×

Sprung ins Wasser möglichst früh lernen

Die Welt von Kindern ist eigentlich ganz einfach, jedenfalls in den Bilderbüchern von Ex-Schwimmstar Franziska van Almsick: Was man nicht kann, muss eben gelernt werden, Paul schafft´s am Ende. Die 31-jährige van Almsick, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Sporthilfe, ist selbst Mutter eines dreijährigen Sohnes und setzt sich bundesweit vehement dafür ein, dass Kinder schwimmen lernen. Wie notwendig ihr Einsatz tatsächlich ist, zeigt eine Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die belegt, dass in Deutschland 45 Prozent der Grundschulkinder nach der vierten Klasse noch nicht sicher schwimmen können.

Autor:

Inken Philippi

„Sicher schwimmen können, das bedeutet nicht nur den Erwerb des Seepferdchens“, betont auch Peter Breitkopf, Technischer Einsatzleiter der DLRG-Ortsgruppe Hameln. „Häufig geben sich Eltern mit dem orangefarbenen Abzeichen zufrieden, dann schläft das Schwimmen wieder ein.“ Dabei, so der Fachmann, macht hier gerade Übung den Meister. Ist nach der Wassergewöhnung für die ganz Kleinen das Schwimmen erst erlernt, dann muss die Technik vertieft und verfeinert werden. Dafür ist Stetigkeit eine Grundvoraussetzung.

Dass das manchmal schwer durchführbar ist, wissen die Helfer der DLRG selbst auch: „Immer mehr Bäder schließen, so dass die Anfahrtswege für die Familien immer weiter werden. Konnten Kinder früher noch allein und zu Fuß ein Schwimmbad erreichen, ist heute bei oft kilometerweiter Entfernung elterlicher Fahrdienst unumgänglich“, erläutert der 1. Vorsitzende Norbert Meyer.

Daraus folgen nach seiner Ansicht zwei weitere Probleme: „Oft sind beide Elternteile berufstätig, so dass die Zeit für einen Schwimmkurs in der Woche schlicht und ergreifend einfach fehlt, denn um 18 Uhr ist ein fünfjähriges Kind im Grunde schon zu müde für einen Schwimmkurs.“ Zusätzlich würden die zur Verfügung stehenden Hallenzeiten für Schwimmkurse zunehmend begrenzt, denn immer mehr Vereine drängen sich in immer weniger Bädern.

So ruht dann letztlich die Hoffnung vieler Eltern auf dem Schwimmunterricht in der Grundschule, denn dort ist Schwimmen Pflicht. „Gemäß dem Kerncurriculum für die Grundschule Schuljahrgänge 1 bis 4, Sport, wird im Primarbereich in der Regel nur in einem Schuljahr Schwimmunterricht erteilt. Das heißt, die Grundschulen sind verpflichtet, im Primarbereich mindestens 40 Stunden Schwimmunterricht vorzuhalten“, erläutert Susanne Strätz, Pressesprecherin der Landesschulbehörde Niedersachsen. „Für diesen verpflichtenden Schwimmunterricht haben die Schulträger nach § 108 Abs. 1 NSchG entsprechende Einrichtungen bereitzustellen und die Kosten für die Schülerbeförderung zum Schwimmunterricht zu tragen.“

So weit die Theorie. In der Praxis fährt Gertraud Blaumann, Konrektorin und Sportlehrerin an der Grundschule Nord in Rinteln mit ihren Schülern ein Halbjahr lang einmal wöchentlich für zwei Schulstunden in das Hallenbad nach Steinbergen. „Das klappt prima, wir haben wirklich beste Bedingungen, dort gibt es ein Lehrschwimmbecken.“

Ziel ihres Unterrichts ist ganz klar, „dass alle Kinder am Ende schwimmen können“. Dabei sind die Schüler zumeist auf sehr unterschiedlichem Leistungsniveau. Vom Nichtschwimmer bis hin zum Träger eines silbernen oder gar goldenen Jugendschwimmabzeichens ist alles dabei, da wird es manchmal schwierig, alle unter einen Hut zu kriegen. „Wir wollen natürlich gewährleisten, dass am Ende des Halbjahres alle unsere Schützlinge sicher Brustschwimmen können.“ Das Seepferdchenabzeichen gilt hier als absolute Mindestanforderung. Trotzdem muss auch Blaumann manchmal Kinder in weiterführende Schulen entlassen, die tatsächlich nicht oder nur mäßig schwimmen können.

„Technik und vor allem aber die Ausdauer der Kinder haben in den letzten Jahren nachgelassen. Es gibt so immer wieder Schüler, die einfach durchs Raster fallen. Deshalb setzt die Schule auch auf die Mitwirkung des Elternhauses. Bei Elternabenden und in Einzelgesprächen betont die Schulleitung immer wieder, wie wichtig es ist, dass Schwimmkenntnisse privat vertieft werden. Die Schule kann einen Grundstein legen, „aber das Elternhaus muss auch mitziehen“, so Schulleiter Horst Ahlswede.

Ähnlich sieht es auch Manfred Wilcken, Rektor der Grundschule Südstadt in Hameln. Allerdings liegt die Mitwirkung des Elternhauses bei ihm manchmal auf grundsätzlicheren Dingen: „Wir sind neben der Papenschule die Schule mit der höchsten Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund.“ Das vereinfacht die Dinge nicht. „Es ist schon vorgekommen, dass muslimische Eltern insbesondere Töchter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen lassen wollten.“

Der Schulleiter setzt in diesem Fall auf Kommunikation und ist damit fast immer erfolgreich, „denn der Schwimmunterricht, das ist vielen Eltern oft nicht klar, ist Pflicht, ebenso wie Deutsch oder Mathe. Wir setzen das durch“. Manchmal auch in entsprechender Badebekleidung für muslimische Frauen. Ohnehin sei die Zahl derer, die sich aus religiösen Gründen weigern, am Unterricht teilzunehmen, gering: „Nur zwei bis drei Prozent der muslimischen Eltern sind tatsächlich gegen das Schwimmen in der Schule.“ Wilcken betont jedoch, dass dies absolute Ausnahmefälle seien. „Allerdings“, so räumt der Pädagoge ein, „wenn ein Schüler oder eine Schülerin mit ärztlichem Attest dem Schwimmunterricht fernbleibt, könne wir nichts tun.“ Auch er verzeichnet in den letzten Jahren „eine leicht abfallende Zahl von Kindern, die von Haus aus schwimmen können“.

Dabei ist das Schwimmenkönnen lebensrettend. Und wie notwendig diese Fähigkeit ist, zeigen die Zahlen des Deutschen Schwimmverbandes (DSV): Sie weisen das Ertrinken weltweit als häufigste unfallbedingte Todesursache von Kindern zwischen 5 und 15 Jahren aus. Dabei können im Schwimmkurs der DLRG-Ortsgruppe Hameln oft schon jüngere Kinder schwimmen. Vorsitzender Meyer betont, dass mit der Wassergewöhnung ruhig schon früh begonnen werden kann.

Vor tragischen Unfällen sind die Kleinsten der Gesellschaft dennoch oft nicht gefeit. Niemand kann sein Kind 24 Stunden perfekt beaufsichtigen, deshalb ist Gefahrenvermeidung gerade in Sachen Wasser oberstes Gebot, denn Kinder ertrinken leise. Grund dafür ist die unverhältnismäßige Verteilung des Körpergewichtes. Kinder unter fünf Jahren können ihren schweren Kopf nicht selber aus dem Wasser ziehen. Sie verfallen in eine Starre mit Atemsperre, daher geschieht das Ertrinken letztlich lautlos. Nach einem Sturz ins Wasser kommen sie – anders als Erwachsene – nicht noch einmal nach oben. Bereits flache Gewässer ab etwa 20 Zentimeter Tiefe können den Kleinen zum Verhängnis werden. Häufige Unfallorte sind Pools oder Biotope, oftmals sogar im eigenen Garten. Bauliche und technische Schutzmaßnahmen können diese sicherer machen. Nach Erkenntnissen der European Child Safety Alliance (ECOSA) verunglücken Kinder bis zu zwei Jahren am häufigsten in der Badewanne, gefolgt von Gartenteichen bei den Ein- bis Dreijährigen und offenen Gewässern bei den Zwei- bis Sechsjährigen.

Die meisten Unfälle bei Kindern über sechs Jahre passieren in Schwimmbädern; bei den über Achtjährigen sind das Meer oder Seen besondere Gefahrenpunkte. Führt der Sauerstoffmangel bei den Kindern nicht direkt zum Tod, so kann er doch Hirnschäden verursachen, mit denen ein Mensch lebenslang zu kämpfen hat.

Wolfgang Lehmann vom Deutschen Schwimmverband gibt Eltern deshalb folgende Ratschläge, damit ihr Kind schwimmen lernt: „Im Nichtschwimmerbecken anfangen: Kinder brauchen die Sicherheit, dass sie noch stehen können.“ Auftriebsmittel wie Schwimmgürtel hält er als Hilfsmittel hier für geeignet. Dazu komme professioneller Unterricht. Und schlussendlich: „Regelmäßig üben! Um die Grundkenntnisse zu stabilisieren, müssen die Bewegungen ein- bis zweimal die Woche trainiert werden.“

Damit spricht er den Rettern der DLRG Hameln aus der Seele. Der DLRG-Landesverband Niedersachsen e.V. führt in Zusammenarbeit mit den Sparkassen in Niedersachsen von 2010 bis 2011 ein Projekt zur Verbesserung der Schwimmfähigkeit von Kindern durch. Hierbei werden in den knapp 300 örtlichen Gliederungen des Landesverbandes Niedersachsen zusätzlich Schwimmkurse für Kinder angeboten.

Für die Ausbildung sind 20 Unterrichtseinheiten mit 15 Teilnehmern vorgesehen. Eine Einheit dauert 45 Minuten. Die DLRG möchte dadurch zusätzlich zu den regulären Ausbildungskursen rund 5000 Kindern das Schwimmen beibringen und sie zu sicheren Schwimmern ausbilden.

Ziel der Kurse ist das bronzene Jugendschwimmabzeichen. Neben der Kenntnis der Baderegeln müssen die Kinder vom Beckenrand springen und 200 Meter unter 15 Minuten zurücklegen. Darüber hinaus müssen sie zwei Meter tief tauchen und dabei einen Gegenstand vom Boden heraufholen sowie einen Sprung vom Ein-Meter-Brett oder einen Startsprung absolvieren.

Die DLRG-Gruppe Coppenbrügge beispielsweise unterstützt das Förderprojekt mit Anfängerschwimmkursen für Kinder ab fünf Jahren von Oktober bis Ende Februar und von Januar bis Mai. Sie ebnet den ersten Schritt auf dem Weg in die Ausbildung zum Lebensretter. Informationen bei Susanne Korth, Tel. 05156/7273.

Paul Plantschnase kann nicht schwimmen. Als er am Meer ist, lachen ihn die anderen Kinder deshalb aus. Das trifft den schüchternen Paul hart und deshalb muss Abhilfe her, denn Paul will auch schwimmen können wie die anderen.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt