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Menschen in Todesangst, Feuerwehrleute in Sorge – heute vor 30 Jahren brannte das Dorint-Hotel

„Springen Sie nicht!“

Hier ist das Dorint-Hotel. Bei uns in der Eingangshalle hat jemand die Polstermöbel angesteckt.“ Diese Meldung des Nachtportiers geht am 12. März 1983 um 5.01 Uhr in der Nachrichtenzentrale der Hamelner Feuerwehr am Ostertorwall ein. Die 2. Wachschicht steht kurz vor dem Ende ihrer 24-Stunden-Schicht, als Disponent Wolfgang Hartung an diesem frühen Samstagmorgen den Löschzug per Knopfdruck alarmiert. Ein Gong ertönt, überall in der Feuerwache geht das Licht an. Dann macht der Hauptbrandmeister eine kurze Durchsage über Lautsprecher: „Feuer im Dorint-Hotel!“ Er habe in diesem Moment gedacht: „So schlimm wird’s schon nicht sein“, erinnert sich der heute 59-Jährige.

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VON ULRICH BEHMANN

Die Männer besetzen drei Fahrzeuge: Tanklöschfahrzeug, Drehleiter und Rettungswagen. Es sind nur vier Feuerwehrleute, die im Morgengrauen über den Ostertorwall, die Deisterallee und den 164er Ring zur Von-Dingelstedt-Straße fahren. Alle gehen von einem Routineeinsatz aus. Dass es am Ende die größte Menschenrettung in der Hamelner Nachkriegsgeschichte werden wird, ahnt niemand. Aber das wird allen schnell klar: Vom Eingang des Notrufes bis zum Eintreffen der Wachbereitschaft am Brandort vergehen weniger als zwei Minuten. Warum ausgerechnet an diesem Tag nur vier hauptamtliche Feuerwehrleute im Dienst waren, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Die Empfangshalle des Hotels brennt lichterloh. Flammen schlagen aus Fenstern im Erdgeschoss, durch die Hitze bersten lautstark Thermopane-Scheiben. Schwarzer giftiger Rauch steigt auf. Das Hotel ist voll davon, den meisten Gästen sind die Fluchtwege abgeschnitten. Auf den Balkonen des wabenförmig gebauten Hauses stehen Menschen – viele haben panische Angst, schreien um Hilfe. Einige halten sich Tücher vor Mund und Nase. Manche wollen in die Tiefe springen. Wilhelm Scharenberg, damals 32 Jahre alt, Hauptbrandmeister und Wachschichtführer, erkennt sofort den Ernst der Lage. Über Funk meldet der Halvestorfer kurz und knapp: „Foyer Dorint-Hotel brennt! Menschenleben in Gefahr! Nachalarmieren!“ Dann greift Scharenberg zum Megafon und versucht die Gäste, die in Panik sind, zu beruhigen: „Springen Sie nicht! Legen Sie sich flach auf den Boden und warten Sie auf Hilfe!“

30 Jahre später erinnert sich der inzwischen pensionierte 62-Jährige an den Einsatz, als wäre es gestern gewesen: „So etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht“, sagt der Brandamtmann a. D. „Ich dachte damals nur: ,Hoffentlich geht das hier gut. Hauptsache, es springt keiner in den Tod.‘“ Er habe gelernt, in solchen unüberschaubaren Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, erzählt Scharenberg. Die Lautsprecherdurchsagen beruhigen die Gäste ein wenig. „Dass keiner gesprungen ist“, meint Scharenberg, „ist ein wenig auch mein Verdienst.“

2 Bilder
Gäste warten auf Hilfe. Ein Mann hält sich ein Tuch vor Mund und Nase.

Günter Harries, seinerzeit Brandoberinspektor und stellvertretender Leiter der hauptamtlichen Wachbereitschaft, ist an diesem 12. März diensthabender Brandmeister vom Dienst (BvD). Er schläft daheim, als ihn das Klingeln des Telefons weckt. Disponent Hartung informiert Harries mit wenigen Worten. Der BvD lässt Hausalarm für die sechs in einem Gebäude der Wache wohnenden Feuerwehrleute und den 1. Zug der Ortswehr geben. Als er an der Baurat-Sommer-Straße in seinen Einsatzleitwagen steigt, sieht Harries eine Rauchsäule. „Da hat sich mein Pulsschlag spürbar erhöht“, erinnert sich der heute 74-Jährige. Ohne zu zögern, greift Harries zum Funkgerät und lässt zusätzlich den 2. und 3. Zug alarmieren.

Um 5.06 Uhr treffen die ersten acht Verstärkungskräfte in der Wache ein. Einer von ihnen ist der damals 20 Jahre alte ehrenamtliche Feuerwehrmann Bernhard Mandla. Er erhält von der Nachrichtenzentrale den Auftrag, sofort die zweite Drehleiter zu besetzen und den Einsatzort anzusteuern. „Ich wohnte damals an der Domeierstraße, hatte zwei Kameraden mitgenommen und war mit meinem Privatauto zur Feuerwache gefahren. Als wir über den Kastanienwall fuhren, haben wir schon die Rauchschwaden gesehen. Dass es in dem Hotel um Leben und Tod ging, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Wir dachten, dass Restaurant würde brennen“, erzählt Mandla. Erst als der Freiwillige in der Drehleiter sitzt und den Sirenenalarm für die Stadt Hameln hört, wird ihm klar, dass das Feuer groß sein muss. „Ich habe in meinen 34 Dienstjahren in Hameln nur dreimal die Feuersirenen gehört.“ Am Einsatzort angekommen, rüstet sich Mandla sofort mit schwerem Atemschutz aus. Er steht neben dem Fahrzeug, sieht Flammen und hört schreiende Menschen. „Das war ganz schlimm. Mir ist ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen.“

Der erste Angriffstrupp, dem Mandla angehört, soll sich über einen brennenden Seiteneingang Zutritt zum Hotel verschaffen und sich durch offenes Feuer und dichten Qualm den Weg zum Treppenhaus freikämpfen. Ziel der gefährlichen Mission: Eingeschlossene und womöglich bereits bewusstlose Hotelgäste retten. „Zweimal mussten wir mit unserem Schlauch den Rückzug antreten“, berichtet Mandla. Grund: In den oberen Stockwerken platzen Fensterscheiben, die Scherben fallen auf den Schlauch und zerstören ihn. Das kostet wertvolle Zeit.

Um 5.07 Uhr trifft BvD Harries an der Einsatzstelle ein. Aus den Brandberichten geht hervor, dass zu diesem Zeitpunkt, also sechs Minuten nach dem Notruf des Nachtportiers, das Hotelgebäude „an allen Außenseiten sowie im Innenbereich äußerst stark verqualmt“ ist. Auf den Balkonen und an den Fenstern gestikulieren zahlreiche Menschen und rufen um Hilfe. „Viele wollten in Todesangst lieber springen als ersticken“, schreibt Zeitungsredakteur Joachim Zieseniß, der damals über den Großbrand berichtete.

Im Erdgeschoss brennen die Hotelhalle und der Friseursalon „in voller Ausdehnung“. Die Flurfenster am Notausgang zum 164er-Ring sind bereits bis zum dritten Obergeschoss zerplatzt. Der Wasservorrat im Tanklöschfahrzeug ist fast erschöpft, eine Schlauchleitung von einem Hydranten noch nicht aufgebaut worden. Jetzt macht sich bemerkbar, dass die Wachbereitschaft nur mit vier Mann angerückt ist.

Günter Harries übernimmt die Gesamteinsatzleitung, lässt um 5.08 Uhr Großalarm für die Ortswehr geben, alle verfügbaren Krankenwagen und einen Notarzt anrücken und den Wasserdruck im Leitungsnetz erhöhen. Dann gibt er folgende Rückmeldung durch: „Zur Lage: Es brennt die Hotelhalle unten in voller Ausdehnung. Sehr starke Verqualmung im gesamten Hotel. Personen schreien um Hilfe. Es werden Fahrzeuge mit Tank benötigt.“

Kreisbrandmeister Friedrich Selle gibt um 5.17 Uhr den Befehl: „Alarmieren Sie sofort die Drehleitern aus Bad Münder und Bad Pyrmont. Dringend!“ Die Spezialfahrzeuge rücken aus dem 16 Kilometer entfernten Bad Münder und aus Bad Pyrmont (22 Kilometer) an. Die Leitstelle erhält von ihm die Order: „Machen Sie Dampf!“

5.37 Uhr: Während Marktbeschicker in der Nähe des Hotels ihre Stände aufbauen, kämpfen Feuerwehrleute um das Leben von Menschen. Freiwillige des 4. Zuges stellen auf der Gebäuderückseite Steckleitern an, holen Frauen und Männer aus dem Hotel.

Am 164er Ring wird eine provisorische Verletzten-Sammelstelle eingerichtet. Polizei und Feuerwehr entscheiden, Fahrzeuge, Poller und Pflanzkübel entfernen zu lassen, damit die Drehleitern Platz haben. Die Krankenhäuser sollen telefonisch auf eine größere Zahl von Verletzten vorbereitet werden. Oberstadtdirektor Dr. Eduard von Reden-Lütcken lässt das Rathaus aufschließen – dort sollen diejenigen betreut werden, die der „Flammenhölle“ (O-Ton Deister- und Weserzeitung) entkommen sind.

Es ist 5.44 Uhr, als Wachabteilungsführer Wilhelm Scharenberg und Feuerwehrmann Bernhard Mandla bei der Suche nach Opfern eine bewusstlose alte Dame finden. Sie liegt auf dem Flur im 8. Stock, ganz in der Nähe einer Fahrstuhltür. „Wir konnten die Hand vor Augen nicht sehen“, erinnert sich Scharenberg. „Ich bin fast über die Frau gestolpert.“ Die 76-Jährige aus Appartement 806 hat sich eine schwere Rauchgasvergiftung zugezogen. Wäre sie nicht so schnell gefunden worden, hätte sie nicht überlebt. „Ich habe später erfahren, dass sich die Bielefelderin wieder vollkommen erholt hat“, erzählt Scharenberg. „Darüber bin sich sehr froh.“

Vier Minuten später passiert etwas, was Gott sei Dank nicht alle Tage vorkommt: Das obere Leiterteil der zweiten Hamelner Drehleiter hat sich zwischen einem Fensterrahmen und einer umgefallenen Stehlampe verklemmt. Beim Einziehen der Leiter reißt sie auseinander. Zu dieser Zeit wird das Feuer von allen Seiten in die Zange genommen. Erst um 6.15 Uhr können die Kräfte aufatmen. Der Brand ist unter Kontrolle, niemand ist mehr in Gefahr.

Von den 40 Personen, die sich im Hotel aufgehalten haben und von denen einige körperbehindert waren, wurden vier über tragbare Leitern und 15 über Drehleitern gerettet. Zwei Hotelangestellte brachten sich über den Notausgang der Kellerbar, zwei weitere über eine an der Fassade angebrachte Feuerleiter aus dem 8. Obergeschoss in Sicherheit. Neun Menschen wurden mit Rauchgasintoxikationen in Krankenhäuser eingeliefert. Die Mehrzahl der Verletzten konnte nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder entlassen werden.

Wer oder was den verheerenden Brand ausgelöst hat, ließ sich nicht klären. Die Hamelner Kriminalpolizei schloss seinerzeit „auch Brandstiftung nicht aus“ und schaltete die Militärpolizei ein. Denn nach Aussage des Nachtportiers hatten sich „als späte Gäste zwei junge Engländer in der Hotelhalle aufgehalten und dort geraucht, als plötzlich die schweren Ledersessel in Flammen standen“.

Zunächst erschien es unerklärlich, dass das Feuer in so kurzer Zeit (schätzungsweise 20 Minuten) einen derartigen Umfang annehmen und eine dermaßen große Rauchentwicklung verursachen konnte. Brandversuche mit den in der Eingangshalle unter den Ledersitzgruppen verwendeten Teppichen „ergaben jedoch in kürzester Zeit eine so frappierende Brandintensität, dass sich schon alleine daraus die schnelle Brandausbreitung über die gesamte Eingangshalle erklären könnte“.

Am 12. März 1983 steht das Hamelner „Dorint-Hotel“ in Flammen. 19 Gäste müssen über Leitern gerettet werden, neun Personen ziehen sich Rauchgasvergiftungen zu. Es ist die bis heute größte Menschenrettung in der

Hamelner Nachkriegsgeschichte.

Unsere Zeitung hat Zeitzeugen befragt und zitiert aus alten Aufzeichnungen und Funkprotokollen.




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