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Schlosskauf per Höchstgebot am Telefon

Just ruft der Auktionator „Position zwei“ zur Versteigerung auf, da betritt Heinrich Gruber den Saal des Kölner Hilton-Hotels. In der linken Hand trägt Gruber eine abgewetzte Aktentasche aus Leder. Der Mann mit dem grauen längeren Haar und Schnauzbart ist keiner, der sich unbedingt reibungslos einfügt in das feine Ambiente des Nobelhotels am Hauptbahnhof. Heinrich Gruber, gebürtiger Österreicher, Metallbauer von Beruf, steht eher für den „rustikalen Typ“, er ist als Noch-Eigentümer des Schloss Arensburg in Steinbergen nach Köln gekommen.

Lars Lindhorst

Autor

Lars Lindhorst Ressortleiter zur Autorenseite

In wenigen Minuten wird sich entscheiden, ob das Schloss an der Autobahn, das Gruber vor gut zwei Jahren erworben und vor wenigen Monaten noch zum „Notverkauf“ angepriesen hatte, einen neuen Besitzer findet.

Der Eigentümer von Schloss Arensburg setzt sich nicht in die Stuhlreihen, wo rund 100 andere Auktions-Interessenten platzgenommen haben, sondern geht nur ein paar Schritte über den rotgoldenen Teppich des Tagungssaals im Kölner Hilton und stellt sich nach ganz hinten an einen runden Stehtisch.

38 Immobilien und Grundstücke werden an diesem Tag von der „Westdeutschen Grundstücksauktionen GmbH“ versteigert. Das Schloss Arensburg kommt an „Position sechs“ an die Reihe und ist eines der Objekte, die zu einem relativ hohen Preis unter den Hammer kommen sollen. Das Mindestgebot liegt bei 188 000 Euro.

Auch Heinrich Gruber bekommt mit, dass sich die potenziellen Käufer nicht im wahren Rausch gegenseitig mit Höchstpreisen überbieten. Die 55-Quadratmeter-Eigentumswohnung in Giesenhausen im Weserwald, die an „Position zwei“ versteigert wird, kommt für gerade einmal 2000 Euro unter den Hammer. Das darauf folgende erschlossene Baugrundstück in Hallenberg an der Bergstraße – immerhin 1500 Quadratmeter groß – wechselt für 15 000 Euro den Besitzer.

„Zum Aufruf kommt Position sechs – das Schloss Arensburg in Rinteln“: Auktionator Hans Peter Plettner kündigt die Versteigerung des Steinberger Schlosses an. Der 70-jährige Vorstand der Auktionsgesellschaft ist erfahren im Geschäft, aber auch ihm ist anzumerken, dass er es nicht täglich mit ganzen Schlössern zu tun bekommt. Grundsätzlich gibt es für Bieter die Möglichkeit, ein schriftliches Angebot im Vorfeld der Auktion abzugeben. „Ich stelle fest, es gab einige schriftliche Mindestgebote“, sagt Plettner. Diesen Geboten würde der Zuschlag erteilt, wenn während der Auktion niemand mehr bieten würde.

Am Tisch neben dem Pult des Auktionators sitzen vier Mitarbeiterinnen des Versteigerungsunternehmens. Vor ihnen stehen Telefone auf dem Tisch. Ihre Aufgabe ist es, Angebote von Bietern, die nicht persönlich im Hilton erschienen sind, telefonisch anzunehmen und im Kundenauftrag mitzusteigern. Eine der jungen Damen ist im Gespräch vertieft. Sie hat einen potenziellen Käufer für Schloss Arensburg an der Strippe.

„Das Mindestgebot liegt bei 188 000 Euro. Gibt es höhere Gebote?“ Bei Geboten in dieser Höhe hat Auktionator Plettner Steigerungsschritte beim Bieten in Höhe von 2000 Euro festgelegt. In der letzten Sitzreihe hebt ein Mann den Arm. „Ich sehe ein Gebot von 190 000 Euro von dem Mann in der letzten Reihe“, sagt Plettner. „Höre ich mehr?“ Der Auktionator schlägt mit einem Hammer aus Holz auf sein Pult. „Zum Ersten. Höre ich mehr?“ Niemand Weiteres meldet sich – nur die junge Dame am Telefon hebt hektisch ihre Hand. „192 000“, ruft sie Plettner zu. Mit einem Blick in die hinterste Sitzreihe sagt dieser: „Es sind 192 000 Euro geboten. Höre ich mehr?“ Wieder hebt der Mann in der letzten Sitzreihe seinen Arm. Die junge Dame gibt diese Information am Telefon weiter. 196 000 müsste ihr Gesprächspartner jetzt bieten. Das macht er auch – und wieder hebt die Frau am Telefon ihren Arm: „196 000.“

Das Hin und Her wiederholt sich. Es dauert einige Minuten und mehrere Hammerschläge, bis die Entscheidung endgültig gefallen ist. Bei 254 000 Euro bleibt der Arm des Mannes in der letzten Sitzreihe unten. „254 000 Euro zum Dritten.“ Plettner schlägt mit dem Holzhammer erneut auf das Pult. „Verkauft.“ Position sechs ist erledigt.

„Der Zuschlag ist endgültig und unwiderruflich erteilt“, sagt Auktionator Plettner. Das Schloss Arensburg geht an den unbekannten Bieter am Telefon. In Heinrich Grubers Gesicht regt sich nichts. Er steht ruhig an seinem Stehtisch.

Gleich nach der Auktion von Position sechs eilt der Auktionator in ein Hinterzimmer. Dort sitzt ein Notar und bereitet die juristischen Formalien der Versteigerung vor. Wie sich erst später herausstellt, ist die neue Besitzerin des Schlosses Arensburg eine Geschäftsfrau aus Nordrhein-Westfalen. Unter ihrem Kaufvertrag wird sie nicht nur die Unterschrift von Heinrich Gruber finden, sondern auch die eines gewissen „Konrad Adenauer“. Denn der ist der für die Auktion zuständige Notar. Es ist nicht der Konrad Adenauer, nicht der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, sondern sein Enkel.

Für die Käuferin von Schloss Arensburg sind zehn Prozent des Zuschlagspreises, rund 25 000 Euro, sofort fällig. Den Restkaufpreis muss die neue Eigentümerin innerhalb von vier Wochen zahlen. Plettners Auktionsgesellschaft verdient an der Versteigerung von Schloss Arensburg natürlich mit: etwa 18 000 werden als Courtage fällig.

Heinrich Gruber steht immer noch an seinem Stehtisch. Von Traurigkeit oder Sentimentalität keine Spur, von Jubel auch nicht. Er wird sich nicht gänzlich von der Arensburg verabschieden müssen. Zur Versteigerung stand die Schlossanlage, rund sechs Hektar groß. Den Wald drumherum mit rund 14 Hektar und die landwirtschaftliche Fläche, wo Rinder und Esel weiden, wird der einstige Schlosseigentümer Gruber behalten.

Er könne gut von den jährlichen Holzerträgen leben, sagt Gruber. „Das sind meine Zinsen“, meint er kurz und knapp. Dann nimmt er sich seine schwarze Aktentasche und verlässt den Saal des noblen Hotels. Die Auktion von „Position sieben“ interessiert Heinrich Gruber nicht mehr. „Ich gehe jetzt erstmal was essen.“

Das Schloss Arensburg in Steinbergen wechselt für 254 000 Euro den Besitzer. Bei einer Auktion in Köln wurde es an den Höchstbietenden versteigert. Unsere Zeitung war mit dabei und hat hingeschaut, was bei der Versteigerung im noblen Hilton-Hotel passiert ist und welche Rolle ausgerechnet Konrad Adenauer dabei gespielt hat.

„Zuschlag ist endgültig und unwiderruflich“




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