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Silvester auf der Bühne – das ist der Job

Haben Sie heute schon etwas Warmes gegessen?

Schaffrath: Oh... Wir sind etwas früher von Köln hierher gefahren und hatten uns überlegt, hier noch etwas zu essen. Da aber alle Restaurants erst um 17.30 Uhr aufmachen – auf jeden Fall die, die wir gefunden haben – habe ich eben eine ganz tolle Currywurst von dem Metzger Rauch mit Pommes gegessen. Und Mayonnaise. Das gibt Power.

Rücker: Ich habe um drei Uhr gefrühstückt.

Um drei Uhr?

Rücker: Ja, weil ich gestern Abend noch Hunger hatte, habe ich mir einen Flammkuchen gebacken. Um elf Uhr nachts. Da konnte ich heute bis zwei Uhr nichts essen. Und dann habe ich mein Müsli-Frühstück mit Lein-Öl so um drei Uhr gegessen und habe jetzt auch noch gar keinen Hunger. Ich habe eine Banane mit in der Garderobe.

Dann gibt es heute wohl auch nichts Warmes mehr?

Rücker: Doch, nach dem Stück. Aber das wäre ja dann auch schon wieder morgen.

Wenn wir schon beim Reisen sind, Sie spielen ja bis Januar in Braunschweig. Leben Sie in dieser Zeit aus dem Koffer und im Hotel?

Schaffrath: Ich bekomme in Braunschweig vom Theater eine sehr schöne Wohnung gestellt. Es ist natürlich nicht das zu Hause, aber ich habe mir einfach ein paar Accessoires mitgenommen: Fotos von meinen Freunden, meiner Familie, Hochzeitsfotos, mein Kopfkissen und meine Bettdecke. Ich habe es mir schon gemütlich gemacht. Bei den Außer-Haus-Terminen lebt man natürlich auch aus dem Koffer, aber das mache ich im Grunde schon seit zwölf Jahren, seit ich den Beruf ausübe. Seitdem bin ich es gewohnt, Koffer zu packen.

Rücker: Ich habe in Braunschweig auch eine Wohnung mit Ofen und Balkon.

Ist die Umstellung noch schwierig oder macht es Ihnen schon nichts mehr aus?

Rücker: Ich bin eigentlich überall zu Hause, wo ich die Tür hinter mir zumachen kann. Sonst würde ich kaputt gehen.

Schaffrath: Einen Koffer für eine Woche zu packen, ist für mich überhaupt kein Problem. Jetzt war es in der Tat ein bisschen anders. Ich habe im Grunde meine ganzen Wintersachen mit nach Braunschweig genommen, weil ich ja nun bis Mitte Januar dort bin. Am Wochenende war ich noch einmal zu Hause und habe noch ein paar Sachen erledigt, war zum Beispiel beim Friseur meines Vertrauens. Aber mein Mann kommt mich oft besuchen und so hält sich das ein bisschen die Waage.

Fällt es Ihnen leicht, bei einer neuen Spielzeit in den berufsbedingten Rhythmus hinein zu finden?

Schaffrath: Einen festen Tagesrhythmus gibt es eigentlich nicht. Wenn man probt, ist man recht früh auf und probt tagsüber. Da geht es noch mit dem Rhythmus. Aber sobald man spielt, schläft man natürlich auch länger.

Rücker: Nee, ich nicht. Ich habe senile Bettflucht. Zwischen sieben und acht stehe ich auf, egal wann ich ins Bett komme.

Schaffrath: Legst du dich dann mittags hin?

Rücker: Nein. Einen Tiefpunkt hab ich gegen halb fünf, fünf. Dann könnte ich zehn Minuten schlafen. Aber wenn es nicht geht, geht es halt nicht.

Wie und wo tanken Sie denn Kraft?

Rücker: Ich praktiziere Yoga. Den Beruf braucht man ja um Leben zu können. Aber das eigentliche Leben ist seit 1980 meine Yogapraxis. Konsequent. Aber das ist eine lange Geschichte. Das sind nicht drei Übungen, die man am Tag macht. Das ist eine ganze Art zu leben.

Und Sie, Frau Schaffrath?

Schaffrath: Ich schöpfe viel Kraft durch meine Familie. Und dadurch, dass ich schon mal nach Hause fahre. So wie jetzt am Wochenende, da konnte ich meinen Akku unheimlich gut auffüllen. Oder wenn mein Mann zu mir kommt. Ich telefoniere auch viel mit meiner Familie oder mit Freunden. Und ich muss sagen, Christiane ist auch ein toller Mensch. Sie hat unheimlich viel positive Energie und gibt die auch weiter.

Kannten Sie sich vorher schon?

Rücker: Wir sind Schwestern im Geiste. Aber ich habe Michaela vorher nicht gekannt. Ich fragte auch meinen Mann, aber auch der sagte „Nee, kenn ich nicht.“ Ich habe sie aber mal in Bonn spielen gesehen.

Schaffrath: Ja, da habe ich die „Zärtlichen Machos“ gespielt. Aber da haben wir überhaupt nicht miteinander geredet. Natürlich ist mir Christiane Rücker ein Begriff gewesen. Und ich habe auch schon etwas von ihr gesehen, aber persönlich kannte ich sie bis dato noch nicht.

Aber Sie haben sich auf Anhieb verstanden.

Schaffrath: Ich würde jetzt mal sagen: Ja. Wie sie schon sagte: Schwestern im Geiste. Wir haben unheimlich viele Parallelen in unserem Leben entdeckt.

Sie haben beide viel Erfahrung und sind bereits lange im Geschäft. Ist es schon einmal passiert, dass das Publikum, gerade bei einer Komödie, nicht so reagiert, wie geplant?

Rücker: Ich plane nicht! Aber das ist eigentlich auch nie passiert. Schaut Leute, das ist immer dieser Irrtum. Für uns ist das ein Beruf wie jeder andere. Die Leute kommen und haben bezahlt. Wir spielen für die Leute. Und wir planen nicht, wie die reagieren, sondern wir können nur hoffen, dass es denen so gefällt, wie wir es uns vorstellen.

Schaffrath: Man merkt aber schnell, wie die Leute drauf sind.

Rücker: Genau. Und wenn die mal nicht so reagieren, wie wir es geplant haben, würde ich die Schuld uns geben. Dann haben wir was falsch gemacht.

Und haben Sie für diesen Fall einen Trick in der Nähkiste?

Schaffrath: Das machen, was man eingelernt hat und von dem man glaubt, dass es richtig ist.

Rücker: Einfach weitermachen. Wir sind ja keine Entertainer. Das ist ja bei uns geprobt und geplant.

Schaffrath: Das Publikum ist natürlich auch immer unterschiedlich. Wenn man jetzt im Rheinland spielt, sind die natürlich alle ein bisschen lockerer, als wenn man hoch in den hohen Norden gehen würde.

Rücker: Da sagt man dann halt: „Guck mal, was das heute für ein Lacher war, dafür kam der gar nicht an!“

Das ist ja auch der Unterschied zwischen Film und Theater: Was macht Ihnen mehr Spaß?

Rücker: Theater. Das ist einfach der Beruf. Beim Film bist du von so vielen Dingen abhängig: von der Kamera, der Regie, davon, wie du aufgenommen wirst. Das kann man überhaupt nicht vergleichen.

Schaffrath: Es macht beides viel Spaß.

Rücker: Naja, Spaß ist Drehen ehrlich gesagt nicht. Es ist eigentlich meistens Warten. Wenn du Pech hast, kommst du um sieben Uhr morgens zur Maske und um 17 Uhr hast du die Großaufnahme.

Schaffrath: Dieter Pfaff hat mir mal was Schönes dazu gesagt: Wir werden fürs Warten bezahlt und spielen dürfen wir umsonst.

Gibt es eine Traumrolle, die sie gerne mal spielen würden.

Schaffrath: Ich habe mich da nicht festegelegt. Ich konzentriere mich immer auf die Rolle, die ich im Moment ausübe, lebe und erlebe. Damit bin ich ausreichend beschäftigt.

Rücker: Bei mir war es mal Irma la Douce. Die hab ich gespielt. Und dann habe ich immer gesagt, ich sehe mich als moderne Grethe Weiser. Das war die komische Grande Dame des deutschen Films.

Schaffrath: Aber jede neue Rolle ist eine Herausforderung, und man wächst auch daran. Das tolle an dem Beruf ist, dass man einiges von sich selbst mit einbringen kann, aber sich auch immer neu erfindet.

Rücker: Für mich sind die Rollen aber keine Herausforderung mehr.

Schaffrath: Das machst du ja auch schon ein paar Jahre länger.

Rücker: Ich befinde mich eigentlich schon auf der Zielgeraden. Die Herausforderungen habe ich hinter mir, aber du bist ja noch in der Entwicklung.

Wenn Sie unterwegs sind, sehen Sie oft andere Städte. Haben Sie Zeit, sich diese Städte anzuschauen?

Schaffrath: Bei Tagestouren eigentlich gar nicht. Es sei denn, man ist früher da und sucht, so wie wir heute, ein Restaurant. Das wird ja auch immer falsch interpretiert. Die Leute denken immer, du kommst so viel rum und siehst so viel. Das ist aber nicht so. Es ist ein Beruf. Man fährt dort hin, und dann auch leider schon wieder weg.

Verraten Sie mir etwas über Ihre nächsten Projekte?

Schaffrath: Für mich stehen wieder die „Zärtlichen Machos“ an. Ich bin im Grunde das komplette nächste Jahr ausgebucht. Mit ein paar Wochen dazwischen, die man auch braucht, um ein paar Tage Urlaub zu machen und Zeit mit der Familie zu verbringen.

Rücker: Bei mir ist es ähnlich. Ich fange im Frühjahr wieder als „dusselige Kuh“ beim Ekel-Alfred an.

Eine Frage darf zurzeit natürlich nicht fehlen: Was machen Sie Weihnachten und Silvester?

Rücker: Silvester spielen wir zweimal in Wolfenbüttel. Und anschließend feiern wir mit den Kollegen in Braunschweig. Weihnachten haben wir zwei Tage frei. Da kommt mein Mann mich besuchen.

Schaffrath: So wie es im Moment aussieht, werde ich Weihnachten mit dem Zug nach Hause fahren.

Rücker: Ich setze mich nicht mehr in volle Züge. Dazu bin ich zu alt.

Die eine ist bereits auf der Zielgeraden ihres Berufslebens angekommen, die andere sammelt nach einer Karriere im Erotikgeschäft noch Erfahrungen auf der Bühne: Christiane Rücker (67) und Michaela Schaffrath (40) stammen aus zwei verschiedenen Generationen. Jessica Rodenbeck sprach mit beiden Schauspielerinnen: über senile Bettflucht, Rintelner Currywurst und Silvester auf der Bühne.




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