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Unter Demenzerkrankungen leiden Betroffene und Angehörige / Hilfsangebote in Bückeburg / Vortrag informiert

"Sie müssen dem Kranken den Alltag vereinfachen!"

Bückeburg (mig). Bis zur Pflegereform vom 1. Juli gehörten sie lange Zeit zu den wirklich Vergessenen - die rund 1,2 Millionen Demenzkranken über 65 Jahre in Deutschland. In Bückeburg kümmert sich das Café Oase des Diakonie-Pflegedienstes schon seit über einem Jahr um Kranke und Angehör ige.

Alte Ohrensessel, eine Häkeldecke und Ölbilder: Das Café Oase ist eine Zeitmaschine in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. In der Küche werden längst vergessene Haushaltsgegenstände verwendet, die Kaffeetassen sind mit schnörkeligen Blumen bemalt. Während einige der Betroffenen beim Tischdecken helfen, blättert eine ältere Dame in einem Buch mit Heimatgeschichten. Als sie ein Bild der Stadtkirche sieht, steigen ihr langsam Tränen in die Augen. "Die vertraute Atmosphäre lindert Angst und Unruhe der Kranken und reaktiviert alte Verhaltensmuster", erklärt Pflegedienstleiterin Elisabeth Stummeier das Konzept von Café Oase. In einem "Snozzle-Raum" können die Gäste entspannen, außerdem stehen ein Gymnastikraum, ein Aufenthaltsraum, sowie eine Küche zur Verfügung. Neben den Betreuungsnachmittagen und Gesprächskreisen für Angehörige veranstaltet der Diakonie-Pflegedienst auch Ausflüge indie Hofreitschule, Tanztees oder Gedächtnistraining. Elisabeth Stummeier: "Ein wichtiges Anliegen ist es, die Angehörigen der Kranken zu entlasten." Dass gerade Angehörige besonders stark unter dem schleichenden Gedächtnisverfall leiden, ist bekannt. Betroffene müssen rund um die Uhr betreut werden, die zunehmende "Schusseligkeit" und Unruhe sorgen für Konfliktstoff. "Sie müssen dem Kranken den Alltag vereinfachen", rät Dr. Ellen Leiser im Rahmen eines Vortrags im Herminenhof. "Wenn ich beispielsweise darauf bestehe, dass der Kranke wie ein erwachsener Mensch mit einer Gabel isst, bekomme ich Schwierigkeiten." Ein Grund für den schleichenden Verlust erworbener Fähigkeiten ist der Abbau der Großhirnrinde (zuständig für Intelligenz und bewusstes Erleben). Der Kranke kann zunehmend weniger Informationen verarbeiten, verliert immer mehr die Kontrolle über die Situation. "Wichtig ist es deshalb, die Kommunikation zu vereinfachen. Sie sollten langsam sprechen und viele Pausen machen; dass Gehirn eines Dementen muss sich wahnsinnig anstrengen, um ihnen zu folgen", erklärt Leiser den zahlreichen Gästen. "Außerdem sollten sie auf eine positive Körpersprache achten. Sie sollten nicht die Augen rollen, sich wegdrehen oder grinsen, sondern auf Patienten zugehen, lächeln, nicken, sich zu ihm herunterbücken. Je weniger ein Kranker verbal versteht, desto mehr achtet er auf die Körpersprache. Wer auf den Patienten zustürzt und quasselt, muss sich nicht wundern, wenn er eine Ohrfeige kriegt. Stress überträgt sich auf den Kranken." Zwei von drei Demenzkranken werden zu Hause gepflegt, häufig kommt es dadurch zu Streitigkeiten zwischen Pflegeperson und Krankem. Auslöser ist oft ein unbestimmtes Angstgefühl; weitschweifige Erklärungen helfen dem Dementen nicht. Leiser: "Wenn ein Vorhang vom Wind bewegt wird, kriegt das ein Kranker nicht mehr zusammen. Wenn er sagt, da ist ein Krokodil unter meinem Bett, hat er Angst." Störende Reize sollten deshalb nach Möglichkeit ausgeschaltet werden, Körperkontakt kann das Angstgefühl lindern. "Sie sollten den Kranken in den Arm nehmen und ihm das Gefühl geben, das jemand da ist, der ihn hält." Weniger ernst nehmen sollte man dagegen die Beschimpfungen des Dementen. "Eine Beschimpfung ist nur die Reaktion auf eineÜberforderung. Wir müssen lernen zu übersetzen. Meine Mutter meint mit ,Hau ab, du blöde Kuh' ,Ich binüberfordert'. Sie müssen dem Kranken einen Freiraum lassen." Einen größeren Freiraum bietet auch die Pflegereform, die am 1. Juli in Kraft getreten ist. Erstmals ist die Einstufung nicht mehr Voraussetzung für einen Zuschuss, die finanzielle Unterstützung wird ausgeweitet auf bis zu 2400 Euro im Jahr. Die Angehörigen bekommen auch dann Geld, wenn sich der Demenzkranke zwar noch selbst anziehen kann, aber schon so vergesslich ist, dass er nicht mehr alleine leben kann. "Es ist gut, dass Demenzkranke mit der Reform besser gestellt werden", sagt Peter Liese, Mitglied des Bückeburger Seniorenbeirats. Der Bedarf für eine fachgerechte Betreuung werde immer größer, je älter die Leute würden, betont Liese. Und: "Demenzkranke dürfen nicht einfach abgeschoben werden." Der Diakonie-Pflegedienst an der Petzer Straße 47 ist telefonisch unter (0 57 22) 95 59-0 zu erreichen. Dort gibt es Informationenüber das Betreuungsangebot Café Oase. Im Internet: www.diakonie-bbg.de




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