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So veränderte der Krieg das Leben in Eldagsen

ELDAGSEN. Der Krieg hat alles anders gemacht, von einem Tag auf den anderen war das Leben in der Stadt Eldagsen wie ausgewechselt. Elisabeth Pfeiffer, die damals Meisiek hieß, lernte nach einer bis dato glücklichen Kindheit die dunkle Seite der Menschheit kennen.

Weiß, wie es war: Elisabeth Pfeiffer blättert in ihren historischen Aufnahmen. Links ist ein Foto der Langen Straße zu sehen. FOTO: MISCHER
Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Auf dem Wohnzimmertisch vor Pfeiffer liegen Fotoalben, Bilder, Zeitungsausschnitte, alte Briefe und Postkarten, ausgebreitet wie ein kostbarer Schatz. Ihr Schatz, der sie daran erinnert, wie sie wurde, wer sie heute ist.

Mai 1941. Über die junge Elisabeth, die damals neun Jahre alt war, ist der Krieg, wie über so viele, hereingebrochen wie ein Feuersturm, der alles verzehrte. Daher rührt womöglich Pfeiffers Abneigung gegen alles, was mit Krieg zu tun hat. Und mit Gewalt.

„Laut Kreishandwerkerschaft sollten wir nach Litzmannstadt umgesiedelt werden“, erinnert sich Pfeiffer. Und weiß noch, wie groß das Glück bei der Familie darüber war, dass es nicht dazu gekommen ist. Immerhin wären sie selbst dann später zu Flüchtlingen geworden.

So war das Leben in Eldagsen: Ihr Vater, Heinrich Meisiek, Bäckermeister, belieferte die Kunden direkt zu Hause, die junge Elisabeth war bereits mit sieben Jahren auf dem Pferdewagen mit dabei und hat geholfen, das Brot zu den Kunden zu bringen. Fünf Bäckereien gab es damals in der Stadt: Cordes, Rieche, Meyer, Meisiek und Kuhlemann. Und bei den Familienbetrieben war es üblich, dass die Kinder auch mit anpackten. Überhaupt: Helfen war eine Selbstverständlichkeit, auch im Garten. „Niemand hat gemeckert, wir haben angepackt, auch beim Schleppen.“ Trotzdem, blickt Pfeiffer zurück, hatten sie und ihre Geschwister „unheimlich viel Zeit“.

Bei all der Arbeit blieb aber viel Freizeit, sagt Pfeiffer: Nicht erst nach dem Krieg, der großen Zäsur, war auch mal Zeit, etwa zum Versteckenspielen: „Wir sagten damals aber nicht ‚sag mal Piep‘, sondern ‚gib mal Ton‘.“ Abends wurde Rommeé gespielt – das macht Pfeiffer bis heute leidenschaftlich gern. Aber ihre Kindheit war eben nicht nur eitel Sonnenschein: „Der Krieg schlug immer wieder Breschen der Zerstörung.“

Eine solche Bresche hinterließ etwa der Tagesangriff auf Hannover vom 26. Juli 1943, den Pfeiffer im Luftschutzkeller miterlebte – oder besser miterlitt. „Einmal nach den Sommerferien fuhren wir regelmäßig nach Hannover.“ Als die Familie am Maschsee saß, der damals mit Strohmatten bedeckt war, kam der Kellner aufgeregt auf sie zu. „Er sagte zu meiner Mutter: ‚Gnädige Frau, es ist Vollalarm, sie müssen in den Luftschutzkeller.‘“ So endete der Ausflug in die sommerliche Großstadt in einem dunklen Verließ, oben fielen die Bomben, unten schlugen die Herzen, Pfeiffer musste stundenlang ausharren. „Am Ende kam ein Mann von oben herein. Er rief uns zu: ‚Entwarnung – aber Hannover brennt.‘“

Die Entwarnung bedeutete aber nicht, dass die Gefahr vorbei war: Bis die Familie sicher in Eldagsen ankommen konnte, musste sie durch die brennende Stadt zum Bahnhof. „Und im Asphalt steckten überall Brandbomben“, erinnert sich Pfeiffer.

Und dann waren da noch die Soldaten, die sich in ihrem Haus von Kriegsverletzungen auskurierten, später, nach dem Ende des großen Weltenbrandes, kamen die Flüchtlinge „die hatten es bei uns im Haus gut!“

Und dazwischen wurde gearbeitet, gelebt und gespielt: „Ich hatte ein wunderbares Puppenhaus – oder wir fingen Steckerböcker im Gehlenbach.“ Steckerböcker sind Stichlinge und Langeweile war den Kindern damals ein Fremdwort, „das kannten wir nicht“.

„Wenn nur der Krieg nicht gewesen wäre“, fasst Pfeiffer zusammen. Und heute ist ihr der Kampf für ein geeintes Europa und gegen Krieg und Militarismus ein so großes Anliegen, dass sie zu dem Thema sogar Vortragsabende anbietet. Sie möchte dafür sorgen, dass die heutige Generation erfährt, wie fürchterlich Krieg ist, wie unermesslich groß das Leid. Damit es ihn nie wieder gibt, einen solchen Krieg.



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