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Fernbusse erobern die Straßen / Redaktion testet Verbindung von Hannover nach Hamburg

So weit, so gut

Nonstop rollt der blau-orangefarbene Bus, pausenlos babbeln der Noch-BWL-Student und die Schon-fertige-BWL-Studentin. Als würden sie sich eine Ewigkeit kennen, die beiden, die sich erst kurz zuvor an der Bushaltestelle am Zentralen Omnibusbahnhof in Hannover getroffen haben. Statistiken, SAP und Mahnwesen, Auslandsaufenthalte, Praktika und Prüfungen, die Krise in Spanien, Trips mit Kumpels aus dem Semester – die ganze Fahrt lang redet das Duo.

Autor:

Alda Maria Grüter
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Zwölf Euro zahlt, wer mit dem FlixBus von Hannover nach Hamburg fährt. Seitdem Anfang des Jahres der Markt für Fernbusse in Deutschland geöffnet wurde, ist die Branche in Bewegung. DeinBus aus Offenbach, FlixBus aus München, MeinFernbus aus Berlin und der Discounter Aldi – mehr und mehr Anbieter steigen mit neuen Strecken und Kampfpreisen in das Fernbusgeschäft ein und machen der Bahn zunehmend Konkurrenz. Nicht von ungefähr plant auch die Deutsche Bahn ihrerseits neue Fernbus-Verbindungen.

Die beiden Studenten stört derweil nichts. Weder die miefige Luft in dem proppenvollen Bus noch das nervige und müde machende Gedudel aus dem Radio oder die Gespräche der mitfahrenden Gäste, die nur schwer nicht mitzuhören sind. Ruhezonen, wie es sie bei der Bahn gibt und wo klingelnde Handys und laute Konversation verboten sind, die gibt es im Bus nicht. Den beiden ist das egal.

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Auch jegliche Geräusche, die so mancher Fahrgast von sich gibt, können ihnen nichts anhaben: Von Schweigen auf Schnarchen hat das Coffee-to-go trinkende Paar in der dritten Reihe nach dem Genuss des Muntermachers umgeschaltet, vom hinteren Teil des Busses – dort, wo bekanntlich nie die ganz Braven sitzen – grölt es laut: „Auf die bestandene Prüfung!“ Die Flaschen klirren beim Zuprosten, einige Ex-Schüler hält es nicht auf den Sitzen.

Dabei sind diese Sessel doch so komfortabel, findet sogar die ältere Dame, die laut gegen den Lärm antelefoniert und dabei kein gutes Haar an nichts und niemandem lässt. Wie gut, dass sie von vornherein zwei Sitzplätze für sich allein blockiert hat: Man wisse ja nie, was für Leute man die ganze Fahrt lang neben einem habe. „Die da hinten saufen schon seit Frankfurt“, sagt die Seniorin, die ebenfalls dort zugestiegen ist.

Das war gegen 7.30 Uhr, jetzt ist es kurz vor 14 Uhr. Entsetzen über die Maß- und Zügellosigkeit der jungen Leute: „Unsereins wäre längst eingeschlafen, aber die werden immer munterer.“ Eine Englisch sprechende Frau beendet das Handy-Gespräch, will offenbar ein bisschen dösen und macht sich lang: Der eine Wollsocken-Fuß schiebt sich bis unter den Sitz des Vordermannes, der andere ist postiert im Gang.

Aus dem Mittagsschlaf aufgewacht ist derweil das Coffee-to-go-Pärchen. Der Mann mit der Creole am Ohr reckt und streckt sich, streicht mit der Hand über sein blankes Haupt, hangelt sich an der Gepäckablage entlang und lehnt sich nach getaner Gymnastik in den Sitz zurück. Die Frau zupft die rot-schwarz-gesträhnte Igelfrisur zurecht, begutachtet ihre eisblau glitzernden und offenbar gerade neu modellierten künstlichen Fingernägel.

Beider Nasen treffen sich zum Stubsi und beider Münder zum Bussi. Ohrgeflüster, noch mal Bussi und dann Kontaktaufnahme mit den Fahrgästen hinter ihnen: „Wir fahren von Frankfurt nach Hamburg für 25 Euro pro Person, zurück für 15 Euro. Hätten wir früher gebucht, wäre es sogar noch billiger. Ist das nicht irre?“ Die angesprochene Frau aus Gießen nutzt die Gelegenheit, ein Anliegen in eigener Sache anzubringen: „Sie fahren nicht zufällig von Hamburg weiter zur Kieler Woche?“ Fehlanzeige.

„Cool, dass man im Bus freies WLAN hat!“

Wieder surft sie im Internet nach einer Mitfahrgelegenheit in Schleswig-Holsteins Hauptstadt. „Cool, dass man im Bus freies WLAN hat!“ Ja, sofern man sich bereit erklärt, seine Kontaktdaten anzugeben und bei der Online-Registrierung einige Fragen zu beantworten. An der Busausstattung sei nichts auszusetzen: Toilette an Bord, die trotz ständiger Nutzung sauber bleibe, und der Müll lande wegen überfüllter Abfallbehälter nicht auf Boden und Sitzen, sondern werde im blauen Müllsack gesammelt. In einigen Bussen kann man sogar Getränke und Snacks an Bord kaufen und es gibt einen Bücherverleih.

Überhaupt schwärmt die Studentin aus Gießen in den besten Tönen von den neuen Fernbussen: „Anders als bei der Bahn ist der Bus nicht überbucht und man fährt extrem günstig.“ Zeitlich allerdings muss man Abstriche machen: Hamburg beispielsweise erreicht man per Bus in gut zwei Stunden, sofern es keine Panne oder keinen Stau gibt. Mit dem ICE sind es 20 Minuten weniger. Nur: „Wie oft sich die Bahn verspätet und Züge ausfallen …“, sagt die Studentin aus Erfahrung.

Dieser Bus jedenfalls ist pünktlich losgefahren und pünktlich sollte er auch das Ziel erreichen. Längst an der Zeit, aktiv zu werden, ist es irgendwann auch für die Seniorin: „Ich fühle mich in diesem geschlossen Raum bedroht“, sagt sie, legt energisch die Tupperdose mit dem Proviant zur Seite, wirft die karierte Wolldecke von ihren Beinen und eilt zum Busfahrer.

Der Mann mit dem verknitterten blauen Oberhemd, der an diesem Freitag den Bus auf der Strecke Frankfurt-Hamburg lenkt, hatte schon beim Zwischenstopp in Hannover geschafft gewirkt. Trotzdem hat er alles unter Kontrolle und die nicht ganz leise Gruppe im Visier. Er spricht mahnende Worte ins Mikrofon und fordert die jungen Menschen zum Hinsetzen auf. Ordnung müsse sein (man fragt sich an dieser Stelle allerdings, warum keiner angeschnallt ist), aber den Alkoholkonsum im Bus könne er nicht verbieten: „Die sind alle volljährig“, wird er am Ende der Busfahrt auf Nachfrage erklären. In kritischen Situationen greife er selbstverständlich ein, gegebenenfalls verständige er auch die Polizei. Aber es gebe Schlimmeres, als so eine Schulklasse: „Sie sollten mal Fußballfans erleben!“

Na ja, alles sei eben relativ, und es gebe Leute, die würden einfach immer etwas auszusetzen haben und maßlos übertreiben, findet die junge Frau, die mittendrin sitzt und die, wenn sie nicht gerade simst, es schafft, in aller Gelassenheit ein Buch zu lesen. „Die großen Kinder, die da Lärm machen“, störten sie nicht, eher die nörgelnde Seniorin, meint sie, trinkt einen Schluck stilles Wasser, steckt einen Bio-Keks in den Mund und ist sogleich wieder in ihrem E-Book vertieft. Das bedeutet: Bitte nicht stören, Quatschen nicht erwünscht. Der Schmöker hat sie fest im Griff: „Gesa pfiff anerkennend … auf Sylt baden die meisten nackt … selten hat sie ein so schönes Männergesicht gesehen … zweite Chance …“ Und stand oben auf der Seite nicht auch der Name „Vicky Leandros?“

„Das war soooo schlimm“

Okay, okay, es gehört sich nicht, in fremde Lektüre zu schielen. Zum Glück nimmt die Leserin dieses schlechte Benehmen nicht wahr. Und wahrlich auch, dass nicht jeder diese Busfahrt lustig finden mag. Preislich günstig hingegen schon. Denn ob Rentner, die Verwandte besuchen, Wochenendausflügler mittleren Alters, aufgebrezelte Girls, Studenten und Schüler, die auf dem Kiez abfeiern wollen – sie alle sitzen aus einem einzigen Grund im selben Bus. „Der Preis ist einfach unschlagbar“, hatte die fertige BWL-Studentin bereits an der Haltestelle in Hannover erklärt. Versuch Nummer zwei hätte sie sonst ganz bestimmt nicht gewagt: Im März, als sie das erste Mal nach Hamburg fahren wollte, sei der Bus nicht gekommen. Eine „verflixt“ blöde Situation für eine Studentin, die knapp bei Kasse ist. Zwei Stunden habe sie gewartet und letztlich auf die teure Bahn zurückgreifen müssen. Immerhin habe das Busunternehmen anstandslos die Kosten für das Zugticket nach Hamburg übernommen, erzählt sie.

Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) zieht nach etwa einem halben Jahr liberalisierten Fernbusmarktes eine positive Bilanz: „Der Bus ist die optimale Lösung für den Verkehr von heute und morgen“, sagt Präsident Wolfgang Steinbrück. Der Busverkehr stehe für Sicherheit und Sauberkeit und sei zudem eine effiziente, benutzerfreundliche und kostengünstige Lösung. Gerade für Reisende mit knapper Kasse und weniger knappem Zeitplan scheinen Fernbuslinien eine Alternative. Dank Portalen wie www.busliniensuche.de, das einen Überblick über alle Fernbuslinien bietet, ist es mittlerweile einfacher, unter dem bislang etwas unübersichtlichen Angebot die passende und günstigste Busverbindung online zu buchen.

Wer allerdings die Strecke Hameln-Hamburg eingibt, wird keine direkte Verbindungen finden. Das bedeutet: Man muss beispielsweise ein S-Bahn-Fahrschein von Hameln nach Hannover kaufen, der möglicherweise teurer ist als das Busticket von Hannover aus in das 200 Kilometer entfernte Hamburg, außerdem beim Umsteigen Wartezeiten in Kauf nehmen. Wünschenswert, so der bdo-Präsident Steinbrück, seien Haltepunkte in einem attraktiven Umfeld, das ein Mindestmaß an Komfort garantiere. „Ein wichtiger Schritt in die Zukunft des Fernbusmarktes sind ausreichende Haltestellen für die Fernbusse in den Städten.“

Das wünscht sich auch die Besucherin der Kieler Woche, denn am Zentralen Omnibusbahnhof in Hamburg angekommen, hat sie noch keine günstige Mitfahrgelegenheit nach Kiel gefunden. Beunruhigt ist sie deswegen aber kein bisschen: Wie immer werde sich auch diesmal jemand melden, der sie mitnehme. Eine Weile zur Ruhe gekommen ist auch die unzufriedene Dame mit der Karo-Decke. Dann nämlich, als der Bus am Schild „Bad Fallingbostel“ vorbei fährt, sie das Notizbuch zückt und mit Einträgen beschäftigt ist. Ob der Kneipp-Luftkurort sie an anstehende Arzttermine erinnert hat? Oder ob sie notiert, welche Schäden sie nach dieser Busfahrt („Das war soooo schlimm“) davon tragen könnte? Wie auch immer, die meisten Fahrgäste sind wohl hin und weg von der Reisevariante: Vielleicht weniger deshalb, weil eine Busfahrt doppelt so lustig ist wie eine Auto- oder Bahnfahrt. Sicher aber, weil man bequem und mindestens halb so teuer davonkommt.

Wenige Monate nach der Liberalisierung von Fernbusverbindungen in Deutschland hat der Wettbewerb Fahrt aufgenommen. Doch wie reist es sich in den Bussen? Welche Verbindungen gibt es schon? Und wer nutzt die Alternative zur Bahn bereits? Eine Fahrt von Hannover nach Hamburg bringt Licht ins Dunkel.




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