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Von Quacksalbern und den Anfängen des Medizinal- und Apothekerwesens im Schaumburger Land

„So nimb gute rote Myrrhen 4 Lot…“

Mehr als 30 Milliarden Euro haben sich die Deutschen im vergangenen Jahr ihren Arzneimittelkonsum kosten lassen – so viel wie nie zuvor und weit mehr als jede andere Nation auf diesem Planeten. Um die Nachschubversorgung der im Schaumburger Land lebenden und leidenden Menschen kümmern sich 48 Apotheken. In deren Schubladen und Regalen lagern bis zu 12 000 verschiedene Präparate.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Solche Verhältnisse hätten sich die Leute bis vor 60 Jahren nicht einmal im Traum vorstellen können. Mehr noch: Das Gros der während der letzten tausend Jahre auf hiesigem Territorium lebenden und siedelnden Menschen hat zeit ihres Lebens ohne Apotheken auskommen müssen. Bis ins späte Mittelalter hinein standen, wenn überhaupt, nur altbewährte Hausmittel und/oder der Erfahrungsschatz „weiser“ alter Frauen, mancherorts „Kräuterhexen“ genannt, zur Verfügung. Die Herstellung ihrer Mixturen war nicht selten von zwielichtigen Ritualen und Zaubereinmaleins begleitet.

Im Laufe des Mittelalters traten zunehmend Heilkundige mit pharmazeutischem Fachwissen in Erscheinung. Einen von ihnen siedelte der damalige Graf Adolf XI. (1582-1601) in seiner Residenzmetropole Stadthagen an. Die Folge: Im Jahre 1591 öffnete dort – als erstes Schaumburger Medikamentengeschäft überhaupt – die „Ratsapotheke“ ihre Pforten. Für eine ortsnahe und standesgemäße Versorgung durch einen Arzt hatten bereits Adolfs Vorgänger gesorgt. Schon um 1400 ist – ebenfalls in Stadthagen – ein als „Mester Clawes de arste“ bezeichneter Doktor der Medizin nachgewiesen.

Adolfs Nachfolger Ernst (1601-1622) baute die heilkundliche Versorgung in seiner Grafschaft energisch aus. So siedelten sich, unter seiner Regie, drei weitere Pharmaziebetriebe an: 1607 in Bückeburg die „Hofapotheke“ und 1620 in Rinteln die „Rats- und Universitätsapotheke“. Eine Zeit lang später folgten (Hessisch) Oldendorf (um 1630), nochmals Bückeburg (1645/Stadtapotheke) und Rodenberg (1665). Mit den sieben Erst- und Neugründungen innerhalb eines Dreivierteljahrhunderts scheint der Bedarf für längere Zeit gedeckt gewesen zu sein. Jedenfalls kamen in den folgenden 275 Jahren nur noch zehn neue Pharmazie-Geschäfte hinzu. Der ganz große Run begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 65 Prozent aller heutigen Apotheken im Schaumburger Land wurden nach 1949 aus der Taufe gehoben.

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Karikatur eines Apothekers.
  • Karikatur eines Apothekers.

Große Veränderungen hat es auch hinsichtlich der Aufgaben und Tätigkeiten sowie des Wissens- und Ausbildungsstands der Betreiber gegeben. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts galt der Apothekerjob als Handwerkerberuf. Vor Beginn der industriellen Massenproduktion musste der weitaus größte Teil der Medikamente noch selber zusammengemixt werden. Als Konkurrenten traten über Jahrhunderte hinweg Quacksalber, Wunderheiler, Kurpfuscher und umherfahrende „Medicinkrämer“ auf den Plan. Der größte Missbrauch wurde mit „Theriak“ getrieben, einem angeblich schon in vorchristlicher Zeit entwickelten, aus annähernd 70 verschiedenen Einzelbestandteilen zusammengerührten Allheilmittel. Herstellung und Handel mit der gern als „Himmelsarznei“ gepriesenen Rezeptur soll ganzen Fälschergenerationen zu Wohlstand und satten Gewinnen verholfen haben. Daran dürfte auch die 1615 gedruckte „Land- und Polizey-Ordnung“ des Grafen Ernst nichts geändert haben. „Sonst aber sollen die Land-Fahrer, Zahnbrecher und Theriac-Krämer Waaren zu der Arzeney gehörig nicht feil haben“, ist darin zu lesen. „Und da sie sich dessen unterstehen, sollen sie von der Obrigkeit des Ortes, solches fürgekommen, abgetrieben und ausm Lande gewiesen werden“.

Weit weniger gesittet als heute ging es zu jener Zeit aber auch bei den niedergelassenen Händlern zu. Einer in der 1630er Jahren zusammengestellten Liste der Ratsapotheke Stadthagen kann man entnehmen, was damals in den Pharmaziegeschäften über den Ladentisch ging. Aufgeführt sind neben „Wundt Dranck“, „Augen Waßer“ und „Barbaras Morselln“ (eine bittere, mit Zucker versüßte Früchtearznei) unter anderem „Bomöl“, „Purgis Pulver“ (Abführmittel), „Braune Brust Küchlein“ und „Pedicolorum“ (Entlausungsmittel). Zur Behandlung offener Wunden wurden „Meliloten“-, „Diapalma“- und „Bleiweiß“-Pflaster vorgehalten.

Da Herstellung und Handel der Arzneimittel zum Überleben nicht ausreichten, bot der Inhaber auch mehr oder weniger „artverwandte“ Produkte an. So waren in dem Stadthäger Laden unter anderem „Löschen poppier“, „Atramentum“ (Präparat zur Verhinderung von Rostbildung), Terpentin, „Aqua Vitae“ und Konfekt zu haben. Eine weitere wichtige Einnahmequelle scheinen Siegelwachs, Glas- und Steingefäße und vor allem Wein gewesen zu sein. Über dessen Heilwirkung gibt eine zeitgenössische Behandlungsempfehlung bei Zahnschmerzen Auskunft: „So nimb gute rote Myrrhen 4 Lot, eine Kanne guten Wein, las es einkochen biß zur helffle und halt denselben in dem Munde an dem ort, da dir die Zeene wehe thun“, so der Rat. „Speye denn solche über eine gute lange weil wider aus, und nim desselben wider in den Mund, das thue mal 4. oder 6., so bistu deß schmertzens los“.

Das berühmteste und berüchtigtste „Heilmittel“ des Mittelalters war Theriak. Die „Himmelsarznei“ wurde über Jahrhunderte hinweg – meist als Fälschung – auf allen europäischen Marktplätzen feilgeboten.

So oder so ähnlich wie auf diesem im späten Mittelalter entstandenen Holzstich-Bildnis dürfte es auch in den ersten Schaumburger Apotheken ausgesehen haben.

Repros: gp

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