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Die Friedwälder ersetzen mehr und mehr konventionelle Friedhofs-Bestattungen – und das hat seine guten Gründe

Selbst bestimmen – über den Tod hinaus

Oma war gestorben, die beiden kleinen Enkel waren kaum ansprechbar. Sie fühlten sich verlassen und weigerten sich, an der offiziellen Beerdigung teilzunehmen, auch wenn die in einem Friedwald stattfinden sollte. Sie verdrängten den Tod, den Schmerz, die Trauer. Förster Frank Homuth hat sie bei der Hand genommen, gemeinsam sind sie zu dem Baum gegangen, unter dem Oma ihre letzte Ruhe finden und in den Kreislauf der Natur zurückkehren sollte. Homuth hat dann vorgeschlagen, Oma an einer Baumseite zu beerdigen, die der Straße zugewandt ist.

Von Frank Westermann

Oma war gestorben, die beiden kleinen Enkel waren kaum ansprechbar. Sie fühlten sich verlassen und weigerten sich, an der offiziellen Beerdigung teilzunehmen, auch wenn die in einem Friedwald stattfinden sollte. Sie verdrängten den Tod, den Schmerz, die Trauer. Förster Frank Homuth hat sie bei der Hand genommen, gemeinsam sind sie zu dem Baum gegangen, unter dem Oma ihre letzte Ruhe finden und in den Kreislauf der Natur zurückkehren sollte. Homuth hat dann vorgeschlagen, Oma an einer Baumseite zu beerdigen, die der Straße zugewandt ist. Dann können die beiden Jungs auf den Schulweg jedes Mal rübergucken und Oma zuwinken. Die beiden Kinder waren von dem Vorschlag begeistert, die Trauerfeier war sehr schön.

„Aufbrechen“ nennt Homuth diesen Vorgang: den Schlüssel finden, mit dem die menschliche Seele aufgeschlossen wird, damit die Trauer ihre emotionale Kraft entfalten kann. Die Kinder haben nach dem Todesfall dicht gemacht, sie waren für andere Menschen nicht erreichbar. Homuth schreibt die positive Wirkung dem Friedwald zu: Das kann nur er, das geht auf einem öffentlichen Friedhof nicht, das schafft keine noch so hübsche Kapelle. Die Arbeit im Friedwald, so erzählt Homuth, „hat meine berufliche Tätigkeit sowie meinen persönlichen Umgang mit Tod und Trauer revolutionär verändert“.

Homuth drückt das wirklich so aus, „revolutionär“, und wirkt dabei gar nicht wie jemand, der leicht zu beeindrucken ist oder jeden Monat sein Weltbild korrigiert. Ruhig, sachlich, in sich ruhend erzählt er auf dem Parkplatz zum Friedwald Kalletal.

An seiner Seite steht Sylvia Frevert, die ihr Buch vorstellen möchte. Es heißt, natürlich, „Friedwald“ und wurde von Bertelsmann in Auftrag gegeben. Die Friedwald Gmbh schlug dann die freischaffende Sylvia Frevert vor. Eine Lobhudelei auf 176 Seiten ist das Buch, das sich in der Unterzeile „Die Bestattungsalternative“ präsentiert, nicht geworden. Im Gegenteil, erzählt Frevert: Ein kritischer Ansatz war durchaus erwünscht.

Sylvia Frevert und Frank Homuth kennen sich schon seit vielen Jahren, beide haben sich über die Thematik kennengelernt. Sie schrieb den allerersten Artikel über den damals noch in der Planungsphase steckenden Kalletaler Friedwald. Es war ein durchaus kritischer Artikel, denn vorgesehen war ein für die Holzgewinnung überaus wertvoller, aber für einen Friedwald viel zu steriler Bestand. Förster Homuth hatte einen anderen Vorschlag: Wie viel besser würde doch der vis a vis zur Weser gelegene Hude-Wald „Ihmser Bruch“ passen, mit seinen urigen Baumveteranen und der üppigen, abwechslungsreichen Vegetation. Am 15. Oktober 2004 wurde der „Kalletaler Friedwald“ eröffnet, knapp 1000 Bestattungen wurden seitdem hier vorgenommen.

Für Sylvia Frevert ist das kein Wunder; der Erfolg sei in dem einzigartigen und zeitgemäßen Konzept begründet: „Friedwald füllt die Lücke zwischen anonymer Grabstätte, die den Hinterbliebenen den so wichtigen Ort zum Trauern entzieht, und einer normalen Grabstelle, die immer wiederkehrender Pflege bedarf.“ Ein Friedwald, das sei ein Ort, der keine Ansprüche stellt, ein Ort, der Trost spendet, ein Ort, der gibt und nicht nimmt wie ein Friedhofsgrab, das immer nur nach Pflege schreit.

Dass die Hinterbliebenen einen lokal genau definierten Ort der Trauer benötigen, davon sind beide überzeugt. Davon erzählen auf den konventionellen Friedhöfen auch die Bereiche, in denen die Verstorbenen anonym beigesetzt wurden: Fast immer stehen dort Vasen mit Blumen; aufgestellt von den Hinterbliebenen, die häufig diese Entscheidung bereuen. Im Friedwald gibt es diesen Trauer-ort: Er liegt am Fuße eines Baumes, den jeder selbst auswählen kann. Die Asche des Verstorbenen wird in einer biologisch abbaubaren Urne an der Wurzel des Baumes beigesetzt. Es entsteht ein natürliches Grabmal, das wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehrt.

Als Sylvia Frevert den Auftrag für ein Buch erhielt, das Konzept und Entstehung von Deutschlands erstem und größtem Anbieter für Baumbestattungen beschreibt, da hat sie viele Menschen befragt, Telefonate geführt, gut zugehört. Und so kann sie in „Friedwald“ viele Facetten einer zehnjährigen Unternehmens-Erfolgsgeschichte aufzeigen. Etwa, dass die Aids-Erkrankungen Vorreiter einer neuen Bestattungs-Kultur waren. Diese damals neue Krankheit, so schreibt Sylvia Frevert, habe die Menschen – zumeist junge – zu einer bewussten Auseinandersetzung gezwungen: Krankheit, Sterben, Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Tod, Bestattung. „Mit Aids hatte der Tod eine andere Generation erreicht“, sagt sie. Da die Aids-Erkrankten häufig aus der Homosexuellen-Szene stammten, waren sie oftmals nicht Teil eines klassischen Familiensystems. Sie planten ihr Ende selbst, und auch die Dinge, die danach passieren sollten. Die Organisation der eigenen Bestattung – ein Grundpfeiler des Friedwald-Konzeptes – machte schnell Schule.

Vorsorge, Planung und Selbstbestimmung über den Tod hinaus, individueller Abschied statt einer anonymen Bestattung treffen auf eine immer mobiler werdende Gesellschaft, die sich immer seltener an eine Stadt oder ein Dorf gebunden fühlt und dort die letzte Ruhe finden möchte, weist Frevert auf einen anderen Aspekt hin. Den Arbeitsplatz und den Arbeitsort immer häufiger zu wechseln, werde für die meisten Menschen künftig eher die Regel denn die Ausnahme sein. Feste Familienstrukturen? Gab es gestern. Wo ist im Zeitalter der Patchwork-Familien, der Scheidungen und Trennungen, der Umzüge und Neuanfänge das Familienmitglied, das das Grab pflegt? Im Friedwald übernimmt das die Natur, sagt Förster Homuth. Selbst wenn ein Baum umfällt, dient der Reststamm noch: Erst den Fruchtkörpern der Pilze, dann kommen die Vögel, die hier ein Nest bauen, ihre Jungen aufziehen, es kommen Fledermaus, Hohltaube, Sperlingskauz und Hornissen – der Kreislauf in der Natur ist ein weit gespannter. Aber natürlich, so Homuth, werde ein umgestürzter Baum ersetzt, doch die Realität sieht dann so aus: „Viele Menschen möchten das nicht. Auch ein umgestürzter oder abgeknickter Baum ist für sie Natur.“

Er selbst hat erfahren müssen, dass der Blickwinkel des Forstexperten ein gänzlich anderer ist als der seiner Kunden. Im Forstbetrieb ist ein homogener Baum erwünscht, im Friedwald dagegen die Individuen. Was seine Kunden als „schön“ empfinden, hat Homuth erst lernen müssen. Heute sagt er, dass er durch seine Arbeit zum Dienstleister par excellence geworden ist – mit einem hohen Maß an Spontanität. Es komme nicht selten vor, dass an einem Tag die Baumauswahl getroffen werde und einen Tag später die Beisetzung erfolge. Es ist eine Arbeit, die viel mit Fingerspitzengefühl, mit Menschenkenntnis, mit Psychologie und, nicht zu vergessen, mit Seelsorge zu tun hat – Dinge, die es in seinem Berufsbild vorher nicht gegeben hat. „Ich empfinde es als große Bereicherung“, sagt er: „Es ist sehr schön, die Dankbarkeit der Menschen zu spüren, die in Briefen und Gesprächen zum Ausdruck kommt.“ Früher hat er den Tod verdrängt, heute hat er selbst Vorsorge getroffen, weil es wichtig sei, die eigenen Dinge gut zu regeln. Das nimmt den Hinterbliebenen nicht nur wichtige Entscheidungen ab, sondern gibt ihnen auch mehr Zeit für ihre Trauer. Und auch der Blick des Försters ruht mit Wohlwollen auf dem Friedwald: Es sei eine gute, einzigartige Weise, den Wald zu nutzen – er wirft Geld ab, bleibt dabei aber erhalten; nicht zuletzt als wertvolle Naturschutzoase.

Auch außerhalb des Waldes steht Homuth fest im Leben, natürlich ist ihm bewusst, dass durch die steigenden Bestattungszahlen bei Friedwäldern und in Urnen den Kommunen wichtige Einnahmen durch konventionelle Bestattungen wegbrechen, dass dann woanders gespart werden muss, um die finanziellen Löcher zu stopfen. „Aber wir haben bei vielen Kommunen zu einem Umdenken geführt“, sagt er. Und warum sollten die Kommunen die Bestattungen nicht als das sehen, was sie sind: Produkte, die am Markt bestehen – oder scheitern?

Friedwälder sind keine Privat-Friedhöfe, stellen Sylvia Frevert und Förster Homuth klar. In einem Baumregister wird aufgeführt, wer das Nutzungsrecht an einem bestimmten Baum erworben hat, anschließend wird ein Vertrag aufgesetzt: Mit Abschluss und Zahlung wird der Friedwald-Kunde Rechtsinhaber. Vertraglich entsteht eine Dreierbeziehung zwischen der „Friedwald GmbH“, dem Kunden und dem Friedhofsträger, sprich der Gemeinde. Geht Friedwald pleite, muss die Kommune die zu erbringende Dienstleistung übernehmen.

Nach einer Stunde sind alle Fragen der (drei) Medienvertreter beantwortet, die Pressekonferenz auf dem Parkplatz ist beendet. Still liegt der hellgrüne Wald vor uns, Sylvia Frevert hält das letzte Exemplar ihres Buches in den Händen, ihre beiden Hunde tollen um uns herum. Sylvia leitet sich ab von Silva, das ist im Lateinischen die Herrin des Waldes. Es scheint, als habe sich ein Thema eine Autorin gesucht – und die Richtige gefunden.

Sylvia Frevert: FriedWald, 176 Seiten, mit Farbfotos, Gütersloher Verlagshaus, 16,95 Euro.

Letzte Ruhestätte Natur: Im Friedwald wird die Asche des Verstorbenen am Fuße eines Baums bestattet. Der Platz wird vorher ausgewählt.

Fotos: rnk




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