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Was die Fastenzeit für Katholiken, Lutheraner und Reformierte bedeutet

Sieben Wochen ohne

Seit Aschermittwoch ist es mit dem närrischen Treiben vorbei. Wie seltsam also, einige Tage später in Basel zu sein, zur berühmten „Basler Fasnacht“, die überhaupt erst beginnt, wenn woanders nur noch einzelne übrig gebliebene Konfettischnipsel herumliegen. Wollen die Basler die katholische Kirche brüskieren? Wieso sind sie, die Protestanten, überhaupt drei Tage lang total aus dem Häuschen, wenn das anschließende Fasten doch gar nicht zu den Geboten für einen evangelisch Gläubigen zählt? Und warum überhaupt fasten Katholiken, während Martin Luther das eher locker sah?

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Die Basler und die meisten Schweizer insgesamt sind ja keine Lutheraner, sondern Reformierte“, erklärt Heiko Buitkamp, Pastor an der evangelisch-reformierten Jakobikirche in Rinteln. „Es waren die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, deren ziemlich strenge Lehren dort großen Anklang fanden. Inzwischen sind die Reformierten die weltweit größte protestantische Kirche. Nur in Deutschland steht für die meisten Martin Luther im Vordergrund, und wir hier sind eine eher kleine Gemeinde.“

Wichtig in Bezug auf Karneval, Fasnacht und Fastenzeit ist diese Unterscheidung, weil Zwingli und Calvin das Fasten am liebsten ganz abgeschafft hätten, während Luther darin immerhin eine gute Methode sah, den „alten Adam zu zähmen“. Er hatte nichts gegen das Fasten an sich und die damit verbundene innere Einkehr in der Zeit vor dem Karfreitags-Kreuzigungstag und der Wiederauferstehung Christi an Ostern. Wogegen er sich wandte, war, das Fasten als ein Gebot Gottes aufzufassen und zu meinen, man könne sich damit lieb Kind bei ihm machen. Luthers Ansicht nach ist der Mensch in Sünde geboren und lebt auch sein Leben so sehr in Sünde verstrickt, dass keine noch so gute Tat ihn freisprechen kann, sondern einzig Gottes nachsichtige Liebe.

Die Schweizer Reformatoren dagegen sahen mit einem durchaus radikaleren Blick auf das Fasten, so wie die katholische Kirche es postulierte. Nicht so sehr eine besonders sinnliche Frömmigkeit trieb sie zu ihrem Protest an, als vielmehr das Bedürfnis, nur Gottes biblische Gebote allein zu befolgen und nicht Regeln, die erst nach und nach innerhalb der Kirchengeschichte entstanden. Dass die Basler Fasnacht eine Woche später beginnt und endet als die sonstigen Karnevalsfeiern, es liegt nicht an einer Lockerung der Einstellung, sondern daran, dass die reformierte Kirche die Fastenregeln zunächst viel strenger sah.

Die Basler Fasnacht – ganz anders als der deutsche Karneval. cok

Die katholische Kirche nämlich sah (und sieht) seit dem 4. Jahrhundert vor, dass die Gläubigen an den Sonntagen vor Ostern das Fasten brechen und so richtig genießen dürfen, Fleisch und Fett und Wein und Bier. Da das Fasten aber immer insgesamt 40 Tage dauern soll, genau so lange nämlich wie Jesus sich einst asketisch in die Wüste zurückzog, legte man den Beginn der Fastenzeit um die entsprechende Anzahl fastenfreier Tage vor. Die Reformatoren aber bestanden nach der Reformation zunächst darauf, wieder, wie früher, auch an den Sonntagen auf leibliche Genüsse zu verzichten, und so kam es, dass die lustige Fasnacht, mit der man sich auf die harte Zeit einstimmt, in der Schweiz auf den alten, späteren Termin zurückverlegt wurde. Schließlich aber strich man das Fastengebot gänzlich, und damit zugleich verbot man das ausschweifende Fasnachtstreiben, das ja nun keinen Sinn mehr hatte.

Die Basler aber widersetzten sich dem Verbot ihres großen Festes, und dieser Widerstand der eigentlich doch eher als brav geltenden Schweizer trug vielleicht dazu bei, dass die Basler Fasnacht so anders ist, als alles, was man in Deutschland an Karneval so erleben kann. In allertiefster Nacht machen sich die etwa 20 000 aktiven Fasnächtler auf, um sich, fantastisch kostümiert, in der mittelalterlichen Innenstadt zu sammeln, und ebenso treibt es die anderen Bürger morgens so gegen 3 Uhr aus den Betten, jede Menge kleine Kinder auch dabei.

Kurz vor vier, wenn es in den Gassen und Straßen so voll ist, wie sonst nur in Bussen und Bahnen, geht plötzlich überall das Licht aus und es wird unglaublich still. Punkt vier dann ruft es „Morgenstraich!“ Tausende Piccoloflöten stimmen einen Marsch an, tausend Trommeln schlagen den Rhythmus dazu, die Laternen auf den Köpfen der Kostümierten beginnen zu leuchten, die Züge setzen sich in Bewegung und mit ihnen die Zuschauer, Ströme, die aus allen Richtungen aufeinander zu und voneinander fort laufen, begleitet von einer immer verrückter werdenden Musik – das alles bis etwa 7 Uhr morgens.

Während sich die im Zug Marschierenden fast in eine Art Trance hineinspielen, bleiben die Zuschauer erstaunlich nüchtern. Betrunken zu sein, ist verpönt, Rumschreiben, Jubeln, Mitklatschen auch und erst recht, durch Masken oder Kostüme auffallen zu wollen. Zu essen gibt es eine eigenartige Mehlsuppe, die gut als Fastenspeise durchgehen könnte, bestenfalls am frühen Morgen eine recht leckere warme „Käsewähe“, bestehend aus einem mit geriebenen Hartkäse belegten, rund geformten Teig.

Wer etwas auf sich hält, der schläft an diesem Tag nicht lang, denn ab der Mittagszeit geht es weiter mit dem Umherziehen der maskierten Gruppen, und abends auch und auch die nächsten beiden Tage, bis zum Mittwochmorgen Punkt 4 Uhr.

Dieses Abenteuer, das die Basler dem Protestantismus abtrotzten, haben die Lutheraner in Deutschland nicht zu bieten. Wo es evangelisch zugeht, wird der Karneval, wenn er denn groß gefeiert wird, nur belächelt von Rheinländern und anderen, die in katholischer Tradition auf die Pauke hauen. Dabei hat die evangelische Landeskirche vor etwa 25 Jahren das Fasten doch neu entdeckt. Unter dem Motto „Sieben Wochen ohne“ ruft sie ihre Mitglieder dazu auf, lieb gewordene Gewohnheiten einzuschränken, auf Süßigkeiten, das Rauchen, den Alkohol oder Fleisch zu verzichten.

In den letzten Jahren dann weiteten sich diese Vorschläge zu wahren Lebensexperimenten aus, als solle ein Abenteuer nachgeholt werden, das die Katholiken bereits im Karneval erlebten. „Sieben Wochen ohne Geiz“, hieß es im Jahr 2008, und danach „ohne Zaudern“, „ohne Scheu“, ohne Ausreden oder „ohne falschen Ehrgeiz“. In diesem Jahr gar lautet das Motto: „Sieben Wochen ohne Vorsicht“, ein so eigenartiges Fasten-Thema, dass der Rundfunkpfarrer Wolf-Dieter Steinmann den Initiator der Fastenaktion, Chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer, in einem Interview tatsächlich fragte, ob damit die „närrische Zeit“ über den Aschermittwoch hinaus verlängert werden solle.

Arnd Brummers Antworten beweisen, dass diese Frage keineswegs abwegig war. Zum Abschluss des Radiogesprächs über den Sinn der Fastenzeit sagt er: „Ich wünsch’ mir, dass die Leute miteinander kommunizieren, über soziale und andere Grenzen hinweg, auch mal eine Umarmung austauschen. Wenn sich Leute begegnen, die sich sonst nicht begegnen und feststellen: ,Hey, spannend!‘, das fände ich klasse, wenn das möglichst vielen passiert.“ Besser hätte man kaum umschreiben können, was in Karneval und Fasnacht geschieht.

In Bezug auf die Fastenzeit scheint es allerdings das Gegenteil von dem zu sein, was traditionell mit dem vorösterlichen Fasten erreicht werden soll: Eher Rückzug, Selbstbesinnung und Verbeugung vor dem Passionsweg, den Jesus Christus einst auf sich nahm.

Der evangelisch-reformierte Pastor Heiko Buitkamp lächelt da. „Ich mache kein großes Aufheben rund ums Fasten“, sagt er. „Ich persönlich werde in den sieben Wochen auf alkoholische Getränke verzichten und auf die vielen süßen Sachen. Und ich denke darüber nach, ob ich nicht im nächsten Jahr endlich mal nach Basel fahren soll, zur Fasnacht.“

Karneval, das bedeutet, sich noch einmal so richtig austoben zu können, bevor die vorösterliche Fastenzeit beginnt und mit ihr – zumindest für gläubige Katholiken – der Verzicht auf allerlei sinnliche Genüsse rund ums Essen, Trinken und Feiern. Und das, das hat mit Diät machen und Pfunde verlieren nichts zu tun.




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