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Aus dem Leben des Junkers Klaus von Rottorp

Spuk in der Trutzburg

Zu einer Trutzburg gehören auch Gespenster. So war und ist es auch im altehrwürdigen Wasserschloss in Hülsede. Der Legende nach streift dort in bleichen Mondnächten der „böse Ritter Rottorp“ umher. In seinem diesseitigen Leben hieß er Clawes von Rottorp (1498-1559). Er hatte die Festung erbaut. Verwunderlich ist das rastlose Umherstreifen des Rittersmanns über den Tod hinaus nicht. Der vor gut 450 Jahren in der nahen Hülseder Dorfkirche zur ewigen Ruhe Gebettete war schon immer ein extrem unruhiger Geist. Sein Treiben und Wirken würde sich als Vorlage für eine mehrteilige, höchst spannende und mit spektakulären Action-Szenen gespickte Fernsehserie eignen.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Vorfahren Rottorps stammten aus dem heimischen Wesertal. Als Standort ihres schon vor langer Zeit „wüst gefallenen“ Anwesens wird die in alten Flurkarten als „Rottorf“ bezeichnete Gegend zwischen Rinteln und Möllenbeck vermutet. Sicher ist, dass die Rottorps Anfang des 14. Jahrhunderts vom damaligen Schaumburger Grafen Adolf VI. mit dem damals größten Hofanwesen der heute zu Rodenberg gehörenden Dorfschaft „Hulsithi“ (Hülsede) belehnt wurden. Offenbar traute der Landesherr dem Clan zu, ihn bei der Ausweitung und Sicherung der südöstlichen Grenze seines Territoriums zu unterstützen. Er hatte sich nicht geirrt. Die Ex-Rottorfer wurden zu wichtigen Statthaltern und Verbündeten.

Als besonders tatkräftiger Gefolgsmann erwies sich der Ende des 15. Jahrhunderts zur Welt gekommene Hoferbe Clawes (Klaus). Es war eine wilde Zeit. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation drohte in Chaos und Krieg zu versinken. Machthungrige Landesherren nutzten die Schwäche der kaiserlichen Zentralgewalt zur Erweiterung ihres Herrschaftsbereichs. Von ihnen angeheuerte Söldnerheere zogen plündernd und mordend durchs Land. Deren Anführer, meist adlige Großgrundbesitzer, verdienen Millionen. Am meisten zu leiden hatte die durch Abgaben und Frondienste ohnehin verarmte Landbevölkerung. Beim Kampf um Macht und Einfluss ganz vorne mit dabei waren auch die Fürstbischöfe. Sie standen ihren weltlichen Kollegen in puncto Raffgier, Skrupellosigkeit und Prunksucht in nichts nach. Die Rufe nach einer grundlegenden Kirchen- und Glaubens-„Reformation“ wurden immer lauter. Erste Bauernaufstände flammten auf. Von Südosten drangen die Türken vor.

Der junge Rottorp hatte von Anfang an nur ein Ziel: Er wollte reich werden. Mit knapp 20 stieg er als Söldnerführer ein. Wenn die Kasse stimmte, konnte er mehrere Hundert Mann zusammentrommeln. Besonders viel brachte ihm seine schlagkräftige Reitertruppe ein. Die ersten Einsätze absolvierte forsche Hülseder1519 im Rahmen der so genannten „Hildesheimer Stiftsfehde“. Der Konflikt war durch Streitereien des Fürstbischofs von Hildesheim mit dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg um die regionale Vorherrschaft ausgelöst worden. Es kam zu einem vier Jahre andauernden Waffengang. Dabei stießen – als Verbündeter beider Seiten – auch die beiden damals mächtigsten heimischen Territorialherren aufeinander. Der Mindener Fürstbischof Franz I. kämpfte für Braunschweig-Lüneburg. Die Herren von der Schaumburg waren von den Hildesheimern angeheuert worden. Ostern 1519 kam es vor Minden zum Gefecht. Franz wurde besiegt und musste fliehen. Sein Land wurde besetzt. Rottorp, der mit seinen Reitern entscheidend zum Erfolg der Schaumburger beigetragen hatte, bekam als Lohn die bischöfliche Nebenresidenz Petershagen. Weil alles so gut geklappt hatte, nahm er, ohne lange zu fragen, zusätzlich die nahe gelegene Burg Uchte in Beschlag.

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Der schnelle Zugewinn brachte den jungen Draufgänger auf den Geschmack. Knapp drei Monate später war er bei einem als „Schlacht auf der Soltauer Heide“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Scharmützel dabei. Nach zeitgenössischen Berichten hatten unter dem Kampfgeschehen vor allem die Leute in den umliegenden Dörfern zu leiden. Es kam zu zahllosen Plünderungen, Brandschatzungen und anderen gewaltsamen Übergriffen. Dabei sollen Rottorf und seine Männer besonders rabiat und rücksichtslos vorgegangen sein.

Die beiden Premieren-Einsätze waren der Beginn einer langen Warlord-Karriere. Die blutigen Kampfspuren Rottorps ziehen sich von der Nord- und Ostseeküste bis nach Italien hin. Darüber hinaus versuchte er, Besitz und Einfluss vor der eigenen Haustür zu erweitern. 1828 riss er sich auf abenteuerliche Weise die bei Nienburg gelegene Burg der Grafen zu Wölpe unter den Nagel. Und einige Jahre später fiel er zusammen mit seinem Nachbarn und Spezi von Münchhausen über die damals bedeutsame Festung Rahden her.

Eine solche Art der Einkommensmehrung konnte selbst in der damals weitgehend rechtlosen und von Gewalt und Willkür geprägten Zeit nicht unbegrenzt gut gehen. Mit jedem Kriegs- und Beutezug stieg auch die Zahl der Feinde. Hinzu kam, dass seit der Krönung Kaiser Karls V. im Jahre 1915 ein neuer Wind blies. Die Folge: Rottorp wurde mit der Reichsacht belegt und für vogelfrei erklärt.

Der reagierte mit dem Ausbau und der Umgestaltung seines bis dato unbefestigten Hülseder Anwesens. 1529 war das durch Burggraben, Zugbrücke und Wehrtürme gesicherte Kernstück der heutigen Anlage fertig. Trotzdem sollen in der Folgezeit mehrmals rachedurstige Ex-Opfer eingedrungen sein. Nur mit viel Glück sei dem Hausherrn jedes Mal die Flucht gelungen, ist in heimatkundlichen Überlieferungen zu lesen. Dabei habe Rottorp seine Verfolger des Öfteren mit verkehrt angebrachten Hufeisen in die Irre geführt.

Irgendwann scheint dem Söldner-Obristen klar geworden zu sein, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Zahl seiner wechselnden Kriegseinsätze ging deutlich zurück. Stattdessen ließ er sich zunehmend – und seit Ende der 1540er Jahre fast nur noch – in Militäraktionen des Kaisers einspannen. Nach unbestätigten Berichten war er auch bei den immer wieder aufflammenden Kämpfen gegen die Türken im Einsatz. Im Gegenzug hob Karl 1557 den Reichsbann wieder auf. Das ermöglichte es Rottorp, am 14. Februar 1559 im Alter von knapp 60 Jahren sanft und „selig im Herrn“ (Grabsteininschrift) im eigenen Bett zu entschlafen und sich auf seine Rolle als Schlossgespenst vorzubereiten.

Innenhof des Wasserschlosses Hülsede.

Bild unten: Sah so der böse Ritter Rottorp alias Clawesvon Rottorpe zu Lebzeiten aus? Skulpturendarstellung (Auszug) auf dem zu Ehren Klaus Rottorps und dessen Ehefrau in der Hülseder St. Aegidien-Kirche angebrachten Grabdenkmals.

Kaiser Karl V. erklärte Klaus Rottorp zum Staatsfeind und belegte ihn mit der Reichsacht (Gemälde von Tizian aus dem Jahre 1548).



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