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Politisches Verstandeschristentum des Seniors prallte auf pietistischen Erweckungsbewegung

Schläger und Spitta trennten religiöse Welten

von Bernhard Gelderblom

Die in Hannover errichtete Blindenanstalt.  (Quelle Flemming, Se

Fortsetzung und Schluss des Beitrages: „Schläger, ein Vorkämpfer der praktischen Vernunft“, vom 2. Mai 2009.

Senior Schläger war ein aufgeklärter, liberaler und mutiger Bürger und Kirchenmann, der in politisch schwierigen Zeiten bürgerliches Selbstbewusstsein vorlebte und „Bürgersinn“ einforderte. Doch über die Hamelner Aktivitäten verlor Schläger nicht den Blick für große Projekte. Für seine politischen Überzeugungen war er auch bereit, Konflikte einzugehen und riskierte Niederlagen. Schlägers wichtigstes publizistisches Projekt waren die „Gemeinnützigen Blätter für das Königreich Hannover“, die seit 1825 erschienen. Sie sollten Raum für Erörterungen und Debatten bieten, „alle vaterländischen Bedürfnisse“ von mehreren Seiten beleuchten, schildern, was an Fortschritten geschieht, was an Verbesserungen nötig sei, dies in einer „edlen Sprache“ tun und die „besten Köpfe des Vaterlandes“ verbinden.

Verteidiger der Pressefreiheit

Schläger schrieb viel selbst; politische Themen waren nicht zu vermeiden. Gegen die bestehende Zensur verteidigte er die Pressefreiheit. Sie trage zur Aufklärung bei und sei Bedingung für Fortschritt. Eine Regierung, die ihre Aufgaben erfülle - wie die hannoversche - brauche sie nicht zu fürchten.

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Psalter und Harfe. Eine Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung von Carl Johann Philipp Spitta. Erstausgabe Pirna 1833.

Schläger hatte stets den Anspruch, die Bürger aus der passiven Untertanenexistenz zu befreien. Beide - Regierung wie Regierte - müsste „Vaterlandsliebe“ beseelen. Wenn die Regierung „weise“ den Fortschritt förderte, werde es keine Unruhen geben. In seinem fast uneingeschränkten Vertrauen in die Obrigkeit werden aus heutiger Sicht Schlägers Grenzen deutlich. Weil die politischen Beteiligungsmöglichkeiten im Königreich Hannover extrem gering waren, blieben Konflikte mit der Zensur nicht aus. Die von Schläger erhoffte politische Mobilisierung gelang nicht. Der Absatz der „Gemeinnützigen Blätter“ stockte, und Schläger musste die Zeitschrift 1934 einstellen. 1837 veröffentlichte Schläger eine Artikelfolge unter dem Titel: „Eine Unterrichtsanstalt für Blinde fehlt uns noch!“. Dem Aufruf folgte ein reicher Spendensegen. 1840 - Schläger hatte den Bau für Hameln bereits konkret geplant - nahmen ihm König und Regierung das Projekt aus der Hand. Die Blindenanstalt wurde königliche Anstalt, von der Regierung und aus des Königs Privatschatulle großzügig gefördert und in Hannover erbaut. Tief enttäuscht stellte Schläger seine Mitarbeit ein. Schlägers Verdienste um die Blindenbildung hat die 1845 eingeweihte Anstalt aber immer hoch geachtet; bis heute sieht sie in ihm ihren eigentlichen Gründer. In Nähe der ersten Blindenanstalt wurde eine Straße nach ihm benannt. Es zeichnet Schläger aus, dass er seinen Gram überwand und der Anstalt seine Zuneigung bewahrte.

„Schwärmer und Mystiker“

1830 kam in die Stadt, deren geistiges Leben Schläger wie ein ungekrönter König beherrschte, ein junger neunundzwanzigjähriger Geistlicher, Carl Johann Philipp Spitta. Er vertrat den erkrankten Garnisonsprediger Lüder und war für die Garnison und die Stockhofhäftlinge zuständig. Spitta gehörte der pietistischen Erweckungsbewegung an. Zahlreich kamen die Bürger zu seinen Predigten in die Garnisonkirche. Bald erschienen in den Hamelnschen Anzeigen anonyme „Ausfälle“ gegen Spitta. Vom jungen „Schwärmer und Mystiker“ war die Rede, „der die Leute verrückt macht, dass sie nicht ein und aus wissen“. Ohne Zweifel stand Schläger hinter diesen Angriffen. Spittas Anziehungskraft wuchs weiter. Vergeblich zeigten die Stadtgeistlichen Spitta beim Konsistorium in Hannover an. Schließlich wurde Spitta auf Betreiben des Hamelner Stadtkommandanten versetzt, der sich über dessen „pietistisches Tun und Treiben“ beschwert hatte.

Nicht nur Neid und gekränkte Eitelkeit

Bei den Feindseligkeiten zwischen den beiden Männern ging es nicht nur um Neid und gekränkte Eitelkeit auf Seiten Schlägers. Es waren tief gegensätzliche Verständnisse von Vernunft und Offenbarung, von Kirche und Christentum, die hier auf-

einandertrafen. Spittas innige Gläubigkeit stellte Schlägers Verstandeschristentum infrage. Seine Kritik, dass Schlägers Kirche sich verzettele, im Vereinswesen ersticke und ins Platte und Lächerliche ausarte, hatte eine gewisse Berechtigung. Schlägers Christentum war von Aufklärung und Ra-tionalismus geprägt und zielte auf das praktische Leben. Hauptaufgabe der Religion war die „Veredelung“ des Menschen durch Erziehung. Schlägers unglaubliche Aktivität erklärt sich daraus, dass ein naturwüchsiger Fortschrittsglaube ihn beseelte.

Schon in den Jahren vor der Revolution von 1848 konnte es Schläger angesichts seiner herausragenden Stellung wagen, politische Themen in sein Wochenblatt einzu-

rücken. Er druckte Artikel, in denen von Volkssouveränität, von Bürgern als Geschworenen, von Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeit der städtischen Verwaltung die Rede war. Dass der Magistrat darüber wenig beglückt war, zeigte eine „Censurlücke“ in einer September-Ausgabe von 1847. Obwohl Schläger selbst mit einer monarchisch-konstitutionellen Lösung sympathisierte, öffnete er die Spalten seines Blattes den links stehenden demokratischen Republikanern. Engagiert begleitete er die Formierung und Aktivität der Bürgerwehr und gab zur Gründung des „Volksvereins“ entscheidende Impulse, war selbst Gründungs- und Führungsmitglied.

Gründung einer Turnanstalt

1849 rief Schläger zur Gründung einer Turnanstalt auf. Da die Turner von der Obrigkeit demokratischer Bestrebungen verdächtigt wurden, galt von 1819-1842 eine „Turnsperre“. So war die Gründung des „Männerturnvereins“ tatsächlich ein mutiger Schritt. Schlägers zweitältesten Sohn Eduard wurde zum Vorsitzenden gewählt. Wenige Monate später - nach dem Scheitern der Revolution - musste dieser nach Amerika auswandern, weil er sich in Hameln überaus stark zugunsten der Revolution engagiert hatte.

Der junge Spitta in Hameln um 1830.



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