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Die Rintelner Messe in der Altstadt war lange umkämpft – und ist bis heute eine logistische Herausforderung

Sicherheit zuerst

RINTELN. Messetrubel mitten in der Stadt, auf Markt- und Kirchplatz und den angrenzenden Gassen, das ist nach wie vor die Besonderheit der Rintelner Messe. Es gibt nicht viele Städte, die einen Rummel in ihren Mauern zulassen. Die meisten Messen und Märkte finden auf dafür ausgewiesenen Plätzen und Wiesen statt, wie in Minden auf Kanzler Weide, in Stadthagen auf dem Festplatz, in Hameln auf dem Tönebönplatz. Eine Messe mitten in der Stadt aufzubauen ist auch eine logistische Herausforderung und eine Frage der Sicherheit. Hier haben Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und Marktmeister Daniel Jakschik im Laufe der letzten Jahre ein Konzept ausgearbeitet, das heute landesweit als vorbildlich gilt.

Autor:

Hans Weimann

Die Maimesse an diesem Wochenende begann für Jakschik bereits im Januar. Da hat er die Bewerbungen der Schausteller gesichtet und bewertet. Was Jakschik freut: Nach wie vor gebe es in Rinteln mehr Bewerber als Stellplätze: 165 Schausteller und Fahrgeschäfte passen in die Innenstadt. Das heißt, er muss auch viele Absagen schreiben.

Am Montag dieser Woche hat Jakschik die Stellplätze eingezeichnet, danach rückten die Stadtwerke an mit Klaus Muermann und seinem Team, zuständig für den Strom, und Reinhold Kölling, der sich um die Zapfstellen kümmert. Kein modernes Fahrgeschäft dreht sich ohne Strom, an Imbissständen wird Wasser gebraucht.

Bei den Stadtwerken lagern Schaltschränke von 230 bis 400 Volt, es gibt Kabel unter der Erde, auch unterirdische Anschlüsse für das Wasser, Hydranten vor dem Bürgerhaus. Auch das gehört zum Sicherheitskonzept: Die Profis der Stadtwerke schließen Fahrgeschäfte an, nicht umgekehrt. Haben die Schausteller ihre Fahrgeschäfte aufgebaut, prüfen Mitarbeiter des Ordnungsamtes die sogenannten „Baubücher“, stellen fest, ob der TÜV noch gültig ist.

Schläuche zwischen Buden und Häuserwänden: Sollte in einer Imbissbude Feuer ausbrechen, spritzen sie eine fünf Meter hohe Wasserwand in die Luft und schützen so das dahinterliegende Haus. Foto: tol

Zu Messebeginn, also bei der diesjährigen Maimesse am gestrigen Donnerstag, fahren Feuerwehrfahrzeuge, auch die große Drehleiter, durch die Straßen. Ortsbrandmeister Thomas Blaue zeigt: Wo Buden eng an den Häusern stehen, wie in Weserstraße und Kirchplatz, liegen zwischen Buden und Hauswand sogenannte Düsenschläuche. Sollte in einer Imbissbude Feuer ausbrechen, schützt eine fünf Meter hohe Wasserwand das dahinterliegende Haus.

Im Vorjahr wurde eine Lampe vor dem Haus von Photo-Struck versetzt, damit die Feuerwehr hier besser rückwärts rangieren kann. Die Schirme vor der Eisdiele in der Klosterstraße sind ausgewechselt worden, die neuen sind eine Nummer kleiner. Es gibt Freiflächen, auf denen keine Bude stehen darf, damit sich Besucherscharen nicht ballen, Menschen in Notfällen ausweichen können, damit keine Panik entsteht.

Große Banner mit dem Hinweis auf die Fluchtwege überspannen jetzt die Straßen. Der Lütje Markt ist als „Feuerwehrbewegungszone“ gesperrt. Hier gilt absolutes Halteverbot. Ebenso bleibt die Kreuzgasse als Feuerwehrzufahrt frei. Wer eine Feuerzufahrt zuparkt, muss im schlechtesten Fall damit rechnen, dass sein Wagen abgeschleppt wird. Zum Sicherheitskonzept gehört auch die DRK-Wache im Bürgerhaus, das Einsatzleitfahrzeug der Feuerwehr bei „Bruno Kleine“. An beiden Stellen finden Kinder Hilfe, die ihre Eltern im Gedränge verloren haben oder umgekehrt.

Die Polizei ist während der Messe auch mit Beamten in Zivil präsent, erläuterte gestern Rintelns Kripochef Jörg Stuchlik. Taschendiebe sind heute übrigens weniger das Problem, sondern es geht meist eher um Streitereien unter Betrunkenen, wenn die Polizei eingreifen muss. Nachts gehen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes Sinen (SDS) Streife. Auch deshalb, so SDS-Geschäftsführer Bodo Budde, weil sich Buden nicht hundertprozentig einbruchsicher verschließen lassen.

Weil man viel in Logistik und Sicherheit investieren muss, Verkehrsprobleme gelöst werden müssen, Anwohner gegen den Messelärm protestierten, gab es im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder Bestrebungen die Messe aus der Innenstadt zu verbannen und auf den Steinanger oder Weseranger zu verlegen. Doch das ist Geschichte.

Für Jakschik ist klar: Die Messe auf der grünen Wiese? Undenkbar. Der einzigartige Charme der Messe als Publikumsmagnet wäre weg. Es ist das nostalgische Flair, das zu jeder Messe rund 40 000 Besucher nach Rinteln zieht.

Zumindest das Verkehrsproblem, mit dem sich Stadt und Polizei jahrzehntelang herumplagen mussten, hat sich mit dem Bau der zweiten Weserbrücke und den beiden Umgehungsstraßen erledigt.

DER LANGE KAMPF UM DEN VERBLEIB DER MESSE IN DER ALTSTADT

Bewegung beim Thema Messe war eigentlich immer: 1875 baten Rintelner Geschäftsleute bereits um eine Verlegung des Marktes: zu viel Lärm, zu viel Verkehr, hieß es schon damals. Der Rat entschied: Alles bleibt, wie es ist.

Dann probte die Kirche den Aufstand: Buden mit Orgelmusik und „Tricot-Mädchen“ passten nicht zur Würde des Kirchplatzes. Also kamen zuerst die Krämer mit Porzellan und Holzwaren. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die großen Fahrgeschäfte auf Schröders Holzplatz verlegt, der Schweine- und Hammelmarkt zog von der Ritter- und Brennerstraße zum Seetor um, der Schuhmarkt kam auf den Kollegienplatz. Hier ging prompt der Schuldirektor auf die Barrikade, als ein Zirkusunternehmen vor seiner Tür ein Zelt mit 14 Pferden und einem dressierten Stier aufbaute.

Ernsthaft auf der Kippe stand die Messe in der Innenstadt im Jahr 1959. Denn damals waren es nicht genervte Anwohner, sondern das Verkehrschaos in der Stadt, das die Polizei veranlasste, im November 1959 an den Landkreis Schaumburg zu schreiben: „Die bisher gemachten Erfahrungen haben gezeigt, dass eine Abhaltung der Messe im Stadtkern der Stadt in Anbetracht der heutigen Verkehrsverhältnisse nicht mehr tragbar ist. Auch werden inzwischen durch die Schausteller die Gassen so zugebaut, dass die Feuerwehr im Brandfall nicht mehr an die Brandstelle herankommt.“

Auch der Kirchenvorstand meldete sich und beklagte die Störung des Gottesdienstes durch den Messebetrieb. Die Schaumburger Zeitung berichtete darüber, und so tobte bald eine wilde Diskussion über das Für und Wider zur Messe in der Innenstadt.

Geschäftsleute wurden endlich ihre Klage gegen die Konkurrenz los: Die Messe habe ihren ursprünglichen Charakter verloren. Alles, was es auf der Messe zu kaufen gebe, sei auch in den Rintelner Geschäften erhältlich Andere hielten entgegen: Die Werbekraft der Messe locke so viele Besucher in die Stadt, was diesen möglichen Nachteil bei Weitem aufwiege.

Dann meldete sich die Amtsgewalt, der Brandverhütungsingenieur. Jawohl, durch Strom, Propangas, das in den letzten Jahren verwendet werde, sei die Brandgefahr höher geworden. Fazit: Wir haben Bedenken.

Am 30. April 1960 tagte der Verkehrsausschuss, im Mai nahm das Ordnungsamt Stellung: Die Brandgefahr sei früher viel größer gewesen, denn inzwischen stellten die Stadtwerke die Stromanschlüsse, mithin die Fachleute. Und früher habe man die Stände mit Karbid- und Petroleum-Lampen beleuchtet. Viel gefährlicher.

Vorschlag der Verwaltung: Hydrantendeckel werden weiß angestrichen, die Feuerwache wird zur Messezeit verdoppelt, auf den Parkplätzen Ordner eingesetzt.

Zur Frühjahrsmesse 1960 bauten die Schausteller und Fahrgeschäfte dann wie gewöhnlich in der Innenstadt auf. Doch diesmal schaute der Landkreis näher hin und kam mit großer Besetzung, an der Spitze die Kreisoberinspektoren Schulz und Nagel.

Das Ergebnis waren Auflagen: ein Verbot, Wohnwagen in den Straßen abzustellen, die Stadt müsse Parkplätze für 600 Fahrzeuge außerhalb der Innenstadt bereitstellen. Damals wurde auch zum ersten Mal eine Probefahrt der Feuerwehrwagen durch die Gassen angeordnet.

Aufatmen in der Stadt: Das Thema, die Messe aus der Innenstadt zu verbannen, war vom Tisch.wm

Die Rintelner Messe hebt sich von den meisten anderen Jahrmärkten in der Region dadurch ab, dass sie mitten in der Altstadt stattfindet. Darin besteht ihr Charme. Die Organisatoren stellt dies jedoch vor eine Herausforderung. Denn eine Großveranstaltung inmitten einer historischen Altstadt erfordert besondere Sicherheitsvorkehrungen. Auch deshalb war der Standort der Messe lange umstritten.




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