Strohgarben und das Aufstellen von Stiegen oder das mühselige Rübenziehen auf dem Feld.

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H. Bredemeier 1962 bei einem Lauf in Eimbeckhausen. Foto: Pr
  • H. Bredemeier 1962 bei einem Lauf in Eimbeckhausen. Foto: Pr

Mit 13 Jahren verdiente Bredemeier während der Schulferien auf einer Baustelle in Beber mit 70 Pfennig in der Stunde sein erstes Geld – und investierte es gleich in Kleidung und Schuhe für den Sport. „Der Sport hat mich in Rohrsen gehalten“, sagt der ehemalige Realschullehrer. So trat er in der fünften Klasse in den Fußballverein ein und übte Leichtathletik in Eimbeckhausen aus. Zudem engagierte er sich als Schülersprecher: „Ich wollte, dass andere Umgangsformen zustande kamen, dass wir Schüler uns mit der Schule identifizieren konnten.“ Hierzu kreierten die Gymnasiasten ein eigenes Schulabzeichen und entwarfen eine Anstecknadel. Einige schlossen sich zu politischen Arbeitsgemeinschaften zusammen und auch sozial brachten sich die Schüler ein: Bei der Aktion „Silberfisch“ unterstützen sie alte Menschen im Alltag, etwa durch Einkäufe.

Doch auch manch einen Streich ließen sich die Jungen zum Ärger ihrer Lehrer einfallen. So versteckten sie etwa Munition im Lehrerpult. „Mein Kumpel Reinhard hatte beim Stromern durch die Wälder einen scharfen Revolver aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, den er ausgerechnet zur mündlichen Prüfung mit in die Schule nahm und im Vorbereitungsraum unterm Tisch versteckte.“

Während seiner eigenen mündlichen Abiprüfung gelang es Bredemeier dagegen, seinen Prüfer zu beeindrucken: Thema waren Werke der Philosophen Albert Camus und Jean-Paul Sartre, aus denen der Rohrsener auswendig rezitieren konnte – auf Französisch.

Das Plattdeutsche seines Heimatdorfes lernte er dagegen nicht sprechen, weil seine Mutter nicht wollte, dass er die bäuerlich-rustikale Ausdrucksweise der Dorfbewohner übernahm. Dennoch konnte er „die Sprache gut verstehen“, erinnert er sich. Wobei in Rohrsen selbst Schwalben und Ameisen andere plattdeutsche Namen trugen als im Nachbarort Beber.

Aus seiner Schulzeit erinnert sich Bredemeier auch an seinen Kameraden Klaus-Heiner Bock aus Wallensen, einen Literatur-Begeisterten, der sich viel mit Sinnfragen auseinandergesetzt habe. „Klaus-Heiner ließ sich eine Matte wachsen.“ Wegen der langen Haare schickte ihn der Oberstudiendirektor eines Tages zum Friseur, sonst dürfe er das Schulgelände nicht betreten. Aber Klaus-Heiner wollte nicht. „Wir Schüler standen alle hinter ihm“, erklärt Bredemeier, doch es nutzte nichts – der Oberstudiendirektor ließ sich nicht umstimmen. Auch Klaus-Heiner blieb hart und zog weitreichende Konsequenzen: „Er hat die Schule verlassen. Das Letzte was ich von ihm gehört hab, war, dass er eine Karte aus Marokko geschickt hat.“ Der Vorfall gab Bredemeier sehr zu denken. Ähnliche Reibungspunkte seien ihm immer wieder vorgekommen, als „Konfliktbewältigung zwischen den Welten“ beschreibt er es. Bei der Jugend habe Aufbruchstimmung geherrscht gegenüber den konservativen Älteren. Bredemeiers steter Vorsatz: „Du lässt dich nicht verbiegen.“


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