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Stabwechsel in der Gleichstellung

BAD MÜNDER. Der letzte Tag im Dienst. Ihr Schreibtisch bordet über von Süßigkeiten – wer hereinschaut, darf sich bedienen. Und viele schauen herein, drücken Ursula Behrens die Hand, umarmen sie. Der Bürgermeister kommt mit Blumen, doch Ursula Behrens hat noch zu tun.

Nach der Fachdienstleitung übergibt Ursula Behrens (r.) auch den Posten der Gleichstellungsbeauftragten an Sina Bruns. FOTO: RATHMANN
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

Auch an ihrem letzten Tag am Schreibtisch der Stadtverwaltung sitzen Menschen mit drängenden Anliegen vor ihrer Tür. Flüchtlinge, die ein Problem mit ihrer Unterbringung haben. Frauen, die ein Problem mit ihren gewalttätigen Ehemännern haben. Jahrelang waren die Probleme dieser Menschen auch die Probleme von Ursula Behrens, wurden es – denn als Fachdienstleiterin Gleichstellung, Familie, Jugend und Integration war sie zuständig und bemühte sie sich um Lösungen.

Zeit für den Blick zurück hatte sie gestern dennoch, und der reicht weit zurück: Vor 31 Jahren unterschrieb die Sozialpä-
dagogin ihren ersten Vertrag bei der Stadt Bad Münder. Ihr Aufgabengebiet: die Jugendarbeit. Nach vielen Jahren im Beruf wurde sie Mutter – und ließ sich nach der Geburt ihrer Tochter beurlauben, weil eine Teilzeitbeschäftigung, wie sie sie als Alleinerziehende benötigt hätte, bei der Stadt nicht möglich war. Als sie dann zum Ausscheiden von Ulrike Hoffmann-Bürrig gefragt wurde, ob sie Interesse an der Position der Gleichstellungsbeauftragten und der Leitung des Familienbüros hätte, war sie wieder mit an Bord.

„Das war unmittelbar nach Unterzeichnung des Zukunftsvertrages, und ich habe mich ernsthaft gefragt: Reduzierte Stundenzahl und reduziertes Budget – was ist da denn eigentlich möglich?“, erinnert sich Behrens. Von 39 auf 25 Stunden war die Stelle zusammengestrichen worden, doch Behrens nahm die Herausforderung an. „Es ist doch erstaunlich, was im Laufe der Zeit doch alles möglich war“, bilanzierte sie gestern. Gleichstellung sei zwar noch längst nicht erreicht, doch das Thema sei in der öffentlichen Diskussion zumindest deutlich präsenter als noch vor einigen Jahren.

Eines der ersten Projekte, mit dem sie 2011 begann, waren Sprachkurse. „Wir hatten da ja auch schon Flüchtlinge – und unser Ansatz war: Das Wichtigste für die Familien ist die Sprache“, sagt sie. Vorhandene Strukturen wurden in Projekte überführt, die auch gefördert werden konnten. Schnell war ihr klar, dass sie die Stelle mit reduzierter Stundenzahl nicht im bisherigen Umfang ausfüllen konnte. „Ich musste mich fokussieren. Was fehlt? Was muss unterstützt werden? Wo gibt es Kooperationspartner? Das war das Herangehen für den Fachdienst Familie und Jugend, ganz speziell aber auch für die Gleichstellung.“ Die Verbesserung der Mobilität für Frauen und ältere Menschen war eines ihrer ersten Themen, inzwischen rollt ein Bürgerbus durch Bad Münder. Deutlichen Bedarf für ein Mehrgenerationenhaus machte sie aus – bislang fehlt es aber noch an geeigneten Räumlichkeiten. Vernetzung wurde zum großen Thema in der Fachdienstleitung. Bad Münder komme in der aktuellen Situation mit der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen nur deshalb so gut klar, weil die grundsätzlichen Strukturen bereits vorhanden waren, sagt Behrens mit Blick auf das ganz zentrale Thema der vergangenen Jahre. Sozialraum AG, Arbeitskreis gegen Ausländerfeindlichkeit, Tafel und viele andere Einrichtungen hätten großen Anteil daran, dass die Stadt oftmals als Vorbild gesehen werde. Behrens weiß aber auch: „Ehrenamt braucht auch Hauptamtlichkeit, Fachlichkeit. Das kostet Zeit, aber diese Zeit ist gut investiert. Es entsteht ein Multiplikatoreneffekt.“

Nachdem sie die Fachdienstleitung schon vor einigen Monaten an ihre Nachfolgerin Sina Bruns übergeben hat, rückt die nun auch in die Position der Gleichstellungsbeauftragten auf. Für Behrens war das Ziel dabei immer klar formuliert: Zur verfassungsrechtlich garantierten Gleichberechtigung von Frauen und Männern kräftig beizutragen. 14 Stunden ihrer Arbeitszeit waren dafür reserviert, 25 waren es bei ihrer Vorgängerin, 13 werden es noch bei ihrer Nachfolgerin sein.

Wenig, um die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen. Wenn zum „Equal Pay Day“ die Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen angemahnt wird, wenn zum Weltfrauentag eine Fahne gehisst wird, geht das. Die eigentliche Arbeit jedoch geschieht im Hintergrund: Die zentralen Themen reichen dabei von Gleichstellung von Frauen und Männern im Erwerbsleben, vom Wiedereinstieg in den Beruf, aber auch Stadtplanung, Gewalt gegen Frauen und die Mitbestimmung bei der Besetzung von Positionen in der Stadtverwaltung oder ein Mentoring-Programm für angehende Lokalpolitikerinnen gehören dazu. Um diese Aufgabe gut erfüllen zu können, sind – wie in der Fachdienstleitung – gute vernetzte Strukturen notwendig. Und Einfühlungsvermögen. „Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, ihnen deutlich zu machen, dass sie sehr viel mehr können als sie sich selbst zutrauen – das war auch eine meiner Aufgaben“, sagt Behrens.

Beim Blick nach vorne macht Behrens deutlich, dass es wichtig sei, dass ihre Nachfolgerin Freiräume erhalte, um ihren Aufgaben als Gleichstellungsbeauftragte gerecht werden zu können. Zu groß sei die Gefahr, dass sich aufgrund der Vielzahl der Aufgaben als Fachdienstleiterin der Schwerpunkt verlagere und andere Bereiche, beispielsweise die Integration, akuter seien.



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