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Schüler am Bus – da ist kein Halten mehr

Mit großer Sorge beobachtet Busfahrer Richard Smith, was sich allmorgendlich vor seinem Fahrzeug abspielt: „Viele Kinder sind noch verschlafen, mit ihren Handys beschäftigt oder einfach nur gedankenlos, wenn sie auf die andere Straßenseite wechseln.“ Und das zumeist direkt vor dem Bus. So geschehen auch im September und im Oktober in Unsen und in Klein Berkel, als zwei Kinder von Fahrzeugen erfasst wurden. Der Betriebsleiter der Hamelner „Öffis“, Heinz-Jürgen Aust, stellt fest: „Gerade bei diesen beiden Unfällen waren die Schüler hinten oder in der Mitte ausgestiegen und dennoch nach vorne gelaufen.“

Autor:

Matthias Rohdeund Jessica Janson

Der Verkehrssicherheitsberater der Hamelner Polizei, Andreas Hinz, und der seit 40 Jahren bei den Öffis beschäftigte Günther Huchthausen besuchen regelmäßig die Schulen, um den Kindern, aber auch Lehrer und Eltern auf die Gefahren bei der Schülerbeförderung hinzuweisen. Hinz erzählt: „Jedes Jahr bestelle ich 4000 Infobroschüren, die die Eltern bei der Einschulung ihrer Kinder erhalten.“ Minutiös werden dort die richtigen Verhaltensweisen für die Schüler aufgezeigt. So ist der wichtigste Tipp – nämlich die Straße niemals vor oder hinter dem Bus zu überqueren, solange er noch an der Haltestelle steht – besonders fett und groß gedruckt. „Und trotzdem wird er jeden Tag ignoriert“, bedauert Smith.

Der Busfahrer berichtet aus der Praxis: „Selbst wenn mehrere Busse dicht an dicht hintereinander an der Straße stehen, laufen die Schüler zwischen, vor und hinter den Fahrzeugen über die Straße.“ Eine Ampel in der Nähe werde einfach ignoriert, stellt er fest. Polizeihauptkommissar Hinz erläutert: „Die Gefahr droht bei solchen Querungsmanövern vor allem durch den fließenden Verkehr.“ Die Autos müssten eigentlich im Schritttempo vorbeifahren, wenn die stehenden Busse warnblinken. „Und zwar auch der Gegenverkehr“, ergänzt Aust, „neben den unachtsamen Schülern und den Warnblinker missachtenden Fahrern kommt noch hinzu, dass viele Eltern mit ihrem Auto direkt vor oder ganz in der Nähe der Schule halten, um ihre Kinder aussteigen zu lassen.“ Nicht selten werde dabei die Bushaltestelle blockiert, sodass die Busfahrer die Fahrgäste auf der Straße hinauslassen müssen. „Das sorgt für eine Verengung der Fahrbahn und macht so das Ausweichen für Autos unmöglich, die neben dem Bus fahren. Selbst dann, wenn die vorgeschriebene Schrittgeschwindigkeit eingehalten wird“, schildert Aust.

In Rinteln und Obernkirchen haben einige Schulen ein Mittel gefunden, um das Gedränge an den Bushaltestellen zu verhindern. In Zusammenarbeit mit der Polizei werden dort seit einigen Jahren „Bus Scouts“ ausgebildet. Bei ihnen handelt es sich um Schüler höherer Klassen, die die Mitschüler nach dem Unterricht zur Bushaltestelle begleiten und dort für Ordnung sorgen. Mit großem Erfolg: „Am Busbahnhof in Obernkirchen ist es merklich ruhiger geworden, seit die Bus-Scouts im Einsatz sind“, sagt Dirk Nolte, Betriebsleiter der Schaumburger Verkehrs Gesellschaft. Mit parkenden Autos gibt es in Obernkirchen keine Probleme, weil der Busbahnhof abseits der Straßen liegt, welche die Eltern wählen, um ihre Kinder abzuholen.

Noch schnell über die Straße – das ist an den Bushaltestellen im Schülerverkehr eine große Gefahrenquelle. Foto: tol

Am Gymnasium Adolfinum in Rinteln schauen ebenfalls Bus-Scouts nach dem Rechten. „Seither haben wir sehr wenig Vorkommnisse in Zusammenhang mit dem Schülertransport“, versichert André Elsen, Disponent der Karl Köhne Omnibusbetriebe. Probleme am Gymnasium bereiteten aber die dort zu Stoßzeiten parkenden Autos. „Viele der älteren Schüler kommen schon mit ihrem eigenen Fahrzeug, und manchmal ist es so eng, dass unsere Fahrzeuge kaum um die Kurve kommen.“

Gefährlich ist es für „Fahrschüler“ auch immer, wenn Freunde oder Verwandte auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten oder winken. Gerade jüngere Schüler vergäßen in solchen Situationen sämtliche Sicherheitshinweise, heißt es. Für Aust, Hinz, Huchthausen und Smith ist eines ganz wichtig: „Wenn die Kinder von der Haltestelle abgeholt werden, dann auf der richtigen Straßenseite und ohne mit dem Privatfahrzeug die Haltestelle zu blockieren.

Hinz betont, dass die Busbeförderung gemessen an den Unfallzahlen trotz der vielen Gefahrensituationen eine der sichersten Wege in die Schule sei. Der Hauptkommissar führt aus: „Auf dem Schulweg passieren wesentlich mehr Unglücke mit Privatfahrzeugen und Radfahrern.“ Um die Lage zu verbessern, versuchen die Verkehrsexperten der Polizei, die Schüler durch Informationsveranstaltungen zu erreichen. Die Autofahrer werden bei Kontrollen auf ihr Fehlverhalten angesprochen, und an die Eltern gehe immer wieder der Appell, sich ihrer Vorbildfunktion zu erinnern.

Ein Präventionsmittel sind in Rinteln auch „Busschulen“ für die ersten Klassen. „Hier zeigen wir den Kindern, wie sie sich vor und auf der Busfahrt verhalten sollten“, erklärt Elsen. Auch eine Schaufensterpuppe kommt zum Einsatz. „Damit verdeutlichen wir den Kindern, was passieren kann, wenn man sich im Bus nicht richtig festhält.“ Die Präventionsprojekte scheinen in Zusammenhang mit den Bus Scouts wahre Wunder zu bewirken: Der Polizei sind aus der jüngsten Zeit keine Unfälle in Zusammenhang mit den Schülertransporten bekannt.

Eine kurze Unachtsamkeit bei den Kindern oder bloße Ignoranz bei Autofahrern – an den Bushaltestellen drohen besonders morgens und mittags während des Schülerverkehrs

schlimme Unfälle. Viele Eltern sind besorgt – und die Busfahrer auch.




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