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Abtauchen in den japanischen Alpen – in der Region Chubu finden Besucher heiße Quellen, zutrauliche Affen und Vulkane

Schlürfen und Schlurfen gehören hier zum guten Ton

Japan entdecken, heißt baden gehen. In keinem anderen Land kann man stilvoller abtauchen. Gerne vor Bergkulisse, nackt und bei mindestens 40 Grad Wassertemperatur.

Von Kamikochi besteigen manche Japaner die umliegenden Dreitause

Autor:

Wiebke Ramm

Ein leichter Schwefelgeruch liegt über Hirayu, dem Bergort östlich von Takayama in der Präfektur Gifu. Die Erde dampft. In dünne Baumwollkimonos, sogenannte Yukatas, gehüllt und mit Frotteepuschen an den Füßen schlappt eine Gruppe Japanerinnen vorbei. Jeder Japanreisende sollte ihr folgen, denn sie weist den Weg zum nächsten Onsen, einer heißen Quelle vulkanischen Ursprungs.

Das Bad im Onsen gehört zum japanischen Alltag – wie grüner Tee, Stäbchen und die angedeutete Verbeugung. Für manche gilt es sogar als einziger unverfälschter Aspekt ihrer Kultur, unbeeinflusst vom asiatischen Festland. Der Grund ist die besondere geografische Lage. Gleich drei Erdplatten stoßen unter dem japanischen Archipel aneinander. Ein unangenehmer Effekt sind häufige Erdbeben, ein angenehmer die heißen Quellen, die zu Tausenden sprudeln und denen heilsame Wirkung zugesprochen wird. 90 Grad heiß kommt das Wasser aus dem Erdinnern. Zahlreiche Quellen finden sich in Chubu. Zu dieser Region gehören auch die Toyota-Stadt Nagoya, Japans ältester Schrein (der Ise-Schrein) sowie der Fuji, der berühmteste Berg des Landes.

Onsen-Bäder gibt es in allen Variationen: in der freien Natur, in schlichter Hallenbad-Anmutung und besonders edel. In traditionellen japanischen Hotels, den Ryokans, gehören sie zur Grundausstattung. In fast allen baden Frauen und Männer getrennt. Der Besuch in einem Onsen vollzieht sich nach einem festen Ritual. Und ein Gaijin – ein Fremder – tut gut daran, sich mit diesem vertraut zu machen.

Hat man die erste Hemmung und damit die Kleider abgelegt, lautet die wichtigste Regel: Vor dem Baden steht das Waschen. Dazu reiht sich in den Onsen-Bädern Waschplatz an Waschplatz. Hüllenlos mit einem kleinen Handtuch in der Hand, nimmt der Onsen-Gast auf einem Hocker Platz, seift sich gründlich ein und spült sich – und möglichst nicht auch die mitbadenden Frauen! – mithilfe hölzerner Schüsseln sorgfältig ab. Vom Alltagsschmutz befreit geht es ins Quellwasser. Das sollte behutsam geschehen, denn das Wasser ist heiß, und viele Japaner kennen Geschichten von wagemutigen Europäern, deren Kreislauf kollabiert ist. Also: Vorsichtig einsteigen und nicht zu lange verweilen! Inmitten von Japanerinnen allen Alters ignoriert man nun höflich die gegenseitige Nacktheit und entspannt dösend im dampfenden Wasser. Besonders schön ist ein solches Bad im Freien vor Bergkulisse bei sternenklarer Nacht.

Ganz in der Nähe von Hirayu liegen die japanischen Alpen, die Bergkette, die sich von Nagano aus nach Südwesten über den Rücken von Japans Hauptinsel Honshu zieht. Sie ist von Tokyo und Nagoya aus gut zu erreichen. Ende des 19. Jahrhunderts war der englische Missionar und Bergsteiger Walter Weston derart begeistert von der Landschaft, dass er für das Hida-Gebirge im Norden, die Kiso-Bergkette und das Akaishi-Gebirge im Süden den Begriff Alpen prägte.

Zentrum der japanischen Alpen ist Kamikochi, ein idyllischer Ferienort nahe Matsumoto in der Präfektur Nagano. Kamikochi liegt in einem knapp zehn Kilometer langen Tal am Ufer des Asuzagawa.

Die meisten Besucher spazieren in den Buchenwäldern den Fluss entlang, vorbei an vielen Japanern, die das Panorama in Aquarell festhalten. Makaken kreuzen die Wege. Die Affen sind Menschen gewohnt und lassen sich in Ruhe beobachten. Wobei unklar bleibt, wer wen interessierter beguckt. Ein leichter Duft nach geschmolzenem Zucker liegt in der Luft. Er kommt von den Zuckerbäumen, die dort wachsen. Die meisten Spaziergänger haben Glöckchen an ihren Rucksäcken. Das Gebimmel soll Schwarzbären auf Abstand halten, die in den Bergen leben. So sagen es jedenfalls die Bergführer.

Wer die Berge nicht nur bewundern, sondern besteigen möchte, gelangt von Kamokochi aus über Wanderwege auf die Dreitausender, die Kamikochi umschließen: den Hotakadake (3190 Meter), den Yarigatake (3180 Meter) und den Yakedake (2455 Meter). Letzterer ist ein aktiver Vulkan. Mit dem Fernglas ist von weitem zu erkennen, wie der Rauch aus dem Krater steigt: Japans Erde brodelt.

Ein Besuch in der Berglandschaft zeigt, dass das Land weit mehr ist als Tokio und keineswegs gleichbedeutend ist mit Menschenmassen, die sich in U-Bahnen drängen. Doch Japan zu verstehen ist so leicht, wie ungeübt Buchweizennudeln mit Stäbchen zu essen. Dass Englisch nicht verbreitet ist, macht es für alle, die kein Japanisch beherrschen, nicht einfacher. In Japan tragen selbst Taxifahrer Anzug und Krawatte, gehören Schlürfen und Schlurfen trotzdem zum guten Ton, ist Höflichkeit alles, verbeugt sich jeder vor jedem und dürfen Manager während einer Konferenz selbstverständlich einnicken. Doch: „Es geht nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, etwas zu erfahren“, hat David Lynch, filmschaffender Meister des Abstrakten, mal gesagt.

Anreise: Nach Tokio und Nagoya ab Frankfurt per Direktflug oder über Helsinki. Die Flugzeit dauert rund zwölf Stunden.

Beste Reisezeit: Im Frühjahr blühen die Kirschbäume. Im Herbst setzt die Laubfärbung ein. Im Winter kann es kalt werden, im Sommer heiß.

Weitere Informationen: Japanische Fremdenverkehrsorganisation, Kaiserstr. 11, 60311 Frankfurt, Tel. (0 69) 2 03 53, im Internet: www.jnto.de.

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