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Frank und Sylke Liebing kamen kurz vor dem Mauerfall aus Quedlinburg über Ungarn ins Weserbergland

Sie kamen über Ungarn ins Weserbergland: Flucht ins Glück

Groß Berkel/Hameln. Keine Frage: Familie Liebing hat ihr Glück gefunden. Ein prächtiges Haus am Hang in Groß Berkel mit einem tipptopp-gepflegten Garten, eine Tochter, ein großer Kreis guter Freunde, eine ausgezeichnete wirtschaftliche Perspektive, kurz: die Liebings sind eine rundum glückliche Musterfamilie. Kaum vorstellbar, dass Frank und seine Sylke vor 25 Jahren mit wenig Gepäck aus der DDR und ihrer Heimatstadt Quedlinburg flohen und damit in eine ungewisse Zukunft aufbrachen. Dass die innerdeutsche Grenze und die ganze DDR bald Geschichte sein würden, hatten auch sie nicht erwartet.

Autor:

V0n Ernst August Wolf

Keine Frage: Familie Liebing hat ihr Glück gefunden. Ein prächtiges Haus am Hang in Groß Berkel mit einem tipptopp-gepflegten Garten, eine 16-jährige Tochter, die nach einem einjährigen USA-Aufenthalt klare Vorstellungen von ihrer Zukunft hat, ein großer Kreis guter Freunde, eine ausgezeichnete wirtschaftliche Perspektive, kurz: die Liebings sind eine rundum glückliche Musterfamilie. Kaum vorstellbar, dass Frank und seine Sylke vor 25 Jahren mit wenig Gepäck aus der DDR und ihrer Heimatstadt Quedlinburg flohen und damit in eine ungewisse Zukunft aufbrachen. Dass die innerdeutsche Grenze und die ganze DDR bald Geschichte sein würden, hatten auch sie nicht erwartet.

Auf abenteuerlichen Wegen über Ungarn und Österreich kamen sie als Flüchtlinge nach Hameln. „Wir hatten einen Bulgarien-Urlaub vorgetäuscht“, erzählt der 50-jährige gelernte Maschinenbauer. Viele andere hatten sich schon auf den Weg nach Prag gemacht, Frank aber musste noch die letzten Tage seines anderthalbjährigen Dienstes bei der Nationalen Volksarmee ableisten. „Zwei Tage nach der Entlassung haben wir das Bulgarien-Visum bekommen, sind aber in Ungarn gleich Richtung österreichischer Grenze abgebogen“, schildert er. Fast wäre der Grenzübertritt nach Ungarn an einem Zahlendreher im Visum gescheitert. „Da mussten wir einige Stunden zurück nach Pirna, haben ziemlich gezittert, dann aber waren wir in Ungarn. Die Grenzer dort haben uns nach Österreich einfach durchgewinkt.“

Es sei erst einmal ein Abschied für immer gewesen, sagt Sylke Liebing. „Viele hatten die Angst, dass die Grenzen ganz geschlossen werden. Grenze zu – und dann geht gar nichts mehr“, so die 47-Jährige. Es war ein schwerwiegender Entschluss, Eltern, Wohnung, Freunde und alles zurückzulassen. „Nur ganz wenige haben es gewusst – und die haben uns zugeraten“, berichtet Frank. Er hatte für die vermeintliche Urlaubsreise extra einen alters-

Frank und Sylke Liebing mit ihrer Tochter Louise auf der Terrasse ihres Hauses in Groß Berkel. Foto: eaw

schwachen Skoda gekauft. Was heute kaum mehr als zwei Stunden dauert, die Autofahrt von Quedlinburg nach Hameln, war für Frank und Sylke damals ein mehr als zwei Tage dauerndes Abenteuer. Schon lange vorher hatten sie sich mit Fluchtplänen befasst. „Es fehlte nach der zehnjährigen Schulzeit einfach die Perspektive, es ging nicht vor und nicht zurück, es war das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken“, schildert Frank Liebing. Ein Ausreiseantrag sei zwar möglich gewesen, die Bewilligung aber völlig ungewiss, willkürlich und mit extrem langer Wartezeit verbunden. Der illegale Grenzübertritt, also „Republikflucht“, war immer noch lebensgefährlich. So wählten die Liebings die Flucht über das „sozialistische Ausland“. Eine historische Chance und Weichenstellung für ihr gesamtes weiteres Leben.

„Angefangen hatten unsere Westkontakte einige Jahre zuvor. Reinhold Klostermann, der damalige Leiter der Hamelner Volkshochschule, sprach mich zufällig in der Quedlinburger Fußgängerzone an, ob ich Westgeld wechseln wolle. Er war mit einer Besuchergruppe unterwegs, und die Banken hatten zu“, erinnert sich Sylke Liebing. Aus der Zufallsbekanntschaft wurde ein intensiver Kontakt. „Die Klostermanns haben ein hohes Risiko auf sich genommen, haben unsere Zeugnisse und unser schwarz getauschtes Westgeld in den Westen gebracht, sich hier sogar um Arbeitsplätze gekümmert. Dazu sind wir ihnen zu allergrößtem Dank verpflichtet.“ So landeten Frank und Sylke in Hameln, wo sie ohne größere Probleme sogleich gute Arbeitsplätze fanden – Frank als Maschinenbauer, Sylke im Kindergarten Rohrsen.

Der Unterschied zur DDR? „Hier muss man sich immer wieder neu orientieren und sich selbst kümmern. Nicht warten, bis irgendjemand einem etwas sagt, selber machen, die Initiative ergreifen“, sagt Frank Liebing. Eine Einstellung, mit der nicht alle DDR-Flüchtlinge und Übersiedler zurechtgekommen sind. Die Liebings aber haben ihren Weg gemacht. „Seitdem wir in diesem Haus wohnen, seit 19 Jahren, ist das wirklich meine Heimat“, gesteht Sylke. Die zunehmende DDR-Verklärung ihres in Quedlinburg lebenden Vaters sieht sie kritisch. „Ihr redet wie Wessis“, habe der einmal gesagt. „Wir sind Wessis – und wir sind stolz darauf“, habe ich ihm geantwortet.“ Die 16-jährige Louise ist stolz auf ihre Eltern. Sie besucht die 11. Klasse des Viktoria-Luise-Gymnasiums in Hameln und möchte Diplomatin werden. „Es ist toll, dass meine Eltern das gewagt haben, dass sie sich nicht alles gefallen lassen haben“, sagt sie. Ihre Mitschüler verstünden mitunter kaum, worum es gehe. „Das ist aber verständlich, denn es betrifft sie auch nicht direkt.“

So scheint das Glück der Liebings vollkommen. „Wir sind total zufrieden, wünschen uns Gesundheit, und freuen uns, dass wir so viele tolle Freunde um uns herum haben. Die waren und sind uns immer ganz besonders wichtig.“ Am 1. November wollen sie alle zu einem großen Erinnerungsfest einladen. Als Erinnerung an jene Tage vor 25 Jahren, als Sylke und Frank den Mut hatten, alles hinter sich zu lassen, um in ein neues Leben aufzubrechen.




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