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Besucher begeistert, Veranstalter enttäuscht: Doktorsee-Zelt nicht annähernd voll

Sieben Stunden Schlagerfestival - und das Festzelt wird zur Schwitzhütte

Rinteln. Nein, die erhofften und prophezeiten 3000 Besucher waren es wirklich nicht, die sich da am Sonntag bei Saunatemperaturen im großen Festzelt zum Schlagerfestival am Doktorsee einfanden, und auch die Hälfte dieser Zahl dürfte trotz des großen Staraufgebots nicht erreicht worden sein.

Klatschen, Jubeln, Mitsingen: Die Schlagerfans lassen sich von d

Autor:

Ulrich Reineking

Die aber, die sich zur rund siebenstündigen Show einfanden, erwiesen sich immerhin als ausgesprochen begeisterungsfähiges Publikum und sorgten mit Klatschen und Mitsingen dafür, dass die Akteure auf der Bühne sich auf wahren Stimmungswogen getragen fühlen konnten. Der moderierende Bauchredner Addy Axon und seine freche Begleitpuppe Egon kitzelten den Applaus und die Lacher für die Anhänger differenzierteren Humors vielleicht etwas zu stereotyp heraus, hatten aber offenbar auch ihre Fans: "Der Herr da rechts im gestreiften Hemd, der lacht immer so dreckig, obwohl er so sauber aussieht!" Live im Programm gab es dann zum Beispiel die Lara aus Tirol: Ein süßes Mädel, das in orangefarbener Tüllkostümierung mit noch süßerer Stimme Lebensweisheiten wie "Du hast sein Bett geteilt/ich hab sein Herz geheilt" intonierte und damit mehr als einen Hauch von ZDF-Fernsehgarten verströmte. Schon stolperte auch mallorcagebräunt Bernd Clüver auf die Bühne, die Spuren des Vorabends hinter einer wenig dezenten Sonnenbrille verdeckend. Wie wohl schon etliche tausend Mal zuvor in seinem bewegten Leben besang er den Jungen mit der Mundharmonika ebenso verklärt wie den kleinen Prinzen: "Ach ja, das bringt uns zurück indie Zeit vor mehr als 30 Jahren!", wobei sich mancher wohl auch schmerzlich erinnerte, dass es eher schon mehr als 40 Jahre waren. Der Troubadour gab sich immerhin leutselig, nachdem er die gläserne Barke seiner Träume sicher ans Ufer gebracht hatte und den Engel im Raum stehen ließ: Autogrammwünsche wurden trotz des durchgeschwitzten Hemdes noch mit viel Enthusiasmus erfüllt - ein gutes Beispiel, dem sich auch Tommy Steiner nicht entziehen mochte, der mit den "Fischern von San Juan" immer noch Fanchöre mobilisieren kann. Zu einem unerwarteten Höhepunkt wurde der Auftritt von Harpo. Der Kultsänger der siebziger Jahre, der eigens von seinem Bauernhof in Südschweden angereist kam, erwies sich als verblüffend rockiger Hardcore-Sänger. Tanzte über die Bühne wie ein Teletubby auf Ecstasy, brachte den Rintelnern jenseits der üblichen "Ich will Eure Hände sehen!"-Rhetorik nach der "Sum-sum-Summernight" die choreographischen Feinheiten des "Hono-Lulu" näher und räumte mit dem "Moviestar" so richtig ab. Mit intensiver Stimmakrobatik und italienischem Belcanto schmeichelte sich Nino de Angelo in die Herzen und erwies sich vor allem im kokettierenden Clinch mit dem weiblichen Publikum als Latin Lover von Format - und als er dann auch noch nach einem schmetternden "Cosi piccola" mit Fingerzeig zum Himmel ("Von wo jetzt Drafi auf uns schaut!") bei "Jenseits von Eden" an den Komponisten dieser Schlagerballade erinnerte, griff so mancher nicht nur wegen der schweißtreibenden Temperaturen zum Taschentuch. Die nach mehreren Auftritten in der Weserstadt fast schon zur Rintelnerin gewordene Gaby Baginsky machte ihr ganz und gar eigenes Format in einer halbstündigen "Show in der Show" deutlich, vom neuen Titel "Der Duft des Sommers" bis hin zum unverwüstlichen "Eviva España" und "Bella Italia", überzeugte aber auch mit ihrem Caterina-Valente-Medley. Könige und Kaiser brauchen ihren ganz besonderen Auftritt - und so war denn auch eine Umbaupause erforderlich für den letzten Trumpf des Abends, den der mit eigener Band plus Chor-Ladies auftretende Roland Kaiser ausspielte. Der Troubadour des facettenreichen Beziehungslebens, dessen Lieder sich immerhin dadurch auszeichnen, dass man ihre Texte auch ohne musikalische Ausgestaltung lesen kann, ohne sich im falschen Film zu fühlen, er lief zur Hochform auf. Ließ sich auch nicht durch einige dämliche Zwischenrufe irritieren, die schon zu Beginn seines Sets lautstark "Santa Maria" einforderten, und schaffte es, seine Balladen trotz fortgeschrittener Bierzelt-Atmosphäre als irgendwie intime Geschichten von einigem Gehalt rüberzubringen. Heftiger Beifall dankte für diese Darbietung, bei der neben neuen Songs wie "Extreme" auch die gut abgelagerten Klassiker wie "Lieb mich ein letztes Mal" und "Es geht schon wieder los" nicht zu kurz kamen. Überwiegend begeisterte Kommentare der Besucher beim Verlassen des Zelts verrieten, dass sie mit dem ersten Rintelner Schlagerfestival mehr als zufrieden waren - die Veranstalter werden es vermutlich angesichts der Gästezahlen nicht gewesen sein... Bildergalerie im Internet: Mehr Fotos gibt es im Netz unter "www.schaumburger-zeitung.de/bildergalerie".

Große Gesten: Nino de Angelo schmeichelt sich als "Latin Lover"
  • Große Gesten: Nino de Angelo schmeichelt sich als "Latin Lover" in die Herzen der Schlagerfans...
...und Tommy Steiner mobilisiert mit den "Fischern von San Juan"
  • ...und Tommy Steiner mobilisiert mit den "Fischern von San Juan" noch immer Fanchöre.
Der letzte Trumpf des Abends: Roland Kaiser kommt mit eigener Ba
  • Der letzte Trumpf des Abends: Roland Kaiser kommt mit eigener Band und bringt seine Balladen auch bei fortgeschrittener Bierzelt-Atmosphäre als irgendwie intime Geschichten von einigem Gehalt rüber. Fotos: tol
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