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Mittlerweile wird ein Drittel der evangelischen Kirchengemeinden von Frauen geleitet – Tendenz steigend

Sie sorgen noch immer für Unbehagen

Theologin Kerstin Bonk (48) wusste, dass sie niemals eine Pastorenstelle bekommen würde. Ihr Mann Andreas Olbrich hat um 1990 in der Rintelner Jakobi-Kirche sein Vikariat absolviert. „Sie sind ja schon durch Ihren Ehemann versorgt“, hieß die kühle Maxime, die durchaus im Widerspruch stand zum Pfarrgesetz von 1978, das eigentlich die völlige Gleichstellung von Männern und Frauen einforderte. Kerstin Bonk ist trotzdem Pastorin geworden – in der Schweiz, wo sie sich zusammen mit ihrem Mann eine Stelle teilt.

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Dass man als Frau auswandern muss, um Pastorin werden zu können, diese Zeiten sind allerdings vorbei. Etwa ein Drittel aller evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland wird von Frauen geleitet; und in Zukunft werden es noch mehr sein, besteht doch der theologische Nachwuchs nun überwiegend aus Frauen. Nur noch jedes dritte Vikariat – das ist die praktische Ausbildungszeit für Pastoren, vergleichbar mit dem Referendariat der Lehrer – wird zukünftig wohl von einem Mann übernommen. In der Schweiz ist das nicht viel anders, und dort nun sorgte der Präsident des evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, für einen Skandal.

In einem Interview sprach er besorgt von der „Feminisierung“ in den Kirchen. Er habe nichts gegen Pfarrerinnen, sagte er, aber es bereite ihm Unbehagen, wenn nur noch Frauen predigen. Dadurch nämlich ändere sich alles, die Themen, die Bilder, die Formulierungen. „Und die Männer kommen dann irgendwann nicht mehr“, meinte er und fügte hinzu, er sähe insgesamt einen „Auszug der Eliten“ aus der reformierten Kirche. 150 Schweizer Pastorinnen, darunter auch Kerstin Bonk, kritisierten diese Aussagen in einem offenen Brief. Zugleich entstanden überall Diskussionen darüber, was sich denn tatsächlich verändert, wenn weibliche Pastorinnen dominieren. Wandelt sich dadurch die Bedeutung des Berufes, das Leben in den Gemeinden und schließlich auch die Vorstellung von Gott?

„Naja, aus Jesus Christus wird wohl kaum eine ‚Jesa Christa‘ werden“, sagt da die Hamelner Pastorin Sophia Sander von der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Hameln-Bad Pyrmont. „Aber doch, natürlich verändert sich etwas durch die verstärkte Frauenpräsenz. Es klingt vielleicht nach einem Klischee, aber ich meine, dass die Frauen tatsächlich verstärkt auch von Gefühlen sprechen, von eigenen Lebenserfahrungen und insgesamt einen guten Blick dafür haben, alle Mitglieder der Gemeinde in einen Austausch einzubeziehen. Männer machen das ebenfalls, keine Frage. Aber ich meine, wir Frauen waren in diesen Dingen die Vorreiter.“

Kerstin Bonk ist in die Schweiz gegangen, um Pastorin zu werden.

Wenn dem so wäre, dass Pastoren einen veränderten Umgangston von den weiblichen Kollegen übernahmen; wenn die Pastorinnen außerdem dafür sorgen, dass die Frauenpersönlichkeiten der Bibel verstärkt ins Bewusstsein kommen und etwa solche Bibelstellen, in denen Gott als „mütterlich“ charakterisiert wird; wenn also Gott nicht mehr vor allem ein Fordernder ist, sondern ein Liebender, und „Zuspruch“ eine größere Rolle spielt als der „Anspruch“, und wenn dazu sich auch der Führungsstil in den Gemeinden weg vom eher Autoritären hin zum eher Kommunikativen wandelte – wo läge das Problem?

„Es gibt da durchaus eine Angst, die man mit den diffusen Ängsten der Pegida-Bewegung vergleichen könnte“, meint dazu Hella Mahler, die Gleichstellungsbeauftragte in der Landeskirche Hannover. „Ein lange vertrautes Konstrukt bricht immer mehr auseinander: die traditionellen Rollen, die Männer und Frauen in der Gesellschaft einnehmen.“ Das sei nicht nur in der Kirche der Fall, sondern die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Auch unter den Ärzten und Juristen träten Frauen allmählich in den Vordergrund, vom Lehrerberuf ganz zu schweigen. Schon manches Mal wurde sie gefragt: „Ist das jetzt eine ‚Frauenkirche‘?“. Und sie fragt dann zurück: „Wäre das denn so schlimm?“

Kerstin Bonk unterschrieb in der Stellungnahme gegen die Äußerungen vom Schweizer Kirchenbund-Präsidenten, dass der Begriff der „Feminisierung“ mit Vorsicht zu gebrauchen sei, da er aufgrund einer negativen Bedeutung zu einer Herabsetzung des Wirkens von Frauen in der Kirche führe. Mit einem Anteil von etwa 35 Prozent seien Frauen im Pfarramt immer noch in der Minderheit, heißt es, und weiter: „Männer gegen Frauen auszuspielen, wie dies durch den Begriff der ‚Feminisierung‘ geschieht, erachten wir als unangebracht und wenig hilfreich für ein bereicherndes Miteinander von Frauen und Männern in unseren Kirchen.“

Im Gespräch betont Kerstin Bonk, und sie ist damit derselben Ansicht wie Sophia Sander und Hella Mahler: „Es ist abwegig, den Eindruck erwecken zu wollen, Frauen hätten in der Kirche die Übermacht. Davon kann vor allem in der Spitze nicht die Rede sein. Wenn Gottfried Locher davon spricht, Pastorinnen seien dafür verantwortlich, dass sich immer weniger Männer am Gemeindeleben beteiligen, dann überspielt er, dass diese Tendenz schon sehr lange besteht. Wir brauchen eher noch mehr Maßnahmen, damit Frauen verstärkt auch Leitungsfunktionen übernehmen. Wirklich wichtig ist eine Vielfalt in der Kirche. Wichtig ist, dass Pastoren und Pastorinnen jeweils authentische Persönlichkeiten sein können, ganz egal, ob sie nun Mann sind oder Frau.“

Die Generation der heute etwa 50-jährigen Pastorinnen hatte es da nicht leicht. Die Hamelnerin Sophia Sander stammt ursprünglich aus Ostfriesland, sie hatte damals immerhin zwei Kolleginnen neben zehn Kollegen. Kerstin Bonk fand zu Begin ihrer Pastorinnen-Laufbahn gar kein weibliches Vorbild in ihrer Umgebung. „Zudem waren die ersten Pastorinnen zwangsläufig Kämpfernaturen, die sich in einer Männerwelt durchsetzten, indem sie gerade nicht ‚typisch weiblich‘ auftraten, sondern eher männliche Vorbilder kopierten.“

Gleichstellungsbeauftragte Hella Mahler, selbst ebenfalls Pastorin, erinnert sich gut, mit welch scheinbar banalen Problemen Pastorinnen konfrontiert waren (und es oft noch sind): „Die Liturgie, die während des Gottesdienstes zu singen ist, hat Tonlagen, welche Frauenstimmen vor große Herausforderungen stellen. Entweder man versucht, ganz tief zu singen, wie die Männer, was fast immer schief geht, oder man versucht es eine Oktave höher, was eigentlich nur gut geht, wenn man über einen ausgeprägten Sopran verfügt. Eine piepsige oder gebrochene Stimme zu haben, während man vor einer Gemeinde steht, die die ungewohnte Frau am Altar eh kritisch betrachtet – das ist hart.“ Mit Glück findet man Organisten, die bereit sind, die Tonlagen anzupassen.

Über die Klage des Schweizers Gottfried Locher kann sie nur lachen. „Für die evangelischen Kirchen besteht der Anspruch, zur stetigen Veränderung bereit zu sein“, sagt sie. „Ja, es ist nicht immer einfach, sich von traditionellen Prägungen loszulösen. Aber wo das geschieht, entsteht neues Leben und eine Kreativität, die viel mehr Menschen zur Zusammenarbeit bringt. Nehmen wir das besagte Problem mit dem Singen der Liturgie: Man kann Gottesdienste einfach ganz anders feiern, nicht so, dass ein Mann mit starker Stimme den Gottesdienst anführt, sondern im Team, indem Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder jeweils Aufgaben übernehmen.“

Dass sich die Rolle, die Pastor und Pastorin in ihren Gemeinden spielen, ändere, es spiegele die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte wider, so sehen es alle drei Theologinnen. Es bestehe nicht mehr dieser enorme Anspruch an das Amt, weder, was die ständige Verfügbarkeit betrifft – auch in Pastorenfamilien sind meistens beide Elternteile berufstätig – noch in Bezug auf die Autorität, die früher mit dem Pastorenamt verbunden war.

„Und eines darf man sowieso nicht unterschlagen: Frauen haben schon immer die Kirche geprägt, in der Diakonie, in den Gesprächsgruppen, im familiären Weitertragen des Glaubens“, sagt Hella Mahler. So gesehen sei die evangelische Kirche von jeher eine „Frauenkirche“ gewesen. „Ohne Zögern übertrug man den Frauen die Aufgabe, die Kirche lebendig zu halten. Und nun, im Amt, soll das schlecht sein?“

Gottfried Locher hat übrigens bereits reagiert auf die scharfe Kritik rund um seinen „Feminisierungs“-Ausspruch, eine Kritik, die nicht nur von den Frauen in der Kirche kam. Natürlich hat er fast alles, was er sagte, schnell zurückgenommen.

Gerade mal fünfzig Jahre ist es her, dass Frauen in der evangelischen Kirche Pastorinnen werden dürfen. Bis 1969 mussten sie das Amt sofort wieder aufgeben, wenn sie schwanger wurden – oder sie sind im Ausland ihrem Beruf nachgegangen. Zeiten ändern sich: Heute wird etwa ein Drittel der evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland von Frauen geleitet.




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