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Zukünftig mehr Pendler wegen Fachkräftemangels vor Ort / Hannoveraner pendelt täglich nach Ohr

„Schnell zum Umziehen nach Hause geht nicht“

Ohr (ll). Nach fast zehn Jahren Berufspendlertum hat sich Dr. Roland Goslich an die täglichen Mechanismen seiner Erwerbstätigkeit gewöhnt. Mittlerweile haben sich seine Arbeitszeiten dem täglichen Takt der Stadtbahn angepasst.

Spätestens drei Minuten vor der vollen Stunde ist es für den promovierten Chemiker, der als Öffentlichkeitsbeauftragter im Solarforschungsinstitut in Ohr arbeitet, höchste Zeit, Feierabend zu machen. Wird es später, wird es auch meistens sehr eng: Roland Goslich ist auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Die Stadtbahn, die Goslich jeden Tag von seinem Arbeitsplatz zu seinem Wohnort in der Landeshauptstadt Hannover bringt, wartet nun einmal nicht extra auf ihn. Pünktlich, um zehn Minuten nach, ist Abfahrt vom Gleis 2 des Emmerthaler Bahnhofs Richtung Hannover. Goslich bleiben also knappe 13 Minuten, um den rund fünf Kilometer langen Weg zwischen dem Solarforschungsinstitut in Ohr und dem Bahnhof in Emmerthal zurückzulegen. Von Wind und Wetter darf sich der 54-Jährige nicht beeindrucken lassen – denn er ist mit dem Fahrrad unterwegs. „Das sind die Zumutungen des normalen Lebens“, sagt Goslich. Und er macht dabei nicht den Eindruck, als schränkten ihn widrige Umstände in seiner Mobilität ein. Von der Pforte des Solarinstituts zur eigenen Haustür braucht Goslich etwa 80 Minuten – jeden Tag gleich zwei Mal.

Wie Roland Goslich ergeht es zahlreichen Berufspendlern aus dem Landkreis, die in ländlicher Region arbeiten und in der Großstadt wohnen – und dabei täglich viel Zeit, Geld und einige Kilometer hinter sich lassen. Die schrumpfende Erwerbsbevölkerung und der Mangel an Fachkräften deuten auch in Zukunft auf eine zunehmende räumliche Mobilität in der Arbeitswelt hin.

Wenn Roland Goslich nach einem langen Arbeitstag endlich zuhause in Hannovers Stadtteil List angekommen ist, kann er bedenkenlos den Feierabend und das Familienleben einläuten. Denn durch die tägliche Berufspendelei habe sich auch Goslichs Arbeitsorganisation verändert. „Ich habe gelernt, meine Arbeit besser zu organisieren“, sagt der Chemiker. Die Zeit, die er für die Fahrt von Hannover nach Emmerthal benötigt, nutze er meist für berufliche Tätigkeiten, für die sonst wenig Platz blieben.

Das Pendeln habe zu mehr Familienleben geführt, ist sich Goslich sicher. Denn letztlich sorge die tägliche Pendelei für eine striktere Trennung von Beruf und Familienleben. „Gute Organisation ist alles“, meint Goslich. Schwierig werde es dann, wenn unvorhergesehene „Unglücksfälle“ eintreten. Er erinnert sich an eine kaffeebefleckte Hose vor einem wichtigen Termin, als er „nicht einfach schnell zum Umziehen nach Hause konnte“ und an das vergessene Handy, dass letztlich dann doch auf dem Küchentisch in Hannover liegen blieb – auch das sind die Schattenseiten räumlicher Mobilität.

Seit über 20 Jahren lebt der promovierte Chemiker bereits in Hannover. Darüber, seinen Wohnsitz näher an seine Arbeitsstätte zu legen, habe er zwar schon nachgedacht, aber nie wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen.

„Ich bin gebürtiger Berliner“, sagt Goslich. „Mit dem Leben in einer Kleinstadt oder auf dem Lande hätte ich Schwierigkeiten.“ Schon immer sei er ein Stadtmensch gewesen.

Das vermeintlich vielfältigere kulturelle Angebot in den Großstädten sei für Goslich nie ein Argument pro Großstadt gewesen. Er berichtet aus seinen Berliner Zeiten: Direkt am Ernst-Reuter-Platz habe er gewohnt, drei Theater in einem schmalen Umkreis von 500 Metern sorgten da für kulturelle Vielfalt. Das große Angebot hätten Goslich und seine Frau aber nur wenig wahrgenommen. Seinen Wohnsitz ins Weserbergland zu verlagern, ist für den gebürtigen Berliner zwar denkbar, aber ganz sicher keine langfristige Option. „Für zwei oder drei Jahre wäre auch das eine spannende Sache“, sagt er. Langfristig jedoch ziehe er das Leben in der Großstadt vor. Noch hat der 54-Jährige einige Jahre Erwerbsarbeit vor sich. Wenn die wohlverdiente Rente ansteht, sieht es heute ganz so aus, als werde sich Roland Goslich die Großstadt auch als Altersruhesitz wählen. „Berlin, Hamburg oder Rostock sind die Favoriten“, erzählt Goslich. Am besten kann er sich jedoch mit Berlin anfreunden. „Ich würde dann zu meinen Wurzeln zurückkehren, und soziale Kontakte sind auch noch vorhanden.“

Nach getaner Arbeit steigt Dr. Roland Goslich in die S-Bahn Richtung Hannover.

Fotos: ll




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