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Vom Siegeszug des Gewinnsparens in den 1950er und 1960er Jahren

Spielend sparen

Die Deutschen sparen sich zu Tode“ wurde jüngst der bekannte deutsche „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger zitiert. Die althergebrachte Art der Geldvermehrung funktioniere seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr. Wer derzeit noch auf Sparbuch, Tagesgeld, Lebensversicherung und/oder Sparverträge setze, mache Verlust. „Der Wertverfall ist wesentlich größer als der Zins-Ertrag“.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eine solche Situation hätten sich die Deutschen bis vor Kurzem noch nicht einmal im Traum vorstellen können. Sparen und Sparsamkeit galten – und gelten vielen immer noch – als Nationaltugend und als Beleg für vernünftiges wirtschaftliches Denken und Handeln. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, wurde schon den Kindern als „unverbrüchliche Glaubensregel“ mit auf den Lebensweg gegeben.

Der Drang, möglichst viel auf die hohe Kante zu legen, hat vor allem mit den Erfahrungen unserer Altvorderen nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Innerhalb kürzester Zeit hatte man einen nicht zu erwartenden Wiederaufstieg aus Elend, Chaos und Ruinen hingelegt. Nur sieben Jahre nach dem Zusammenbruch lag die Leistungsfähigkeit von Handwerk und Industrie in den Westzonen bereits mehr als ein Drittel über dem Vorkriegsniveau. Wie Pilze schossen Siedlungshäuser, Sportplätze und Schulen aus dem Boden. Das Ausland sprach respektvoll vom „deutschen Wunder“. Auch die Wirtschaftswunderkinder erlebten ein nie gekanntes Hochgefühl. Immer mehr konnten sich Tüllgardinen, ein modernes Küchenbüfett, ein UKW-Radio oder gar eine Vespa leisten und von einem Auto träumen. Anfang der 1950er Jahre starteten die ersten Schaumburger Busunternehmer in Richtung „bella Italia“.

Das Erstaunlichste war: Jeden Monat blieb etwas vom neuen, harten Geld in der Lohntüte übrig. Es wurde nicht ausgegeben, sondern aufgehoben. Die schlimmen Erfahrungen mit der Inflation 1923 und der Währungsreform 1948, die zum Totalverlust vieler Ersparnisse geführt hatten, gerieten in Vergessenheit. Und auch die noch kurz zuvor verinnerlichte NS-Parole „Sparen im Kriege, kaufen nach dem Siege“ wurde – wie die Hitler-Ära insgesamt – gezielt und zügig verdrängt.

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Die Nachkriegsregierungen Adenauer und Ehrhard heizten die neu erwachende Sparlust zusätzlich an. Sparen sei zur Erhaltung einer gesunden Volkswirtschaft unerlässlich, so die mahnende These. Als Anreiz brachte man ab 1952 milliardenschwere Subventionsprogramme in Form von Sparzulagen, Prämien und/oder Steuervergünstigungen auf den Weg. Die Einlagen bei Banken und Sparkassen erreichten Jahr für Jahr neue Rekordwerte. Sparen wurde zu einer Art Volksbewegung. Neben Bausparen und Bundesanleihen stürzten sich die Leute vor allem auf ein neuartiges und ungewöhnliches Kombinationsangebot von Sparen und Glücksspiel – das sogenannte „Prämien- und/oder Gewinnsparen“.

Als heimische Anbieter traten ab Januar 1952 die Kreis- und Stadtsparkassen („Kennen Sie schon PS?“) und Volksbanken („Jedes 6. Mitglied gewinnt“) auf den Plan. Bevor es losging, machten die Schaumburger Zeitungen ihre Leser mit den Spielregeln vertraut: „Der Interessent spart wöchentlich mindestens eine Mark und entrichtet einen Mitgliedsbeitrag bzw. Gewinneinsatz von 20 Pfennig je Woche. Für die Sparbeiträge werden Sparmarken in eine Sparkarte geklebt, die bei der zuständigen Bank oder Sparkasse abgegeben wird, sobald sie voll ist. Die Sparbeiträge werden in ein Sparbuch eingetragen und verzinst. Die Mitgliedsbeiträge bzw. Gewinneinsätze werden nach Abzug der Unkosten verlost. Zur Auslosung kommen Gewinne bis zu 1000 Mark. Jede Sparkarte hat ihre besondere Losnummer“.

Der Ansturm übertraf alle Erwartungen. Bereits in den ersten beiden Tagen meldeten sich allein in Bückeburg über 600 „Spar- und Gewinnlustige“ an. Drei Wochen später waren es bereits 6000, und nach drei Monaten klebten über 10 000 Männer und Frauen Sparmarken im Wert von 150 000 DM in die Karten. In etlichen Betrieben bildeten sich Gewinnsparergruppen. Nicht selten ging die komplette Belegschaft auf Prämienjagd. Und immer mehr Arbeitgeber führten – als zusätzliches Lockmittel für die immer rarer werdenden Arbeitskräfte – Sparkarten als ergänzende Weihnachtsgratifikationen ein.

Höhepunkt für die Gewinnspar-Fans waren die Ziehungen. Das anfangs meist vierteljährlich veranstaltete Lostrommel-Drehen wurde zu einer der beliebtesten und populärsten Show-Veranstaltungen während der ersten Nachkriegsjahrzehnte. Die aufwendigsten Events scheinen vor 50 Jahren über die Bühne gegangen zu sein. In den Berichten der hiesigen Blätter aus dem Jahre 1964 ist von bunter Unterhaltung, vollen Sälen und begeisterten Zuschauern die Rede. Zur Hochstimmung trugen Humoristen, Sänger, Artisten, Kapellen und Chöre bei. Nicht selten führte ein Profi-Conférencier durchs Programm.

Bei der Ziehung der Kreis- und Stadtsparkassen Bückeburg und Stadthagen am 10. März 1964 wurden rekordverdächtige 1171 Gewinne gezogen. Die beiden Haupttreffer gingen nach Bückeburg und an eine ältere, im Saal anwesende Rentnerin aus Lauenhagen. „Oma freute sich über den Tausender“, titelte zwei Tage später die Schaumburger Zeitung.

Eine Woche später ging im frisch renovierten Saal der Gastwirtschaft Pieper in Obernkirchen die dritte Auslosung der Volksbanken der Grafschaft Schaumburg (Rinteln, Rodenberg, Sachsenhagen und Obernkirchen) über die Bühne. Auch diesmal traf der Hauptgewinn laut Presse-Berichterstattung „den Richtigen“. Der Tausender sei nach Rinteln in den „Bezirk der Hermannshütte“ (gemeint war die dortige Glasarbeiterkolonie) gegangen. „Wie wir hören, kann der glückliche Gewinner das Geld gut gebrauchen“.

Ob und wie es mit der Sparlust hierzulande künftig weitergeht, ist schwer zu sagen. Eine vergleichbare Situation gab es noch nicht. Nicht wenige Fachleute halten die derzeitige Niedrigzins-Politik für international gesteuert und gewollt. „Was gerade passiert, ist finanzielle Repression“, ließ sich jüngst der bekannte Wirtschaftsprofessor Thorsten Hens vernehmen. Die Unterdrückten seien die Sparer, denn: „Einer muss ja schließlich die Zeche für Staatsverschuldung, Euro-Krise und Bankenrettung bezahlen“. Auf ähnliche Weise hätten die Amerikaner bereits nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Staatsschulden reduziert.

Bei der Frühjahrsauslosung im Gasthaus Pieper in Obernkirchen ging der Hauptgewinn „in den Bezirk der Hermannshütte Rinteln“.




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