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Vor Gericht: Staatsanwalt fordert zehneinhalb Jahre Haft, Verteidiger Freispruch / Heute Urteil

"Sie hatte Angst und Panik, sie war nackt"

Bückeburg (ly). Wenn es nach Staatsanwalt Dr. Malte Rabe von Kühlewein geht, hat der Angeklagte im Würger-Prozess die längste Zeit in Freiheit verbracht. "Er ist eine tickende Zeitbombe", erklärte Rabe von Kühlewein gestern vor dem Bückeburger Schwurgericht und forderte zehneinhalb Jahre Haft wegen Totschlags.

Verteidiger Matthias Werth plädierte auf Freispruch. Werth hält seinen Mandanten offenbar für unschuldig und sieht den wahren Täter in einem der letzten Liebhaber des Opfers. Heute um 9 Uhr wird im Schwurgericht das Urteil verkündet. Das bewegendste Plädoyer kam gestern von Dietmar Weyland, der die Schwester des Opfers vertritt und damit auch eine Art Anwalt der Toten ist. Weyland erinnerte daran, dass die frühere Kleinenbremerin, die in der Nacht zum 10. Oktober 2006 in ihrer Wohnung am Bückeburger Bornbrink erwürgt worden ist, 25 Jahre verheiratet war, einen Beruf und Kinder hatte. "Sie war eine ganz patente Frau", fasste der Rechtsanwalt zusammen. "Und wenn sie nicht dem Alkohol verfallen wäre, hätte sie diesen Umgang nicht gehabt." Trauerüber den Tod hat Weyland vermisst, besonders beim Angeklagten, aber auch sonst. Zuletzt war die 49-Jährige eine Geliebte des angeklagten Handwerkers (43), der ausschließlich Sex von ihr wollte. Sie war häufig betrunken, hatte Schulden, hauste in einer verdreckten Wohnung ohne Strom und Warmwasser, die Räumungsklage lief. Im Prozess wurde das Intimleben der früheren Krankenschwester ausgebreitet, was sich indes kaum vermeiden ließ. Vor dem Tod, so Weyland, habe das Opfer sehr gelitten. "Sie hatte Angst, sie hatte Panik, sie war nackt", sagte der Anwalt. "Und sie musste in das Gesicht des Angeklagten blicken." Nach Darstellung von Verteidiger Matthias Werth war es ein anderes Gesicht. Werth hat dabei einen ganz bestimmten Mann im Auge, der mindestens eine Stunde Zeit gehabt habe, kein Alibi und angeblich nach der Tat vorm Haus gesehen wurde. Einem Gutachten zufolge hatte der Täter die Frau mit einer oder mehreren Unterbrechungen bis zu einer halben Stunde gewürgt, am Schluss zwei bis drei Minuten ohne Pause. Zungenbein und Kehlkopf waren gebrochen. Am Hals der Leiche hatten Experten des Landeskriminalamtes DNA-Spuren von mehreren Männern sichergestellt, darunter auch die des Angeklagten. Dem namentlich bekannten Mann, den Werth verdächtigt, konnte dagegen keine der Spuren zugeordnet werden. Aus Sicht der Verteidigung könnte dies damit zusammenhängen, dass im Schlafzimmer ein Handschuh gefunden worden ist, den womöglich der Würger getragen und dort verloren hat. Staatsanwalt Dr. Malte Rabe von Kühlewein hält all dies für reine Spekulation und den Angeklagten für überführt. Die Indizienkette sei lückenlos. Unter anderem habe der Bückeburger zugegeben, die Tatnacht in der Wohnung verbracht zu haben. Er habe eingeräumt, das Opfer am Hals berührt zu haben. Und er habe die Position des Körpers bei seinem Verlassen der Wohnung so beschrieben, wie die Leiche später gefunden worden sei. Als Motiv nimmt Rabe von Kühlewein an, dass die Frau mit dem Handwerker eine ernsthafte Beziehung anstrebte, der Mann jedoch nicht. Er habe an dem Abend noch zu seiner Lebensgefährtin gewollt. Darüber soll es zum tödlichen Streit gekommen sein. Dies hält Verteidiger Werth nun wieder für Spekulation.

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