×
Vor gut 100 Jahren kam der Badekult nach Rinteln und damit auch die Freibäder: Eine Rückschau

Schwimmen im Quellwasser – mit Kaulquappen

Wie schön schrieb Bertold Brecht vom „Schwimmen in Seen und Flüssen“, wenn der Leib im Wasser ganz leicht wird oder man sich „klatschend in blaue Flüsse“ schmeißt. Nicht selten aber ertrank der eine oder andere in den unbeaufsichtigten Gewässern. Auch war es manchen unbequem am ungepflegten Strand, und als nicht ganz schicklich galt es außerdem, wenn Männer und Frauen sich ohne Kontrolle gemeinsam im Wasser tummelten. Je mehr sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Badekultur in Deutschland entwickelte, desto größer wurde das Bedürfnis nach Freibädern mit Umkleidekabine, Badeaufsicht und einem abgetrennten Bereich für die Nichtschwimmer. So entstanden auch rund um Rinteln kleine Freibäder, oft mitten im Wald. So manche älteren Mitbürger trauern ihnen noch nach, den Bädern von Deckbergen, Steinbergen, Möllenbeck und dem Bögerhof in Krankenhagen.

Autor:

Cornelia Kurth

Die größte Anschubkraft für den Bau der Freibäder ging allerdings von den Touristen aus, die verstärkt seit Mitte der zwanziger Jahren an die Weser reisten, um hier, im Bergland, ihre Ferien zu verbringen. Steinbergen, Deckbergen und Möllenbeck waren begehrte Luftkurorte, die vor allem Menschen aus der Norddeutschen Tiefebene und aus dem Ruhrgebiet anzogen, in deren Augen das schöne Weserbergland fast den Alpen gleichkam. Villenähnliche Pensionen mit Namen wie „Berghof“, „Waldeslust“ oder „Waldfrieden“ schossen aus dem Boden, Gasthäuser und Restaurants blühten auf und überall auf den Dörfern überlegte man, wie man die Wünsche der zahlungskräftigen Fremden noch besser erfüllen könnte.

Bereits im Jahr 1920 beschlossen die Deckberger den Bau ihres Freibades unterhalb der Arensburg und waren damit die ersten in Rintelns Umgebung, die auf den Zug der Zeit aufsprangen. Hier entstand unter Bürgermeister Büthe ein großes Waldbad, um, so heißt es im Bauantrag, den der Sohn und Bürgermeisternachfolger Karl Büthe noch besitzt, „den Jugendlichen und den zahlreichen Sommergästen Gelegenheit zum Schwimmen zu geben.“ So großzügig wurde das dann mit Kapellenklang eingeweihte Freibad angelegt, dass in dem 50 Meter langen Schwimmerbecken sogar landesweite Wettkämpfe ausgetragen werden konnten.

Es standen „Badezellen“, also Umkleidekabinen, zur Verfügung, Treppen führten in das mit Steinplatten ausgekleidete Becken, eine Liegewiese lud zum Verweilen ein, und damit das eiskalte Quellwasser, das durch das Becken geleitet wurde, niemanden abschreckte, gab es ein Vorwärmbecken, wo das flache Wasser mithilfe der Sonnenkraft etwas erwärmt wurde. „Oh, kalt war es trotzdem“, meint Karl Büthe. „Es gab ja noch eine Quelle mitten im Becken.“ Trotzdem lernten hier alle Kinder des Dorfes das Schwimmen, um aus Plansch- und Nichtschwimmerbereich hinüber zu den Großen wechseln zu dürfen.

2 Bilder
„Die Gäste aus Norddeutschland hatten hier das Gefühl, in den Bergen zu sein“: Badegäste im Freibad Möllenbeck. Repros: pr.

1927 zog Luftkurort Steinbergen mit dem Bau eines eigenen Freibades nach. Willi Hugo aus Steinbergen, der inzwischen 90 Jahre alt ist, war 1928 bei der feierlichen Einweihung dabei. Zusammen mit seinem Vater und den anderen Dörflern zog er mit Fackeln durch den Park zum neuen Schwimmbad, 25 Meter lang, acht Meter breit und bis zu drei Meter tief, sodass es auch einen Sprungturm gab. „Es war immer so viel los bei uns!“, sagt er. „Noch nicht mal in Bückeburg gab es damals schon ein Freibad. In Steinbergen trafen sie sich alle!“

Das halbe Dorf hatte sich am Bau beteiligt. Die Bauern wurden im „Spanndienst“, die Arbeitslosen und andere im „Handdienst“ zur Mitarbeit herangezogen, für ganze 66 Pfennig in der Stunde. Gespeist wurde das Bad von den Quellen der Arensburger Fischteiche, die man unter der Straße hindurch bis hinüber zum Sportplatzbereich durchleitete. „Wir fanden manche Forelle in unserem Freibad“, meint Hugo. Das Schwimmen lernte er im 1,20 Meter tiefen Wasser am Sperrwerk der Aue, dafür brauchte er nichts zu bezahlen. „Die Jahreskarte kostete 5 Mark, das war für uns sehr viel Geld“, meint er.

Bei so viel Erfolg in den Nachbardörfern wollte auch der Verschönerungsverein von Möllenbeck nicht länger auf ein eigenes Freibad verzichten. Das Dorf war bei den Touristen besonders beliebt mit seinen vielen Pensionen, Gaststätten, der nahen Freiluftkegelbahn und dazu den Kurkonzerten und Theateraufführungen. Damals war Möllenbeck noch um den Berg herumgebaut, der später im Zuge des Kiesabbaus aus dem Dorfbild verschwand. „Die Gäste aus Norddeutschland hatten hier das Gefühl, in den Bergen zu sein“, so Architekt Klaus Breitenbach, der ein ganzes Archiv rund um die Geschichte des Ortes besitzt.

Das Waldbad lag am Dorfrand, dort, wo man noch immer Reste der Betonwände und der Griffstangen entdecken kann. 20 Meter war es lang, in der Mitte geeilt durch zusammengekettete Baumstämme, die Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken voneinander abgrenzten. An den Hängen wurden Bänke aufgestellt und von überall her kamen jung und alt.

Einen festen Boden hatte das Freibad nicht, es konnte also durchaus glitschig sein und jede Menge Kaulquappen und Schlingpflanzen wuchsen in dem grünlichen Beckenwasser heran. Den Badespaß minderte das nicht. Die Hessendorfer hatten sich sogar einen Trampelpfad über den Berg gebahnt, um schneller ins kühle Wasser springen zu können (einen Sprungturm gab es auch, mit hölzernen Brettern in einem und drei Meter Höhe). „Das halbe Dorf hat hier das Schwimmen gelernt“, so Breitenbach.

Schließlich nutzten auch die Krankenhäger ihre Gegebenheiten bei den Forellenteichen am Bögerhof, um dort ebenfalls ein schönes Bad entstehen zu lassen, auf dessen Wasser man sogar mit Paddelbooten paddeln durfte. Zehn, später zwanzig Pfennig kostete der Eintritt in den fünfziger Jahren. „Wir hatten damals ja alle nicht viel Geld“, erzählt Christa Kotowski aus Krankenhagen. „Die Jungs schlichen sich oft heimlich über den Stachelzaun und wurden dann aber wieder vom Gelände verscheucht, wenn sie kein Geld dabeihatten.“

Am Bögerhof gab es ein Holzhäuschen, wo Getränke verkauft wurden und vor dem sich immer lange Schlangen bildeten, so beliebt war das Bad mit seiner Liegewiese unter den Bäumen am Hang. Oft hatte das Wasser nur eine Temperatur von 15 Grad, denn eine Heizung gab es hier so wenig wie in den anderen Freibädern ringsum. Mit einer Ausnahme allerdings: Das Weserangerbad in Rinteln erhielt 1970 die revolutionäre Möglichkeit, sein Wasser bis auf eine Temperatur von 20 Grad zu erwärmen.

Das war mit einer der Gründe, warum die kleinen Freibäder spätestens Anfang der siebziger Jahre nach und nach schlossen: Sie hatten nicht mehr genug Komfort zu bieten, die Ansprüche an Sauberkeit und Ausstattung stiegen, der Erhalt und auch die Bezahlung der Bademeister wurde den Gemeinden zu teuer. Zugleich fand der Fremdenverkehr verstärkt andere Ziele in weiterer Entfernung und auch im Ausland – die kleinen Weserbergdörfer verloren an Attraktion für die Touristen.

Unbeschwertes Badevergnügen im Freibad Deckbergen. Die Deckberger waren die ersten, die den Trend zum Freibad in Rinteln aufgriffen.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt