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Die Hamelner wurden vernichtend geschlagen und das Heer fast vollständig aufgerieben

Schlacht von Sedemünder

So unbedeutend sie für die Weltgeschichte vielleicht auch gewesen sein mag, so einschneidend war sie für die Stadt Hameln: Die Schlacht bei Sedemünder am „Tage Panthaleones“, am 28. Juli 1260. Der Verlust der „Jungmannen“ ging so tief, dass man Kollekten sammelte und alljährlich zu Hameln Seelenmessen für die Gefallenen lesen ließ.

Karte mit Umgebung des Schlachtfeldes von Sedemünder aus Fein „Die entlarvte Fabel ...“Foto Viktor Meissner

Autor:

Viktor Meissner

Sah man zu Beginn der „Erforschung der Rattenfängersage“ noch den Teufel selbst als Urheber der Kinderentführung, suchte der aufgeklärte Garnisonprediger Christoph Friedrich Fein in seiner 1749 veröffentlichten Schrift bereits nach realen Zeugnissen und fand sie im heute im Museum Hameln befindlichen sogenannten Neuetor-Stein, mit dessen Hilfe er durch Deutungen den sagenhaften Kinderauszug in das Jahr der Schlacht verlegte und diese als Ursache für das Verschwinden der „Hamelner Kinder“ erklärte. Dass er sich dabei um einige Jahrzehnte „verrechnete“ störte ihn nicht weiter. – Wir wissen es heute besser: Die wahrscheinlichste Erklärung ist ein Kolonisationszug gewesen. Was aber war mit der Schlacht bei Sedemünder, in der ein Hamelner Bürgerheer vollkommen aufgerieben wurde?

Der Anlass dazu lag ein Jahr zurück. Am 13. Februar 1259 nämlich verkaufte der Abt von Fulda das Stift und die Stadt Hameln „nebst allem Zubehör“ an den Bischof von Minden für 500 Mark reinen Silbers. Der Begriff „Mark“ bedeutete damals keine Münz- sondern eine Gewichtseinheit, es ging also um etwa 500 Pfund oder 250 Kilogramm reines Silber. Die Summe wurde in zwei Teilbeträgen bezahlt und am 2. Mai 1260 beurkundete der Kölner Erzbischof, der in den Handel eingebunden war, die komplette Zahlung. Noch am gleichen Tag wurden Stift und Stadt angewiesen, sich dem Bischof Wedekind von Minden als künftigen Hoheitsträger zu unterstellen und ihm zu huldigen und das passte den Hamelnern überhaupt nicht.

Fulda wusste seit langem, dass es in Hameln nicht mehr viel zu sagen hatte, weder im Stift noch in der Stadt. Die Entfernung war auch zu groß, als dass man die junge aufstrebende und immer mächtiger werdende Stadt unter Kontrolle hätte halten können. Die früheren Bindungen standen nur noch auf dem Papier bzw. Pergament und die Proteste Fuldas überhörten die Hamelner geflissentlich.

Glasfenster im Erker des Hochzeitshauses nach einer Vorlage von Rudolf Riege (1892-1959) um 1932 und Text von Bernhard Flemes (1875-1940) Foto Viktor Meissner

Hameln war vor langer Zeit als Enklave des Stiftes Fulda gegründet worden. Durch die günstige Lage genau an dem Punkt, wo der alte Handelsweg die Weser überquerte wurde das Stift bald zu einem mächtigen Handelsherren. Aber mehr und mehr gingen Handel und Wirtschaft auf die bürgerlichen Kaufmanns- und Handwerkergilden über; Stift und Stadt hielten jedoch immer dann fest zusammen, wenn es galt, sich der Oberhoheit Fuldas zu entziehen.

Diese für das ferne Fulda stetig ungünstiger werdende Situation unterstützten aus Eigeninteresse seit dem 12. Jahrhundert nach Kräften die Grafen von Everstein, denen es gelang, die obere Gerichtsbarkeit über Stadt und Stift zu erlangen; seit 1234 hatten sie auch die weltliche Verwaltung des Hamelner Stiftes fest in Händen und damit bis hinauf nach Holzminden einen geschlossenen Machtbereich.

Allen dreien, Stift, Stadt und Eversteinern, verging Hören und Sehen als die Nachricht vom Verkauf wie eine Bombe einschlug.

Fulda hatte auf Anraten des Erzbischof Philipp zu Köln damit nur einen Schlussstrich unter eine Sache gezogen, die ohnehin nicht mehr zu retten war und so für sich noch das bestmögliche aus der Situation gemacht. Der Abt Heinrich zu Fulda ließ sich den Kölner Vorschlag gefallen, vergaß aber – vielleicht absichtlich – darüber, dass die Grafen von Everstein Vasallen der mächtigen Herzöge von Braunschweig waren, was sich später für den Bischof Wedekind von Minden als Käufer ziemlich nachteilig auswirken sollte.

Aus der fernen unbedeutend gewordenen Macht des Stiftes Fulda war Hameln nun in den Machtbereich des nahen Minden mit dem als streitbar gefürchteten Bischof Wedekind gelangt, dem selbst die mächtigen Eversteiner Grafen gerne aus dem Weg gegangen wären.

Es kam wie es kommen musste: Hameln, aufgehetzt durch die Eversteiner Grafen, weigerte sich den Verkauf anzuerkennen und widersetzte sich der Besitzergreifung, worauf Wedekind nicht lange zögerte und ein Heer gegen Hameln schickte um die Angelegenheit militärisch zu regeln.

Es haben sich einige wenige vom Schlachtfeld zurück nach Hameln retten können

Hameln erfuhr davon und stellte seinerseits ein Bürgerheer aus jungen Leuten unter der Aufsicht eines erfahrenen Anführers auf und zog auf der Heerstraße von Hameln in Richtung Springe hinaus aus dem Ostertor, um das feindliche Heer abzufangen.

Wie der Garnisonprediger Fein 1749 berichtet, teilte sich diese Straße noch zwischen den vor der Stadt liegenden Gärten. „Der eine Weg zur linken läuft zwischen dem Galgenberge und Koppenberge hinauf; der andre zur Rechten durchschneidet den Koppenberg. Dieser Durchschnitt machet zween mäßige Hügel, welche mit Büschen bewachsen sind. Auf dem zur Rechten (von Westen gesehen) hat ehedem ein Galgen, der jetzt umgefallen, gestanden, auf dem zur linken aber stehet ein Pfahl. Beide stoßen bald hernach auf dem Stadtfelde in die große Heerstraße wieder zusammen.“

Er schreibt weiter: „Wir verlieren diejenigen, so von hier nach Springe reisen, wir verlieren sie nämlich aus dem Gesichte; so bald sie die kleine Anhöhe des nahe vor der Stadt gelegenen Koppenberges überstiegen haben. Diesen Weg hatten die Bewaffneten von hieraus genommen.“ (So erklärt Fein das Verschwinden der Kinder „im Berg“.)

Beim Dorf Sedemünder unweit Springe trafen die beiden Heere am 28. Juli 1260 aufeinander. Es heißt, die Mindener hätten nicht die Deisterpforte versperrt, sondern wären den Hamelnern in den Rücken gefallen um ihnen einen eventuellen Rückzug zu verlegen. Einzelheiten zum Schlachtverlauf selbst sind nicht bekannt, wohl aber der Ausgang – die Hamelner wurden vernichtend geschlagen, das Heer fast vollständig aufgerieben und die wenigen Überlebenden gerieten in Mindensche Gefangenschaft.

Die Hamelner hatten möglicherweise zwei Fehler gemacht. Sie meinten zum einen, dem kampferprobten Mindener Heer in einer Feldschlacht begegnen zu können, zum anderen ließen sie den Schutz ihrer Stadtmauern sträflich außer Acht.

Es haben sich einige wenige vom Schlachtfeld zurück nach Hameln retten können, um zu berichten, was vorgefallen war. Der Schock in der Bevölkerung muss sehr tief gewesen sein, Fein berichtet, wie man die Trauer bewältigte: „Die betrübten Eltern und Verwanten vermachten für die Errettung der Seelen ihrer Kinder aus dem Fegefeuer von Hause zu Hause ein Seelengerähte (Geldspende für Seelenmesse) an die Kirchen. Daher ist eine iährliche Abgabe auf die Häuser in Hameln erwachsen, welche noch izt (im Jahr 1749) im Schwange und üblich ist.“ – Sprenger schreibt in seiner Stadtgeschichte, dass die Seelenmessen noch bis zur Einführung der Reformation 1540 in Hameln stattgefunden haben.

Die Gefallenen wurden vom Schlachtfeld geholt und regelrecht als Märtyrer in der damals gerade neu erbauten Markkirche in einem Massengrab beerdigt. Es war die erste Grablege in dieser Kirche überhaupt. Der genaue Ort unter dem Boden der Kirche ist heute allerdings nicht mehr feststellbar.

Der Wunsch, die in Minden festsitzenden Gefangenen frei zu bekommen, trieb die Hamelner dazu, unter Vermittlung der Grafen von Everstein mit den Herzögen Albrecht und Johannes von Braunschweig Kontakt aufzunehmen und diesen gelang es, den Bischof Wedekind von Minden zu einem Vertrag zu überreden, der bereits am 13. September 1260 geschlossen wurde, nachdem zuvor die Braunschweiger die Stadt Minden mit 600 Mann auserlesener Truppen belagert hatten, wie der Chronist Arnold von Polde 1384 berichtet. Sicher wollte man mit dieser Belagerung die Mindener gefügig machen.

Fein schreibt dazu: „Der Bischof getrauete sich nicht, die Sache mit diesen mächtigen Herren auszumachen. Als der Bischof nichts mehr vermogte, so theilte er sich mit den hochgemeldeten Herren Herzogen in den Besitz der Stadt, wie auch der Zubehörungen.“

Der Vertrag beinhaltete, dass jede der beiden Parteien, Bischof Wedekind von Minden und die Herzöge von Braunschweig, die Hälfte von allem bekamen, zusätzlich erhielten die Braunschweiger noch die Stadt Münder mit allen ihren Einkünften. Die eigentlichen Gewinner der Schlacht von Sedemünder waren damit wohl die Herzöge von Braunschweig, und das, ohne einen einzigen Schwertstreich geführt zu haben.

Den Braunschweiger Herzögen war diese Entwicklung sehr angenehm, nutzten sie doch jede Gelegenheit, das kleine Erbe Heinrichs des Löwen wieder zu vergrößern, wobei die Ländereien mit der Weser als Handelsweg von besonderem Interesse für sie waren. – Pech für die Grafen von Everstein; sie wurden in dem Vertrag gar nicht mehr erwähnt und behielten nur noch die Vogtei. Sie versuchten zwar etliche Jahre später, ihren Einflussbereich noch einmal auszuweiten, mussten 1277 aber auch die Vogtei an Braunschweig verkaufen und sich letztendlich auf die Stiftsprobstei beschränken.

Trotz des katastrophalen Ausganges der Schlacht brach für Hameln unter der Herrschaft der Herzöge von Braunschweig eine glückliche Zeit an, die Landesherrschaft war kaum spürbar, die Braunschweiger den Hamelnern stets wohlgesonnen. Am 28. Oktober 1277 bestätigte dann auch Herzog Albrecht von Braunschweig der Stadt Hameln noch einmal ihre Rechte. Hameln wurde welfische Stadt mit rund 2000 Einwohnern und zählte damit zu den vier großen Städten im Herzogtum.

Diese nun begonnene, fast 400jährige Blütezeit hielt ununterbrochen an, erst der 30jährige Krieg machte dem ein Ende und neue Zeiten brachen an. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Noch ein Wort zum Ort Sedemünder. Fein schreibt 1749 dazu: „Sedemünder ist jetzt noch ein Ort, welcher an der Heerstraße von Hameln auf Hannover eine viertel Meile von Hameln dißeit Springe zur linken Hand am Postwege liegt. Es steht daselbst anizt ein alter Thurm, der Seemünder Thurm genant, als ein Rest des alten Schloßes, welches insgemein Sedeburg hieß.“

Den Ort gibt es heute nicht mehr, es gibt aber eine Wohnsiedlung gleichen Namens.

Quellen: Sprenger, Friedrich „Geschichte der Stadt Hameln“, Hameln 1861; Fein, Christoph Friedrich „Die entlarvtete Fabel vom Ausgange der Hämelschen Kinder“, Hannover 1749; Oppermann, Moritz „Vor 700 Jahren verkaufte der Abt von Fulda Hameln“, DWZ vom 14. Februar 1959.



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