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Wie die Menschen von alters her versuchten, in die Zukunft zu schauen und diese zu beeinflussen

Spökenkiekerei und Aberglaube

Das Jahr geht zu Ende. Was kommt 2012 auf uns zu? Bleiben die Kinder gesund? Ist der Arbeitsplatz sicher? Gibt es eine Inflation? Können wir uns einen (Zweit-) Urlaub leisten? Lebt die krebskranke Freundin in zwölf Monaten noch? Fragen über Fragen. Keine andere Zeit ist von so viel Hoffen, Bangen und Ungewissheit begleitet wie der kalendarische Jahreswechsel.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Kein Wunder, dass die Menschen seit jeher – auch und vor allem zu Silvester – nichts unversucht ließen, um einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Horoskope und andere Prophezeiungen hatten Hochkonjunktur. Die Methoden, mit denen man der schicksalhaften und/oder gottgewollten Vorbestimmung auf die Spur zu kommen hoffte, waren äußerst verschieden. Die Spanne reichte, je nach Wissensstand, Zeitgeist und religiöser Überzeugung, von Hand-, Karten- und Kaffeesatzlesen bis zu Wetter- und Sterndeutung, Orakelbefragung und zahllosen andersgearteten, heutzutage kurios anmutenden Formen der Hellseherei.

Die frühen Bewohner des Orients sollen versucht haben, mittels Erforschung der Eingeweide von Tieropfern in die Zukunft zublicken. Bei den Römern waren Vogelflug-Beobachtung und Traumdeutung angesagt. Und im antiken Griechenland setzte man auch und vor allem auf Orakelbefragung. Ohne die Weissagungen der Pythia im Apollon-Tempel zu Delphi wurde kein wichtiges Vorhaben begonnen.

Unklar ist, wie es die einst hierzulande lebenden Germanen in puncto „Vorsehung“ (Lieblingsumschreibung Adolf Hitlers) hielten. Gesicherte Erkenntnisse gibt es erst seit der Christianisierung der heimischen Region vor gut tausend Jahren. Versuche der Kirche, jede Art von Prophezeiung außerhalb der biblischen Weissagungen abzuschaffen, hatten keinen Erfolg. Im Gegenteil. Die Wahrsagerei wurde fester Bestandteil des menschlichen Alltags. Vor allem die Astrologie gewann mehr und mehr an Einfluss. Im späten Mittelalter ließen sich sogar Päpste und Kardinäle von „Planetenlesern“ beraten. Und auch kluge und hochgebildete Landesherren wie der schaumburgische Graf und spätere Fürst Ernst (1601-1622) sollen wichtige Entscheidungen und Vorhaben vom Lauf und Wohlwollen der Sterne abhängig gemacht haben.

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  • Himmelszeichen und Himmelserscheinungen spielten bei der Suche nach dem vorbestimmten Schicksal eine wichtige Rolle.

Kein Wunder, dass auch die Untertanen der Spökenkiekerei vertrauten. Nach heimatkundlicher Überlieferung pflegten in manchen schaumburger Gegenden die heiratswilligen Mädchen eines Dorfes am Silvesterabend klammheimlich zum Hühnerstall zu schleichen und solange dagegen zu klopften, bis das Federvieh unruhig wurde. Gackerte zuerst eine Henne, war die Aussicht auf einen Bräutigam schlecht. Krähte als erster der Hahn, läuteten im neuen Jahr Hochzeitsglocken. Ansonsten gingen die Jahreswechsel früher viel ruhiger als heute über die Bühne. Zwischen Heiligabend und 6. Januar war Muße angesagt. Es durfte keine Wäsche aufgehängt und kein Stall ausgemistet werden – sonst wurden die Kinder und/oder das Vieh krank. Selbst die Spinnräder in den Wohnstuben standen still. An Böller und Raketen wagte ohnehin keiner zu denken.

Eine spürbare Abkehr vom abergläubischen Vorhersehen brachte die Aufklärung. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete der Philosoph und Naturwissenschaftler Thomas Abbt (1738-1766). Der aus Ulm stammende Sohn eines Perückenmachers war im Alter von gerade mal 26 Jahren als Professor für Mathematik an die Universität Rinteln berufen worden. Seine zahlreichen vom Glauben an die menschliche Vernunft handelnden Schriften machten den jungen Gelehrten schnell europaweit bekannt. Das brachte den schaumburg-lippischen Landesherrn Graf Wilhelm auf die Idee, Abbt als eine Art „Kultusminister“ nach Bückeburg zu holen (wo er knapp ein Jahr später unerwartet starb).

Für jedermann sichtbar wurde Abbts kurzes, aber entschlossenes Wirken beim Erscheinen der 1767er Ausgabe des „Hoch-Gräflich-Schaumburgischen Calenders“. Der junge Professor hatte das Werk kräftig entstaubt. Auffälligste Neuerung war die Streichung aller magischen Prophezeiungen.

Er habe alles weggelassen, „was bisher zur Nahrung des Aberglaubens und zur Befestigung der Dummheit abgedruckt“ worden sei, ließ Abbt die Leser in einem ironisch abgefassten Einleitungstext wissen. „Sollten etliche Personen die Anzeige der Witterung vermissen, so werden sie sämtlich ersucht, zur Befriedigung ihres Wunsches, an Statt in den Calender zu sehen, zum Fenster hinaus zu schauen, woher dieselben ganz gewis viel eher sichre Nachrichten einziehen werden“. Ein vernünftiger Mensch könne und müsse „sich begnügen zu wissen, daß es im November, aber auch noch im April zuweylen schneyet, und daß es im Februar gewöhnlich zwar kalt ist, es manchmal aber auch schon Staub giebt“. Besser und hilfreicher als Himmelshoroskope und Wettervorhersagen sei es, auf den Landmann oder Jäger zu hören, „weil sie auf lange Erfahrungen sich gründen“.

Vorkämpfer gegen Horoskope und Wettervorhersagen: Der Philosoph und Mathematiker Thomas Abbt.

Repros: gp



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