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Nicht nur die emsigen Bestäuber leiden unter eingeschleppten Krankheiten, Pestiziden und Monokulturen

Sie sterben wie die Bienen

Bienen sind unersetzlich für den Menschen. Ernten im Wert von 150 Milliarden Euro wären ohne die Bienen verloren. Doch sie sterben in ungewöhnlich hoher Zahl, in manchen Gegenden sind sie quasi ausgerottet. Der erschreckende Zustand der Bienen ist auch ein Indikator für ein allgemeines Insektensterben.

Autor:

von Jakob Gokl

Die Deutschen lieben ihre Autos. Die Deutschen lieben aber auch die Natur. Wer vor 40 Jahren mit seinem Auto durch die Natur fuhr, musste danach seine Windschutzscheibe von toten Insekten säubern. Damit hat man heute kaum noch zu kämpfen. Doch eine gute Nachricht ist das nicht. Denn die Insekten sind wichtig für unser Ökosystem, erklärt der Biologe und Insektenspezialist Rolf Witt. Besonders die Honigbiene ist für den Menschen von enormer Bedeutung, sie bestäubt einen großen Teil unserer Nutzpflanzen. Doch weltweit sterben die Bienen in ungewöhnlich hoher Zahl. In einigen Landstrichen Chinas sind sie quasi ausgerottet.

Auch in Westdeutschland ging der Bestand der Bienenvölker in den letzten 40 Jahren um die Hälfte, im Osten sogar um drei Viertel zurück. „Das Ganze ist ein Indikator für ein Insektensterben, dessen Auswirkung uns noch nicht bewusst ist“, verdeutlicht Nick Büscher, stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbunds Niedersachsen, die Tragödie.

Durch die Aufklärungsarbeit der Imker gelangte das Bienensterben in den letzten Jahren in das öffentliche Bewusstsein. Sie schlugen Alarm, als immer mehr ihrer wertvollen Völker zugrunde gingen. Doch wer schlägt Alarm, wenn Millionen und Abermillionen von Waldameisen verenden? Welche Lobby hat der Regenwurm? Zusammen mit den Bienen zählen Ameise und Regenwurm laut Büscher für uns zu den wichtigsten Lebewesen. Unsere Wälder, Wiesen, Äcker und Gärten profitieren von ihrer leisen Arbeit im Boden, doch werden sie dabei kaum wahrgenommen.

Politik und Wirtschaft nehmen Probleme vor allem dann wahr, wenn der Schaden sich finanziell beziffern lässt. Solange lediglich die wirtschaftlich vergleichsweise unbedeutende Honigproduktion von dem Bienensterben betroffen war, blieb eine umfassende Reaktion aus, erklärt die Imkermeisterin Anna-Lisa Giehl aus Reinsdorf.

Erst als 2007 die Situation der Bienen in den USA so katastrophal wurde, dass die einflussreiche Lobby der Obst- und Mandelindustrie über drohende Ernteverluste klagte, begann die Politik sich zu bewegen. Deutsche und französische Wissenschaftler errechneten den volkswirtschaftlichen Wert der Bienen. Sie prognostizierten einen weltweiten Ernteverlust in der Höhe von 150 Milliarden Euro, sollten die emsigen Helfer auch nur ein Jahr ausfallen.

Pestizide und

Varroamilben stehen im Verdacht

Jetzt stand das Thema auch auf der Agenda der europäischen Regierungen. Vor einigen Monaten wurden drei Pestizide, die im Verdacht standen für das Bienensterben verantwortlich zu sein, von der EU verboten. In Deutschland ist die Situation im Vergleich zu den USA noch relativ gut, erklärt Giehl. Während in den USA jeden Winter bis zu 30 Prozent der Bienenvölker verenden, sind es in Deutschland „nur“ 15 Prozent. In der Schweiz verendeten hingegen im Winter 2012 die Hälfte aller Bienen, etwa 100 000 Völker.

In Deutschland ist der Hauptgrund für das Bienensterben, laut Giehl, wohl die Varroamilbe, die sich vom Blut der Bienen ernährt. Diese Milbe wurde aus Asien eingeschleppt, die heimischen Bienen, die ohnehin durch den massiven Pestizideinsatz in der Landwirtschaft angeschlagen sind, haben ihr wenig entgegenzusetzen.

Auch die industriellen Monokulturen, welche heute unsere Landwirtschaft dominieren, schwächen die Bienenvölker, wobei hier die Honigbiene gegenüber den meisten anderen Wildbienen einen Vorteil hat. „Sie ist ein Generalist“, erklärt Giehl. „Die meisten Wildbienen sind Spezialisten.“ Es verwundert daher nicht, dass in den letzten 50 Jahren viele dieser Wildbienen auf die Rote Liste bedrohter Arten gesetzt wurden. Rolf Witt kann allerdings beruhigen: „Wir werden die Insekten nicht ausrotten.“ Es würden sich immer Arten finden, die noch robuster sind. Allerdings entstehe ein biologisches Ungleichgewicht, was durchaus negative Auswirkungen auf den Menschen hat. So könnten sich zum Beispiel Mückenplagen leichter ausbreiten, wenn es kaum Wespen gibt, die sie fressen. Auch zur Gewinnung von neuen Antibiotika seien Insekten von Bedeutung, erklärt der Experte. Wenn die Artenvielfalt zurückgeht, müssen sie in noch mehr Bereichen künstlich ersetzt werden.

„Früher lebten Bauern und Bienen in einer Symbiose“, erzählt die Imkerin. Auf den meisten Höfen gab es auch ein oder zwei Bienenvölker, man wusste über den Wert der emsigen Tiere Bescheid. Heute rentiert sich das für die meisten Bauern nicht mehr. Aus der Bienenzucht wurde in vielen Ländern eine Industrie.

In Amerika fahren in den Frühlingsmonaten große Sattelschlepper mit zahlreichen Bienenvölkern durch das ganze Land. Sie werden an industrielle Großbauern vermietet, um auf den Feldern Blüten zu bestäuben, denn in den Monokulturen existiert für die Insekten keine langfristige Lebensgrundlage mehr. „Auch eine grüne Wiese ist manchmal einfach nur tot“, erklärt Witt. Zwar sehe es nett aus, wenn riesige Rapsfelder gelb blühen. Ein Zeichen für eine lebendige Umwelt sei das allerdings trotzdem nicht. Mit Pestiziden wird versucht, die Natur aus den Feldern zu vertreiben. Der Kampf ist mancherorts beinahe gewonnen.

Welche Folgen dieser Sieg für uns haben könnte, kann bisher nur gemutmaßt werden. Ein Blick in die Geschichte könnte Klarheit verschaffen. Vor mehr als 50 Jahren verschrieb sich schon einmal ein Land dem Kampf gegen die Natur. Im Jahr 1958 verordnete Mao Zedong seinem sozialistischen China die „Ausrottung der vier Plagen“. Diese waren für ihn Fliegen, Mücken, Ratten und Vögel. Vor allem Sperlinge waren das Ziel dieser Massenkampagne. Sie pickten Körner, fraßen Saatgut und schädigten so die Ernte. Die Maßnahme wird daher in China auch als „Große Spatzenkampagne“ bezeichnet.

Mao ließ

zwei Milliarden Spatzen ermorden

Mao war überzeugt, dass der Mensch die Natur besiegen könnte, wenn nur genügend Menschen zusammenarbeiten würden. Am 13. Dezember 1958 schickte er seine 600 Millionen Untertanen in den Krieg gegen die Natur.

Schulkinder kletterten auf Leitern und warfen die Spatzennester aus den Bäumen. Tag und Nacht hämmerten Millionen Chinesen mit Stöcken gegen Mauern und Dächer, schlugen Töpfe und Deckel zusammen und wedelten mit Fahnen. Der entstandene Lärm versetzte die Vögel derart in Panik, dass sie es nicht mehr wagten, sich niederzulassen. Sie blieben in der Luft, bis sie erschöpft zu Boden fielen. Jetzt war es für die Chinesen ein leichtes, sie mit Knüppeln zu erschlagen. Fast zwei Milliarden tote Spatzen, das war die „erfolgreiche“ Bilanz des Krieges gegen die Natur.

Doch nach wenigen Wochen breitete sich eine Plage weißer, klebriger Raupen aus. Würmer, Maden, Heuschrecken und andere Insekten verbreiteten sich ohne ihren natürlichen Fraßfeind zügellos.

Zwar erkannte Mao seinen Fehler, doch der Schaden war angerichtet. Um die unzähligen Insekten zu vernichten, ließ Mao Pestizide auf den Feldern versprühen, welche ihre erwünschte Wirkung nicht verfehlten. Auch der neue Gegner im Krieg gegen die Natur wurde besiegt. Doch vernichtete Mao dabei eine komplette Ernte und löste eine der größten Hungersnöte der Menschheit aus. 30 Millionen Chinesen kamen 1959 ums Leben. Und mit allen anderen Insekten war es auch um die Bienen geschehen. Zwar konnten sich die Bestände in Teilen Chinas erholen, im Norden sind sie heute allerdings quasi ausgerottet.

Aber Not macht erfinderisch, und der Mensch findet immer einen Weg. So klettern heute jedes Frühjahr im warmen Süden Chinas Hunderttausende emsiger Chinesen auf Bäume, zwicken die Staubblätter aus den Blüten, ernten die Pollen und füllen diesen Staub dann sorgfältig in winzige Papiertüten ab.

Diese werden daraufhin in den kühleren Norden gebracht, wo die Bäume etwas später blühen. Nun steigen abermals Hunderttausende emsige Chinesen auf die Bäume, mit einer dieser winzigen Papiertüten in der Tasche. Mit einem kleinen Pinselchen machen sie sich daran, jede Blüte einzeln zu bestäuben.

So kann eine Welt ohne Bienen aussehen. Doch im Westen bereiten wir uns anders vor, erklärt Anna Lisa Giehl. „Die Saatgutindustrie versucht das Bienensterben aufzufangen, indem sie Saatgut züchtet, das auf Bienen nicht mehr angewiesen ist.“ Bei Raps sei das heute schon möglich, erzählt sie und betont: „Das kann doch nicht die Lösung sein.“ Auch Rolf Witt erklärt: „Man macht sich damit ökonomisch abhängig.“ Wenn nicht mehr auf natürliche Mittel zum Feldanbau zurückgegriffen werden könne, müssten Landwirte immer mehr von großen Konzernen zukaufen.

Doch eine gute Nachricht kann Giehl verkünden: Nachdem das Hobby der Imkerei in den letzten Jahren außer Mode geraten war, finden sich heute wieder mehr junge Menschen, die das alte Hobby wiederentdecken. Doch befinden sich deren Bienenvölker nicht mehr auf dem Land, neben den Feldern, erklärt Giehl: „Sie züchten in der Stadt, dort ist es für Bienen mittlerweile lebenswerter.“




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