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Vor der Wasserburg entstand ein Wehr- oder Fluchtturm auf dem Hügel / Älteste Urkunde von 1022

Spuren des Mittelalters im Ith-Ort Bisperode

VON FRITZ KOENIG

Wann immer wir dem fernen Mittelalter begegnen, es entfaltet mit seinen Burgen und Kirchen einen ganz eigenen Zauber. Als frühestes Zeugnis von Bisperode gilt eine mittelalterliche Urkunde, die Mitglieder des Heimatbundes beim Stöbern in den bischöflichen Archiven von Hildesheim fanden. Es ist eine Belehnungsurkunde aus dem Jahr 1022. Das mittelalterliche Schriftstück stammt aus der Kanzlei von Kaiser Heinrich II. Kirchenrechtlich war Bisperode eine Eigenkirche, was beinhaltete, dass die adeligen Herren dort das alleinige Recht hatten, über die Wahl des Ortsgeistlichen zu bestimmen. Auf die mittelalterliche Vergangenheit des Dorfes in der fruchtbaren Ithbörde verweist auch der Ortsname „Bisperode“. Die mittelalterliche Namensform war lange „Biscoperoda“, was Rodung eines Bischofs (biscop) bedeutete. Die ursprüngliche Namensform wurde im Laufe der Jahre dann sprachlich abgeschliffen zu „Bisperode“. Oberlehensherren der Rodungssiedlung waren die Bischöfe in Hildesheim oder Minden. Die frühe Rodungstätigkeit am Ith ist vor Ort durchgeführt von Adeligen, die als Lehensherren abhängige Bauern ansiedeln wollten, die ihnen zu Diensten, wie Landbestellung, Forstarbeit sowie Spanndiensten und Abgaben verpflichtet waren.

Das Mittelalter war keine Idylle. Es war die Zeit wachsender Bevölkerung als Folge eines sich erwärmenden Klimas, so dass die mühevolle Erschließung von neuen Ländereien nötig wurde. Erst die aufkommende Pest stoppt am Ende des Mittelalters diese Entwicklung. Vorher im 8./9. Jahrhundert wurden mehrere Nachbardörfer Bisperodes mit dem Zusatz „-husen“ im Namen (verkürzt „-sen“) gegründet. Beispiele dafür sind das nahe Bavensen sowie Diedersen, Herkensen, Behrensen. Zur dauerhaften Behauptung des adeligen Besitzes bedurfte es gegenüber rivalisierenden Adelsfamilien einer festen Verteidigungsmöglichkeit. Bevor in Bisperode eine wehrhafte Wasserburg entstand, wurde auf einem Hügel ein Wehr- oder Fluchtturm erbaut; dies war der noch heute erhaltene klobige mittelalterliche Kirchturm. Dessen wehrhafte Funktion erkennt man besonders an den Steinknaggen auf der Nordseite des Kirchturms: zu diesen in etwa zehn Meter Höhe angelegten Steinknaggen führte eine lange Leiter, auf der bei Gefahr die adeligen Herren und ihre Untertanen hinaufsteigen und durch einen schmalen Durchschlupf in das sichere Turminnere gelangen konnten. Die Leiter ließ sich hinter den Flüchtenden hinaufziehen. So gab man den Angreifern das Nachsehen. Die Hauptaufgabe eines mittelalterlichen Kirchturms lag allerdings woanders. Nach mittelalterlicher theologischer Auffassung herrschte das Böse, also der Teufel, im Westen. Die christlichen Kirchen besaßen demzufolge im Westen einen schützenden Turm – in größeren Städten auch deren zwei in sogenannten Westwerken. Im Ostteil der Kirche war der Altar aufgebaut. Diesem Muster folgte auch die Peter-und Paul-Kirche in Bisperode. Während das nach dem zerstörerischen Dreißigjährigen Krieg wieder aufgebaute Hauptschiff der Peter- und-Paul-Kirche die Barockzeit widerspiegelt, atmet der im groben Bruchstein aufgeführte Kirchturm ganz den Geist des Mittelalters. Man wird im Erdgeschoss des Turms empfangen von einem uralten Raum, der Turmhalle, die eine dem Mittelalter eigene besinnliche Atmosphäre von Sammlung und Einkehr spüren lässt. Der von Westen eintretende Kirchenbesucher schreitet unter würdevoll geschwungenen Kreuzbögen hindurch und wird an zwei Seitenwänden von romanischen Reliefarbeiten begleitet, deren Rundbögen die innere Harmonie steigern. Erinnerungen an die romanische Kirche in Lügde oder Lippoldsberg werden wach. Wer den Turm besteigt, findet an den Schalllöchern Reste romanischer Doppelarkaden. Eine dieser Arkaden ist mit ihrer Teilungssäule sogar vollständig erhalten: Öffnet man eine Feuerschutztür, entdeckt man im Steinrahmen, wenn auch verblasst, rote und gelbe Farbbänder. Das Rot (Purpur) steht für die Macht und Verehrung Mariens im Mittelalter. Daneben befindet sich ein gelbes Farbband. Das Gelb ersetzt hier Gold. Dies war als Symbol der Ewigkeit zu verstehen.

Unter den Gemarkungsnamen finden wir eine weitere mittelalterliche Spur. Dort verweist die Flurbezeichnung „An der Donner-Eiche“ auf das frühe Mittelalter. Bis zu ihrer Beseitigung befand sich hier eine heidnische dem Gott „Donar“ geweihte Eiche, an der die Menschen der Ith-Börde ihre Götteropfer für „Donar“ darbringen konnten. Die leicht erhöhte Lage der Kultstätte an zentraler Stelle der Ith-Börde hat ihre überörtliche Bedeutung gefördert. Zerstört wurden solche gemanischen Kultstätten auf Geheiß der christlichen Besatzer, besonders unter Karl dem Großen.

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Über Land fahrende Kaufleute waren im Mittelalter am Ith keine Seltenheit. Aus der Ith-Börde gelangten sie zum nahen „Hellweg“, damals der meistbefahrene Handelsweg.

Ohne dass es den heutigen Bewohnern Bisperodes bewusst ist, gewährt auch die uralte Bisperoder „Lange Straße“ einen tiefen Blick in die Vergangenheit. Prof. Seedorf, Mittelalterexperte der Uni Hannover, weist darauf hin, dass bei Gründung mittelalterlicher Dörfer Straßen dieses Namens häufig auftauchen. Auf diesen Straßen wurden die Menschen gezielt zum Ortsmittelpunkt geleitet. So auch in Bisperode. In einem auffälligen Ensemble versammeln sich hier mehrere historische Bauten: Das Rittergut, die Kirche, die Pfarre, ein früheres Försterhaus, die alte Schule und der ehemalige Meyer-Hof am Ruhkamp neben zwei Krugwirtschaften. Weil es hier gute Möglichkeiten zum Ausspannen und Versorgen ihrer Zugtiere gab, durchfuhren Fernhändler gern die Ith-Börde, um den nahen Hellweg zu erreichen (heute B 1). Auch der russische Zar Peter der Große benutzte später diese wichtige Handels- und Heerstraße auf seiner Reise nach Holland.




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