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Vor 90 Jahren starb der Eilser Badearzt Dr. Rudolf Bensen

Schon zu Lebzeiten eine Legende

„Drum, Herrgod in dienen himmlischen Rieken, lat mi’t noch recht lange von buten bekieken!“, pflegte der Geheime Sanitätsrat Dr. Rudolf Bensen gern und oft zu sagen. Sein Wunsch wurde erhört. Bensen durfte das Himmelreich 80 Jahre lang als Erdenbürger von „buten“ (von draußen) betrachten. Dann machte er sich, wie es seine Art war, am 30. März 1921 ohne viel Aufhebens von dannen. „Ich weiß gar nicht, was ich meinen Mitmenschen getan habe“, soll er noch auf dem Sterbebett geschmunzelt haben. „Alle wollen mir unbedingt noch etwas Gutes antun.“

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die nach Bensens Tod vor 90 Jahren gern und oft erzählte Geschichte war nur eine von zahllosen Histörchen und Anekdoten, die über den Bad Eilser Badearzt in Umlauf waren. Der eigenwillige Doktor war bekannt wie ein bunter Hund. Dazu hatten nicht zuletzt seine gradlinige, unverblümte Art und seine humorvollen plattdeutschen Gedichte und Erzählungen beigetragen. Titel wie „Allerhand ut Stadt un Land vertellt“, „Dat un Dütt von Grot un Lütt“, „Olle Bückebörger Döhnchen“ oder „Franke de Jäger“ standen in den Bücherregalen aller heimatkundlich interessierten Schaumburger.

Dabei hatte es zunächst gar nicht nach einem erfolgreichen Wirken des 1841 in Bückeburg geborenen Buchbinder-Sohnes ausgesehen. Als Bensen nach dem Studium und einigen Zwischenstationen 1872 in seiner Heimatstadt eine Praxis eröffnete, blieb der erhoffte Patientenansturm lange Zeit aus. Bensen überbrückte den Leerlauf durch ausgedehnte Herrenabende in der Falle.

Die ersten Heil- und Ratsuchenden, die in die neue Praxis kamen, waren Landleute aus den umliegenden Dörfern. Sie wussten über nicht alltägliche Erlebnisse zu berichten. Während der Untersuchung werde viel gelacht und plattdeutsch gesprochen. Der Doktor sei ziemlich robust und nehme kein Blatt vor den Mund. Arme Leute würden umsonst kuriert, und manchmal lasse sich der Neue auch mit Kartoffeln bezahlen. Anders als die vornehmen und unnahbaren Kollegen könne man ihn Tag und Nacht ans häusliche Krankenlager holen. Dabei pflege er ungeniert in die Kochtöpfe zu gucken und sich gern selbst zum Essen einzuladen.

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Kein Wunder, dass der junge Mediziner in den Dörfern schon bald eine Art Kultstatus genoss. Auch in den „besseren Kreisen“ wuchs der Respekt. Das anfängliche Kopfschütteln und Naserümpfen verschwand. Bensens Gesprächspartner merkten sofort, dass sich hinter dessen leutseliger und zuweilen polternder Art ein sensibler, hochgebildeter Geist verbarg. Mit Wilhelm Busch machte er Badeurlaub auf Borkum. Und hohes Ansehen soll der junge Doktor auch bei der Bückeburger Schlossherrschaft genossen haben.

Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass Bensen 1882 zum „Chefarzt“ des fürstlichen Bad Eilsen befördert wurde. Die Tätigkeit war damals noch ein saisonaler Teilzeitjob. Der Kurbetrieb lief von Juni bis August. Während dieser drei Monate übernachtete Bensen in Eilsen. Der Arbeitstag begann morgens um sechs. Als erste Amtshandlung soll der Badedoktor den Zeiger des Kurhausbarometers zurückgestellt haben. Die Leute sollten gut gelaunt und in der Hoffnung auf Wetterbesserung in den Tag starten. Weiblichen Heil- und Erholungssuchenden pflegte er eine frisch und eigenhändig gepflückte Blume zu überreichen. Am späten Vormittag eilte Bensen mit einem Einspänner durch den Harrl, um seine Bückeburger Patienten zu versorgen. Nachmittags ging es die gleiche Tour zurück.

Um das Leben und Wirken des Geheimen Medizinalrats rankten sich schon bald zahlreiche Legenden. Überregional bekannt wurde er durch seine 1894 verfasste Schrift „Bad Eilsen und seine Heilquellen, kurz beschrieben zur Orientierung für Kurgäste und Ärzte“. Die originelle Lektüre ermöglicht orts- und kulturgeschichtlich interessierten Zeitgenossen einen kurzweiligen und ungeschminkten Einblick in das Leben und Treiben im damals noch dörflich geprägten, heimischen Erholungsort.

Die meisten der jährlich bis zu 2000 anreisenden Gäste kamen laut Bensen aus Friesland, Hamburg und Bremen. Sie fuhren mit dem Zug bis Bückeburg und stiegen dann in die kaiserliche Postkutsche um. Der Postillion fuhr dreimal am Tag durch den Harrl hin und her. Die komfortabelsten der rund 200 Übernachtungsmöglichkeiten boten die fürstlichen Logierhäuser an. Die Neuankömmlinge wurden von einem Portier begrüßt. Um den Roomservice kümmerten sich „Hausmädchen in Landestracht“.

Zum Standard-Kurprogramm gehörten vor allem Schwefel- und Schlammbäder. Meist standen in einer Badestube drei bis vier Wannen nebeneinander. Bei den Schlammwannen konnte man zwischen erster und zweiter Klasse wählen. Die Erholung suchenden stiegen über eine Steintreppe in den Sud. Der war vorher mittels Wasserdampf auf 35 Grad angewärmt worden. Eine Sitzung dauerte knapp eine Stunde. Die Patienten setzten sich fünf Tage hintereinander in den für sie angerichteten Brei.

Weiblichen Badegästen riet Bensen vor dem Eintauchen zur Vorsicht. Der Schwefelwasserstoff „reagiere unheimlich auf cosmetische Mittel“. „Er liebt das Strahlende zu schwärzen, besonders die Schminke, und gibt dem gefärbten Haare eine Couleur, die dem Besitzer sehr fatal ist“. Auch Schmucksachen sowie Silber- und Goldlegierungen würden in Mitleidenschaft gezogen. Man solle jedoch – quasi als Andenken – ein Markstück „anschwärzen lassen“. Damit könne man überall vorzeigen, dass man in Eilsen gewesen sei.




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