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Zum letzten Mal feierte vor 90 Jahren das Vikilu den Geburtstag des Deutschen Kaisers

Schülerinnen bekränzten des Kaisers Büste

Von Ernst August Wolf

Hameln. Der 27. Januar, Kaisers Geburtstag, war im Ablauf des Schuljahres ein ganz besonders Datum. Zumindest in der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges. Zusammen mit dem „Sedanstag“ am 2. September, an dem in patriotischer Hochstimmung unter dem Motto „Welch ein Sieg durch Gottes Fügung“ an den entscheidenden Sieg über Frankreich im Krieg 1870/71 erinnert wurde, war auch in Hameln der 27. Januar nicht nur für Schüler und Lehrer Anlass zu heute befremdlich wirkender Deutschtümelei und nationalem Gepränge.

Die Schulchronik des 1904 nach der Kaisertochter Viktoria-Luise benannten Hamelner Gymnasiums gibt über die Art der Feierlichkeiten beredte Auskunft. Die Chronik wurde nach dem Umzugs der Höheren Töchterschule in das alte Gebäude in der Grütter-

straße im Dezember 1900 vom Oberlehrer Dähling erstmals handschriftlich niedergelegt und in ein Buch eingetragen, das zur Schulchronik des Viktoria-Luise-Gymnasiums werden sollte.

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Francine Jordi

Die Geburtstagsfeiern zu Ehren Wilhelms II. folgten einem stets gleichen Muster. Für das Jahr 1900 etwa vermeldet die Chronik: „Am 27. Januar Kaisergeburtstagsfeier: Gesänge und Deklamationen wurden von der Festrede unterbrochen, die der Unterzeichnete über das Thema hielt: ,Warum muss stolzes Deutschbewusstsein unser Herz erfüllen?‘“

Dabei, so der Schulleiter des Viktoria-Luise-Gymnasiums, Rainer Starke, „hatten die Hamelner anfangs so ihre Bedenken nicht nur hinsichtlich der Namensgebung, denn schließlich repräsentierte die Schule auch Preußen, und dem gegenüber hatte man als Hannoveraner vor allem hinsichtlich der Niederlage von 1866 dann doch einige Ressentiments.“ Grund genug bei Kaisers Geburtstag, etwas Werbung für Preußentum und Protestantismus zu machen. Unter dem 18. Januar 1901 findet sich in der Chronik der Eintrag: „Am 18. Januar fand eine öffentliche Schulfeier zur Erinnerung an den 200-jährigen Geburtstag des Königreichs Preußen statt. Herr Oberlehrer Theile behandelte das Thema „Was haben die Hohenzollern für die deutsche Sache getan?“

Am 27. Januar gedachte „der Herr Oberlehrer Theile“ in der Morgenandacht mit warmen Worten des 400. Geburtstages des Antonius Corvinus, des Reformators des Fürstentums Calenberg.

Die Pflege der nationalen Erinnerungskultur kreiste immer wieder um die gleichen Themenbereiche: kritiklose Huldigung des monarchischen Herrschaftssystems und Personenkult um Kaiser Wilhelm II., eine sehr fragwürdigen Propaganda dessen riskanter Weltmachtpolitik und einer letztlich in die Katastrophe führenden, einzig auf militärische Macht aufgebaute Politik der Stärke, einem Lobgesang auf Deutschtum und Imperialismus. Das alles in ideologischer Verbrämung von Thron und Altar.

Personenkult um

Kaiser Wilhelm II.

Höhepunkt der Kaiserverehrung stellte zweifelsohne das Jahr 1904 dar, in dem der Chronist angesichts eines Besuches des Kaisers voll Ergriffenheit notierte: „Seine Majestät der Kaiser und die Kaiserin waren von den beiden Prinzen Eitel Friedrich und Oskar und der anmutigen Prinzessin Viktoria Luise begleitet. (…). Nur soviel mag (…) zu sagen gestattet sein, dass er (der Chronist) selten in seinem Leben eine so einmütige, herzliche Freude in größerem Kreise hat herrschen sehen. Und diese Freude war es denn auch, die bereits am nächsten Tage sämtliche Mitglieder des Lehrkörpers in dem einen Wunsche vereinigte, es möchte durch die Verleihung eines Namens an die Schule eine bleibende Erinnerung an den Kaisertag in unserer Stadt geschaffen werden. Der Vorschlag des Lehrkörpers fand bei den maßgebenden Behörden Verständnis und Billigung, und so wurde denn die Schule durch das Eintreffen der allerhöchsten Kabinettsordre vom 23. Januar 1905 erfreut, da der ihr der Name Victoria-Luise-Schule beigelegt ist.“

Militarismus, Weltmachtstreben und die fatale Außenpolitik des Kaisers führten in den Ersten Weltkrieg. Die Vikilu-Aula und Kellerräume wurden zu Sammelstellen für Hilfsgüter des Roten Kreuzes, der Kaisergeburtstag bekam einen neuen Akzent: „(…) konnte ein dem Vorbild anderer Lehranstalten nachgebildeter schöner Plan, die Abhaltung von „Kriegsstunden“, vorläufig noch nicht regelmäßig durchgeführt werden. Nur erst dreimal ist es möglich gewesen, in der letzten Sonnabendstunde eine Kriegsfeier zu veranstalten.“ Kriegspropaganda mit nachhaltiger Wirkung.

Auch nach der erzwungenen Abdankung des Kaisers im November 1918, während der Revolutionsunruhen im Januar 1919 und vor dem Hintergrund der neuen demokratischen Reichsverfassung beging die Schule im Januar 1919 dann zum letzten Mal „Kaisers Geburtstag“, in der Vikilu-Chronik nur eine kurze Notiz: „27. Januar. Des Kaisers 60. Geburtstag. Zum letzten Mal bekränzten die Schülerinnen seine Büste in der Aula.“ Abschluss eines schicksalhaften Kapitels deutscher Geschichte.




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