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Sie prägten Hunderte von Senioren und Jugendlichen und haben nach 25 Jahren Schluss gemacht

Sievers & Gruhl – fast wie ein altes Ehepaar

Hameln. Klaus Dietrich Gruhl und Edeltraud Sievers – gemeinsam mit ihren Mitstreitern machten sie sich nicht nur für Senioren und das Ehrenamt stark. Ihnen gelang zudem der Brückenschlag zwischen den Generationen: Aus der Initiative des früheren Kontaktbeamten, der 1984 im Rahmen eines Projektes des niedersächsischen Sozialministeriums die ehrenamtliche Seniorenbetreuung ins Leben rief, entstand in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Hameln auch eine beispielhafte, mehrfach ausgezeichnete – und über die Stadtgrenzen hinaus vielerorts nachgeahmte – Zusammenarbeit zwischen Senioren und Schülern der Wilhelm-Raabe-Schule.

Diskutieren stets rege: Edeltraud Sievers und Klaus Dietrich Gru

Autor:

Alda Maria Grüter

Hameln. Klaus Dietrich Gruhl und Edeltraud Sievers – gemeinsam mit ihren Mitstreitern machten sie sich nicht nur für Senioren und das Ehrenamt stark. Ihnen gelang zudem der Brückenschlag zwischen den Generationen: Aus der Initiative des früheren Kontaktbeamten, der 1984 im Rahmen eines Projektes des niedersächsischen Sozialministeriums die ehrenamtliche Seniorenbetreuung ins Leben rief, entstand in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Hameln auch eine beispielhafte, mehrfach ausgezeichnete – und über die Stadtgrenzen hinaus vielerorts nachgeahmte – Zusammenarbeit zwischen Senioren und Schülern der Wilhelm-Raabe-Schule. Das Paritäten-Paar „Sievers & Gruhl“, mittlerweile im Ruhestand, erinnert sich: „Wir haben nach dem 25. Jubiläum Schluss gemacht, weil …“, beginnt Edeltraud Sievers im Plauderton zu erzählen. Und wird von dem Herrn neben ihr prompt korrigiert. „Ich nicht!“ protestiert Klaus Dietrich Gruhl. Woraufhin die 82-jährige Dame den Kaffee umrührt und die wenigen Sekunden, die diese Tätigkeit in Anspruch nimmt, als Denkpause nutzt, um schließlich festzustellen: „Ja, ja , du hattest schon vorher aufgehört, Klaus, das sag ich doch!“ Der 85-Jährige ist nicht zufrieden: „Nein, das sagtest Du nicht: Es war bei mir nicht nach dem 25. Jahr. Aber das erzähle ich alles lieber selber.“ Sie ziehen sich auf, spielen ihre unterschiedlichen Charaktere gegeneinander aus, formulieren ihren Protest durchaus bestimmend – und dieses amüsante Hickhack schlängelt sich als roter Faden durch das Gespräch. Und beweist: Wenn diese „Altverkrachten“ und bis heute in guter Freundschaft frisch Verbundenen „streiten“ – um zu guter Letzt doch auf einem gemeinsamen Nenner zu landen –, dann konnten diese Kabbeleien im Ergebnis immer nur gut sein für Jung and Alt: „Das war schon immer so“, sagt Klaus Dietrich Gruhl lachend. „Weil wir oft gegenteiliger Meinung waren und alles ausdiskutiert haben, deswegen ist alles überhaupt etwas geworden.“

Mit „alles“ ist das ehrenamtliche Engagement gemeint. „Angefangen hat unsere Arbeit 1984. Als ich in Pension gegangen war, trat Sozialminister Hermann Schnipkoweit an mich heran und fragte, ob ich mir zutraute, in Hameln einen Modellversuch durchzuführen.“ Das Ziel lautete: „Ich sollte herausfinden, ob Menschen aktiviert werden können, ehrenamtlich etwas zu tun.“ Gruhl legte los und war dann ganz erstaunt: „Es gab einige, die sich um einsame und ältere Leute kümmern wollten.“ Aufgrund der intensiven PR-Arbeit seien am 6. Dezember 1984 die ersten sechs ehrenamtlichen Helfer zusammengetrommelt worden, darunter Edeltraud Sievers sowie das Ehepaar Waltraud und Hans Lippel. „Da hatte ich also die Ehrenamtlichen, danach aber kam das wirklich Komplizierte: Wir mussten ja auch Leute zum Betreuen haben. Da bin ich losgelaufen wie ein Handelsvertreter.“ Noch schwieriger sei es gewesen, die Interessierten davon zu überzeugen, dass der Service keinen Pfennig kostet. Denn, es agierten vereinzelt ehrenamtlich Tätige im Stillen, aber, dass es Menschen geben sollte, die sich zu einer Gruppe zusammenschließen, sich um einsame Senioren kümmern und ihren aktiven Dienst am Nächsten sogar kostenlos anbieten wollten – das sei vor gut 25 Jahren noch neu gewesen. „Du musst die Paritäten erwähnen“, schiebt Edeltraud Sievers dazwischen. „Ja, alles lief unter dem Dach der Paritäten, die mich immer unterstützt haben.“ Durch die ganze Stadt sei er gezogen, sagt Gruhl: „Die soziale Not und das Alleinsein waren vor allem in Privatwohnungen groß. Da haben wir an die Tür geklopft und unsere Hilfe angeboten.“ Später gingen die Freiwilligen auch in die Altenheime. „Den Senioren etwas vorzulesen oder etwas mit ihnen zu unternehmen – das gehörte zu unseren Aufgaben. Aber nicht die Pflege. Und auch nicht die Unterstützung im Haushalt“, erläutert Edeltraud Sievers. Zu dem Helferteam kam die damals 57-Jährige, nachdem sie ihren Job bei Vorwerk verloren hatte und keine neue Arbeit fand. Dass sie als Kandidatin für den Freiwilligen-Dienst geeignet sei, habe Gruhl natürlich sofort erkannt: „Sie hat das Helfer-Syndrom, Organisationstalent, ist zuverlässig, herzlich und bereit zu konstruktiver Arbeit.“ Edeltraud Sievers wimmelt ab: „Zähl doch nicht immer auf, wie toll ich bin, wenn jemand dabei ist.“ Und liefert damit den Anlass für eine weitere Einschätzung: „Du bist eben viel zu bescheiden. Und das kann ich aufgrund meiner Berufserfahrung sehr gut beurteilen.“ Wieder lenkt sie ab, bietet Kekse und Kaffee an. Doch er fährt fort: „Edeltraud hat einfach ein Gespür dafür, wo Hilfe nötig ist. Und wenn wir nicht einer Meinung waren, da musste ich als Mann zu 80 Prozent erkennen: Sie hat wieder einmal Recht!“

Recht sollten beide behalten, als sie zwei weitere Projekte anschoben: Bei den Paritäten wurde der Seniorentreff gegründet, um den sich vor allem Edeltraud Sievers zusammen mit dem Ehepaar Lippel intensiv kümmerte. Gemeinsam spielen, Feste feiern, reden und erzählen – beim Seniorentreff, so Sievers, waren und sind ältere Leute in guter Gesellschaft. Später kam dann auch die Jugend mit in die Seniorenrunde: Schüler der Wilhelm-Raabe-Schule aus der AG „Ambulante Seniorenbetreuung“, deren außerschulische Partnerin des Paritätischen Edeltraud Sievers bis 2009 war. „Das soziale Lernen außerhalb der Schule war zu der Zeit etwas ganz Neues“, erklärt Gruhl. Und dass das Engagement der Hamelner Schüler für ältere Leute im Zeugnis gewürdigt wird, das war damals sogar landesweit erstmalig. „Ich hatte das gute Gefühl, dass es klappen könnte, nämlich etwas für die Alten und gleichzeitig auch für die Jugend zu tun. Denn damals war ja das große Schlagwort ‚Krieg zwischen den Generationen‘“, sagt Klaus Dietrich Gruhl. Die Zusammenarbeit mit der Raabe-Realschule lag nahe, denn zu der habe er einen guten Kontakt gehabt. „Die Schulleitung begrüßte das Vorhaben“, fand, dass „Gruhlchens Idee eine gute pädagogische Maßnahme“ sei. Anträge zu stellen, um die AG genehmigen zu lassen, davon hielt der pragmatisch handelnde Gruhl allerdings nichts: „Ich sprach mit dem Sozialminister. Sie werden es nicht glauben: Diese Schul-AG, geleitet von der Lehrerin Ulrike Moeck, wurde ohne einen einzigen Schriftsatz gegründet.“ Rund 700 Schüler haben seitdem Kontakt zu Senioren aufgenommen. Und sowohl die Jugendlichen als auch die Omis und Opis haben einen Einblick bekommen in die Welt des anderen, in eine Welt, die beiden Seiten oftmals verschlossen bleibt. Jugendliche, die selber keinen Bezug zu älteren Personen haben, können so generationenüberspannende Familienstrukturen erleben. Bei einigen habe sich ein vertrauensvolles und herzliches Oma-Enkel-Verhältnis entwickelt, so Sievers. Mit ihrem Besuch bringen die Kinder auch den Älteren und Einsamen menschliche Nähe, ziehen sie damit aus der Isolation und verhelfen ihnen zu mehr Lebensfreude. Dass die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen, verstehe sich von selber. Die Jungen – „sie wollten doch keine Weicheier sein“ – seien zunächst weniger zu begeistern gewesen von der Senioren-AG, erinnert sich Sievers. Das änderte sich aber, und manchmal war es sogar so, dass auf die Jungen mehr Verlass war als auf die Mädchen. Sicher habe es auch Schüler gegeben, die sich überhaupt nicht auf Verpflichtungen einlassen wollten. Andere wiederum, die damals mitgemacht haben, setzten sich heute als Erwachsene immer noch für Senioren ein. „Wenn man aufeinander zugeht, dann ist die Kluft zwischen den Generationen plötzlich gar nicht so groß wie man glaubt. Und man erkennt: Die Alten sind gar nicht so schlecht – und die Jungen auch nicht“, bringt es Gruhl auf den Punkt.

Die „AG Seniorenbetreuung“ der Wilhelm-Raabe-Schule
  • Die „AG Seniorenbetreuung“ der Wilhelm-Raabe-Schule hat stets einen großen Zulauf. Foto: pr

Als er aus Alters- und Gesundheitsgründen nach 20 Jahren und Edeltraud Sievers fünf Jahre später aufgehört haben, da hätte es schon ein bisschen weh getan, gestehen die Ruheständler, die früher Hand in Hand gearbeitet und jetzt Haus an Haus im Seniorenzentrum am Breckehof wohnen: „Die Arbeit liegt jetzt in anderen guten Händen“, stellt Edeltraud Sievers fest. Und Klaus Dietrich Gruhl nickt zustimmend.

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