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Junge Wirtin war Amme am Kaiserhof in Berlin / Bückeburger Investoren bekamen vor 40 Jahren „kalte Füße“

Sonntagsvergnügen in Bad Nammen

Zwei Bückeburger Investoren aus der Medizinbranche wollten vor 40 Jahren Bad Nammen mit seinem Kurhaus und den ehemals 65 Zimmern wieder zu altem Glanz verhelfen. Sie hatten den direkt an die schaumburg-lippische Landesgrenze und Bückeburg-Röcke angrenzenden Komplex gekauft. Die über 100 Jahre alten Gebäude wurden abgerissen. Da kam Anfang der siebziger Jahre die erste Gesundheitsreform und die beiden Bückeburger bekamen „kalte Füße“.

Autor:

Kurt Römming

Nichts geschah mehr. Die umfangreiche Enklave, vom staatlichen „Nammer Holz“ eingerahmt, wurde der Vegetation preisgegeben. Bald hatten Büsche und Bäume Platz ergriffen. Heute ist nicht einmal mehr eine Grenze zu erkennen. Auf Dauer erhalten wird sich der Name „Bad Nammen“ nur für den nordwestlichen Ortsteil, das „Unterdorf“ der Weserberggemeinde Nammen. Neben Auswärtigen haben aber auch Neubürger bisweilen Schwierigkeiten, mit der Bezeichnung „Bad“ die Verbindung zu dem früheren renommierten Kurhaus herzustellen, das mit seinen sonntäglichen Kaffeekonzerten für die Bückeburger und Mindener feine Gesellschaft erste Adresse war.

Bad Nammens Blütezeit begann nach kleinen Anfängen im Jahre 1813 noch in der ersten Hälfte des vorvergangenen Jahrhunderts und hielt bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs an. Sie ist vor allem mit dem Besitzernamen Nolting verbunden, der Familie, die über mehrere Generationen den Betrieb führte.

Nicht nur für Schwefelbäder aus eigenen Quellen und zum Schlammbaden – der Schlamm wurde „im Staatlichen“ im Nammer Holz geschürft und in Loren auf Feldbahnschienen zum Kurhaus transportiert – hatte das Bad einen hervorragenden Namen. Die „Holztubbenbäder“ linderten manchem Leidenden die Gliederschmerzen und andere Gebrechen. Auch die Gastronomie des Heilbades hatte einen hervorragenden Ruf. Ein Sonntagsausflug zum Kaffeekonzert der „Bückeburger Jäger“ oder der Kapelle des Mindener 15. Infanterie-Regiments in dem von hohen Eichen und Buchen eingerahmten Kaffeegarten war damals ein besonderes Erlebnis für jene Mindener und Bückeburger, die sich dieses Vergnügen leisten konnten.

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In seiner Blütezeit warb das Kurhaus Bad Nammen mit seinen 65 Zimmern mit einer Farbaufnahme um Kurgäste und sonntägliche Kaffeekonzert-Besucher.

In diese Zeit fällt wohl auch die 1972 vom Mindener Klaus Marowsky in seiner Buchveröffentlichung zum 100. Geburtstag seiner Buchhandlung im „Mindenschen“ festgehaltene Beschreibung des beliebten Sonntagsausfluges der Familien aus der Weserstadt: „Wir waren am Sonntach mipm Dampfer übern Berch nach Nammen. Mipm Schiff sind wir nach Porta gefahren und von dort übern Berch nach Nammen gegangen. Nachm Kaffeekonzert auf Bad Nammen fuhrn wir mipm Zuch (Mindener Kreisbahn) zurück nach Minden-Oberstadt“.

Kurbadbesitzer Heinrich Nolting war am 21. September 1911 vom Mindener Landrat mit dem Anliegen angeschrieben worden, der geplante Neubau der Kreisbahnstrecke über Bad Nammen bringe seinem Unternehmen doch erhebliche Vorteile. Er möge wegen der günstigen Anlegung zu dem von der Gemeinde Nammen aufzubringendem Zuschuss für den Schienenstrang 3000 Mark beisteuern. Darüber hinaus sei er im Besitz einer geeigneten Parzelle, auf dem sich die Bahnhofsanlage „Nammen Bad“ erstellen lasse. Dieses Grundstück möge er zum Preis von 1500 Mark für den Morgen verkaufen. Der weitsichtige Heinrich Nolting stimmte beiden Vorschlägen zu. Die Mindener Kreisbahn konnte ihre Strecke zunächst bis Nammen, später dann bis Kleinenbremen ausbauen.

Weit über den heimischen Raum hinaus bekannt war Bad Nammen bereits im Jahre 1862 geworden, als Heinrich Noltings hübsche Frau, als Doris Hartmann in der Gaststätte „Zum Schwan“ in Petershagen geboren und aufgewachsen, Amme für den kleinen Prinzen Heinrich – Sohn der Kronprinzessin Viktoria von Preußen und von Kronprinz Friedrich – am Kaiserhof in Berlin wurde. Der Mindener Arzt Dr. Graffunder mit Beziehungen zum Kaiserhaus hatte die Verbindung hergestellt. Bedingung für Doris Nolting war, in Bückeburger Tracht zu kommen.

Der kleine Prinz war geboren und gedieh an Doris Noltings Busen prächtig. Nicht nur Kronprinz Friedrich, auch die Staatsminister, darunter auch Otto von Bismarck, wurden herangeführt, um dem Stillgeschäft der Amme beizuwohnen. Und, so wird berichtet, „sie sahen gern zu, wie der kleine Prinz sich nährte.“ Er war der Bruder des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II, wurde später als Prinz von Preußen Flottenadmiral und zudem Namensgeber der bekannten „Prinz-Heinrich-Mütze“.

Bad Nammen und auch die elterliche Gaststätte in Petershagen profitierten von der Berühmtheit der Amme, der Bierausstoß soll in der Folge gewaltig nach oben geschnellt sein. In Bierlaune wurde in dieser Zeit an den Theken häufig das Lied von Frau Wirtin bemüht. Hannoveraner Studenten erweiterten es bei einem Bad Nammen-Besuch zu Ehren der inzwischen landauf, landab bekannten Doris Nolting um einen Ammen-Vers: „Wir aber singen weinerig: Ach wär’n wir doch Prinz Heinerich.“

In einem Schlammreservoir, das auf staatlichem Forstgebiet lag, wurde im Herbst der Badeschlamm für die nächste Saison gewonnen und auf dem Schienenweg mit Holzloren zum etwa einen Kilometer entfernten Bad Nammen gebracht.




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