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Neue Serie „Unser Fluss“ / Heute: Streik an Hamelner Schleuse lässt Rintelner „Weserpiraten“ stranden

Schlag ins Wasser

Vincent Kretschmann ist außer Atem. Gerade hat er mit rund 30 anderen Jugendlichen aus Rinteln die „Störtebeker“ wieder zu Wasser gelassen. Das Schlauchboot wiegt fast eine halbe Tonne. Kretschmann und die anderen „Weserpiraten“ gehören an diesem Sommertag zu den Leidtragenden des Streiks, in den die Beschäftigten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) getreten sind (wir berichteten). Es ist ein Streik der Gewerkschaft ver.di, die einen massiven Jobabbau befürchtet. Es ist ein Streik, mit dem die Gewerkschaft auch die Sportler auf der Weser nass macht.

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VON ROBERT MICHALLA
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Binnenschiffer bundesweit müssen sich derzeit vor geschlossenen Schleusen gedulden. Seit Dienstag sitzen Dutzende Schiffskapitäne auf den wichtigsten Wasserstraßen und Zubringern fest. Grund für den Streik ist der geplante Umbau der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, dem nach Befürchtungen der Gewerkschaft bis zu 3000 der 12 000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten. Die Arbeitnehmervertreter fordern daher eine tarifvertragliche Regelung, die unter anderem betriebsbedingte Kündigungen ausschließt.

Es ist Dienstagmittag an der Hamelner Schleuse. Doch die ist nicht besetzt, der Schleusenwärter hat aus Protest seine Arbeit niedergelegt. Es kommt, wie es kommen musste und aus Sicht der Gewerkschaft auch kommen sollte: Mehrere Freizeitkapitäne stranden. „Seit 62 Jahren machen wir jetzt diese Schlauchbootfahrt“, sagt Heiko Buitkamp, „aber es ist das erste Mal, das wir hier schleppen müssen.“ Buitkamp ist Pastor der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Rinteln. In diesem Jahr rudert die Gruppe auf zwei großen Schlauchbooten, der „Störtebeker“ und der „Poseidon“, die Weser flussabwärts. Gut 30 Mann sitzen an Bord, darunter auch Vincent Kretschmann. Die Strecke führt elf Tage lang von Hannoversch Münden bis nach Rinteln vorbei an der Hamelner Schleuse, deren Tore für die Rintelner in diesem Jahr verschlossen bleiben. Dabei weiß sich die Gruppe jedoch in guter Gesellschaft.

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Allein vor der gesperrten Schleuse am Elbe-Seiten-Kanal in Uelzen hätten bis gestern Mittag 36 Schiffe und zahlreiche Sportboote gelegen, sagt eine Mitarbeiterin der Schifffahrtsverwaltung. Auch bei Salzgitter gehe nichts mehr. In Hannover sollte die Hindenburg-Schleuse wieder geschlossen werden. Im Ortsteil Anderten saßen zeitweise zehn Schiffe fest. Der Verkehr zur Mittelweser und umgekehrt ist für die Berufsschifffahrt gar nicht mehr möglich. Insgesamt wurden auf dem westdeutschen Kanalnetz 21 Anlagen bestreikt, die Schifffahrt ist dort völlig zum Erliegen gekommen. Allein vor der Schleuse in Duisburg-Meiderich waren bis Mittwochmittag 93 Schiffe blockiert. Der Streikaufruf wurde nach ver.di-Angaben in allen Bereichen der Behörde gut befolgt. Er lähme den Binnenschiffverkehr nachhaltig.

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Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt kritisiert den Streik als unangemessen hart. Täglich seien schätzungsweise 200 Schiffe betroffen, wenn allein alle Schleusen zu den Nebenwasserstraßen des Rheins in Deutschland bestreikt würden. Grob kalkuliert belaufe sich der Schaden eines liegenden Schiffes auf bis zu 2000 Euro täglich. Dabei leiden besonders die kleinen Reedereien ohnehin unter den harten Zeiten in der Binnenschifffahrt. 2012 transportierten deutsche Schiffe laut Bundesverband Binnenschifffahrt noch 70,6 Millionen Tonnen Güter. Fünf Jahre zuvor waren es fast 20 Prozent mehr. Was Kretschmann und seinen Pastor am meisten wundert, ist, dass sie von dem Streik im Vorfeld so gut wie nichts mitbekommen haben. Das erste Mal überhaupt auf das Thema aufmerksam geworden seien sie beim Frühstück, als das Radio gelaufen sei. Doch da war es schon zu spät für die Rintelner „Weserpiraten“, die Schleuse war bereits dicht. „Ich habe versucht, hier anzurufen, aber es hat keiner abgenommen“, sagt Buitkamp. Und auch beim Wasser- und Schifffahrtsamt stehen die Zeichen schon voll auf Streik, dort meldet sich nur noch der Anrufbeantworter – und der kann keine Schleusen öffnen. Pech für die Rintelner und die anderen Wassersportler.

Nach den Plänen von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) spielt die Transportschifffahrt zwischen Minden und Hannoversch Münden bald keine Rolle mehr. Der Güterverkehr auf dem Fluss habe ausgedient, argumentiert der Minister, der bis 2020 eine grundlegende Neuorganisation der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung ins Auge fasst. Demnach soll auf der Oberweser fast nur noch „Wassertourismus“ stattfinden. In spätestens sieben Jahren soll das, was jahrhundertelang das Leben entlang und auf der Oberweser bestimmt hat, Geschichte sein.

Der Bund ist für die Verwaltung der Bundeswasserstraßen zuständig. Darunter fallen etwa 23 000 Quadratkilometer Meerfläche und rund 7300 Kilometer Binnenwasserstraßen. Die Weser steht mit einer Strecke von 204 Kilometern zwischen Hannoversch Münden und Minden (Oberweser), 362 Kilometern zwischen Minden und Bremen (Mittelweser) und ab Bremen bis zum Meer (Unterweser) auch unter Bundesverwaltung. Doch während nach den Plänen Ramsauers Unter- und Mittelweser künftig in förderungswürdige Kategorien fallen, geht die Oberweser leer aus. Das Transportaufkommen auf dem Flussabschnitt sei zu gering, um in den Ausbau zu investieren, heißt es beim Ministerium. Nur dort, wo viel Transportverkehr stattfindet, wird noch Geld ausgegeben.

Vor Ort stehen die Zeichen längst auf Sturm. Der Schaumburger Kreistag hatte sich erst vor Kurzem für den Ausbau der Mittelweser und gegen die Herabstufung der Weser zwischen Bremen und Minden ausgesprochen. Die Resolution, die die Kreispolitiker verabschiedeten, hat einen ähnlichen Wortlaut wie Resolutionen der Kreise Nienburg und Minden-Lübbecke. Für den Erhalt einer funktionierenden Wasser- und Schifffahrtsverwaltung in Hannoversch Münden mit der Außenstelle in Hameln hatte sich auch der Hameln-Pyrmonter Kreistag starkgemacht.

Die Beschäftigten wollen ihren Streik heute fortsetzen. „Es wird überall weitergehen mit dem Streik, mit Ausnahme des ver.di-Bezirks Weser-Ems“, sagt eine Gewerkschaftssprecherin. Die „Weserpiraten“ bleiben gelassen. „Aufgeben ist ja keine Lösung“, meint Kretschmann über das Schlauchbootschleppen. Die Beschäftigten denken sicherlich ähnlich.

Geschlossene Schleusen auf allen Kanälen: Ein Streik hat den Schiffsverkehr lahmgelegt. Die Mitarbeiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung fürchten um ihre Jobs, auch in Hameln. Doch welche Forderungen stellt die Gewerkschaft? Was sagen die Betroffenen? Und wie verhält sich die Politik? Ein Wasserstandsbericht.

„Ich habe versucht, hier anzurufen, aber es hat keiner abgenommen.“ Die Jugendlichen aus Rinteln schleppen ihr Schlauchboot „Störtebeker“ über die Wiese neben der Hamelner Schleuse.Dana

Wie auch an anderen Stellen steht in Hameln eine sogenannte Selbstbedienschleuse für Freizeit-Skipper offen. Für große Schlauchboote ist die schmale Rinne allerdings ungeeignet (Foto links). Die Karte zeigt die Binnenwasserstraßen in Deutschland.Dana/dpa




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