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Schaumburgs Grüne älter als Bundespartei

Der 13. Januar 1980: In Karlsruhe wird die Bundespartei Die Grünen gegründet. Danach ist in der politischen Landschaft der Republik nichts mehr, wie es vorher war – auch in Schaumburg nicht. Ein ausführlicher Blick auf 30 Jahre „Öko-Partei“. Und ein Gespräch mit dem Schaumburger, der von der ersten Stunde an ganz vorne mitgemischt hat.

Bei der Gründung der Bundespartei mischt der Bückeburger Michael

Autor:

Jürgen Lentz

Die Gründung der Grünen als Bundespartei vor 30 Jahren und des Schaumburger Kreisverbandes nur wenige Wochen davor –  am 5. Dezember 1979 – hängen eng mit einem Mann der Stunde null aus Schaumburg zusammen: Michael Dombrowski (62) hat an diesen Fäden an vorderster Front kräftig mitgezogen. Der Bückeburger Rechtsanwalt, der zunächst als Sozialpädagoge Problemkinder in Berlin betreut hatte und dann im zweiten Ausbildungsgang in Göttingen Jura studiert hat, ist dort zur Anti-AKW-Bewegung gestoßen.

Den entscheidenden Anstoß zum politischen Aktivisten hat Student Dombrowski durch das Referat eines Professors über die Gefährlichkeit der Atomkraft bekommen. Seine erste politische Heimat hat Dombrowski bei der Grünen Liste Umweltschutz gefunden. Er bezeichnet sich als einer derjenigen, die damals anders als andere radikalere Grüne auf die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie gesetzt haben – und als einer, der es heute noch tut.

1979 hat Dombrowski vor allem mit einem der bekanntesten Gründungsväter der Grünen aus Niedersachsen, Helmut Lippelt, begonnen, die Weichen für den 13. Januar 1980 in Karlsruhe zu stellen. Anlass war die Europawahl in jenem Jahr, bei der es grüne Kandidaten geben sollte. Nach den Vorstellungen von Dombrowski und Mitstreitern am liebsten Kandidaten einer Bundespartei.

Das Titelblatt des ersten Kommunalwahlprogramms der Schaumburger
  • Das Titelblatt des ersten Kommunalwahlprogramms der Schaumburger Grünen. Anfangs müssen die Kandidaten noch Unterschriften von Bürgern zur Unterstützung sammeln.

Doch die Gemengelage einer heterogenen Menge Menschen mit dem Etikett „grün“ oder „grün-alternativ“ sprach zunächst gegen ein halbwegs stabiles Parteidach. Da „hatten die Linken Angst vor den Rechten. Die Rechten hatten wiederum Angst vor den Ökologen und die Ökologen standen wiederum im Widerspruch zu dem Wirtschaftsflügel“, beschreibt der Mitgründer die Gemengelage.

„Dann kam auch noch die Angst vor der Zentralisierung dazu“, ergänzt Hartwig Dankwerth (65), der auch zur frühesten Generation der Schaumburger Grünen gehört und damals linker Student in Berlin war.

Jurist Dombrowski ist dann auf eine Option im europäischen Wahlrecht gestoßen, die „Sonstige Politische Vereinigung“ (SPV) heißt. SPV war bildlich gesprochen ein relativ lockeres grünes Band, das „unterschiedliche Ansätze ermöglichte“, wie es Dombrowski ausdrückt. Die drei Kürzel zogen: Vor der Europawahl ‘79 wurde die „SPV Die Grünen“ gebildet und schaffte auf Anhieb etwas mehr als drei Prozent.

Als sich gezeigt habe, dass „die Sonstige Politische Vereinigung“ miteinander klar gekommen ist, da waren dann auch die Berührungsängste für eine Parteigründung nicht mehr da.“ Diese hat dann auch mit Dombrowski auf dem Podium in Karlsruhe an jenem 13. Januar 1980 stattgefunden. Auf politische Vorstandsämter hatte es der junge Bückeburger Jurist seinerzeit nicht abgesehen. Michael Dombrowski hat vielmehr von der Gründung an achtmal das Bundesschiedsgericht der Partei geleitet und musste dort „Krisenmanagement“ bis hin zu Ausschlüssen betreiben.

Die zum Teil heftigen Vorbehalte gegen die Institution Partei hat es laut Dankwerth und Dombrowski bei den Schaumburger Grünen nie, zumindest nie so intensiv, gegeben. Mit der Gründung im Fasanenhof bei Bückeburg-Meinsen, wo Dombrowski damals wohnte, habe er einen „weißen Fleck“ beseitigt, auf den er beim Einstieg in seinen zweiten Beruf in der ehemaligen Residenzstadt gestoßen sei. Acht der zehn Namen auf dem Gründungsprotokoll vom 5. Dezember 1979 spielen im heutigen Kreisverband und auch in der politischen Arbeit der Schaumburger Grünen heute keine Rolle mehr. Die beiden übrigen sind der Kreistagsabgeordnete Michael Dombrowski und Maria Börger-Sukstorf, die Sprecherin der Grünen im Rat der Stadt Stadthagen.

Ein wichtiges Element, das Dombrowski unter dem Slogan „Die Bürgerinitiativen als Standbein, das Parlament als Spielbein“ zusammenfasste, haben auch die ersten Mandatsträger der Schaumburger Grünen im Kreistag Dankwerth und Dombrowski immer wieder zu spüren bekommen. Der Kreisverband war basisdemokratisch aufgestellt. Da hatten sich die Gewählten alle zwei Wochen der Kreismitgliederversammlung zu stellen, die „uns dann gesagt hat, was wir zu tun hatten, obwohl sie von diesen Dingen keine Ahnung hatten“, berichtet Dankwerth. Der Wölpinghauser mit längerer Berliner Vorgeschichte und hannoverschem Ursprung meint das natürlich ausdrücklich bezogen auf das Neuland Parlamentarismus, der von den Grünen der ersten Stunden als Podium der Bürgerbewegungen und -initiativen verstanden worden sei.

Impulse, die den Schaumburger Grünen neues Potenzial in der Mitgliederschaft und bei Wahlen zugeführt haben, waren zunächst die Anti-Atom-Bewegung, die Umweltzerstörung, Stichwort saurer Regen, die übrigens für Hartwig Dankwerth eine starke Triebfeder gewesen ist, dann die Friedensbewegung und vor allem die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986.

Der Einstieg der jungen Partei in die Arbeit in den Räten und den Kreistag mutet nach den Schilderungen der Mandatsträger wie ein ziemlich langes Spießrutenlaufen an. Da wurde mit harten Bandagen gefochten – auch mit Einschaltung der Justiz.

1981 treten die Grünen erstmals bei Kommunalwahlen in Schaumburg an. Dieser Schritt ist seit der Parteigründung von 1980 nicht mehr umstritten, weil sich gezeigt habe, dass allein Politik in Bürgerinitiativen nicht weiterführe, formuliert es Michael Dombrowski. Für den Kreistag kandidieren damals die heutigen Abgeordneten Hartwig Dankwerth und Michael Dombrowski.

Die Schwierigkeiten beginnen schon vor dem Urnengang. Weil die Partei noch nie im Kreistag vertreten gewesen ist, brauchen die Kandidaten Unterstützungsunterschriften von Bürgern aus dem Wahlkreis. Die Zustimmung für die Kandidaten ist ziemlich mau: „Die Grünen wurden damals noch weitgehend abgelehnt“, erinnert sich Dankwerth. Sogar ein „guter Freund aus Sachsenhagen“, ein SPD-Mann, habe ihm die Unterschrift verweigert. Kandidat Dankwerth klappert schließlich „alle Wohngemeinschaften im Landkreis“ ab, bis er genügend Unterschriften hat.

Und bei der Wahl schaffen er und Dombrowski den Einzug in den Kreistag. Damit beginnt nach den Worten des Rechtsanwaltes „ein zäher Prozess“, der nach Dankwerths Erinnerung „zehn bis 15 Jahre“ dauert. Diese raue Phase besteht unter anderem darin, dass „alles niedergestimmt“ wird, was die Neulinge beantragen. Und „wenn’s gute Ideen waren, tauchten sie ein paar Monate als SPD-Antrag wieder auf“. Dankwerth und Dombrowski müssen teilweise darum kämpfen, gleiche Rechte wie die Abgeordneten der anderen Parteien zu haben. Ein Beispiel: „Man wollte uns nicht im Krankenhausausschuss haben.“ Das drücken die Kreistagsneulinge mithilfe der Kommunalaufsicht der damaligen Bezirksregierung Hannover schließlich durch. Das Beispiel ist nicht das einzige aus dem langen Spießrutenlaufen.

Sprung in die Gegenwart: Inzwischen sind die Forderungen der grünen Kreistagskandidaten von 1981 zum Teil umgesetzt und falls dies noch nicht geschehen ist, zumindest in Schaumburg politisches Allgemeingut geworden. Mülltrennung ist so eine 81-er Forderung, die längst Alltag ist. „Keine Zersiedelung der Landschaft“ steht jetzt zum Beispiel im Wahlprogramm des CDU-Landratskandidaten Klaus-Dieter Drewes. Einigkeit besteht heute zum Beispiel im Aufbau dezentraler Energieversorgung auf regenerativer Basis.

Der CDU attestieren die heutigen Kreistagsabgeordneten Dankwerth und Dombrowski heute eine größere „ökologische Sensibilität“ als der SPD – jetzt, wo die „ideologische Verbohrtheit nicht mehr da ist“, die Dombrowski vor allem bei der früheren Fraktionsführung der Union ausgemacht hat. Aber auch in der SPD habe es „Betonköpfe“ gegeben, sagt der Mann der ersten Stunde. Namen will er ausdrücklich nicht nennen. An der Union schätzen die beiden Mandatsträger, dass die regelmäßig „nach gemeinsamen Themen“ frage. Schwarz-Grün im Kreistag scheint gar nicht so weit weg zu sein.

Rintelner Landtagsabgeordnete Ursula Helmhold über ihren Weg in die Partei

„Als Angehörige des Jahrgangs 1956 wurde ich politisiert durch die Ideen der 68-er und fühlte mich der Anti-AKW-Bewegung und den Nachrüstungsgegnern zugehörig. Unter Helmut Schmidt war die SPD für mich indiskutabel und dann kamen die Grünen: bunt, laut, kompromisslos und anders. Insbesondere Petra Kelly hat mich in ihrer Wahrhaftigkeit fasziniert.

Privat begann die Familiengründung: Als 1982 meine Tochter geboren wurde und ich sie stillen wollte, ließ ich die Milch testen. Sie enthielt so viele Schadstoffe, dass eine genauso stark belastete Kuhmilch gar nicht hätte verkauft werden dürfen. Damals wurde mir klar, dass unsere Gesellschaft ökologisch radikal umsteuern muss und dass es dabei auf jeden Einzelnen ankommt. Ich begann, diese neue Partei genauer zu beobachten. Nach der Geburt meines Sohnes und der Verantwortung für zwei Kinder arbeitete dann in mir der Slogan: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“.

Bald kam der Entschluss: Ich will in dieser Partei mitarbeiten und ihre Ideen stärken. Eintritt Januar 1985, Mitgliedsausweis Nr. 53. In der Schaumburger Zeitung lud ich zur Gründung der Rintelner Grünen in den Ratskeller ein. Daraus ergaben sich ein bunter Haufen engagierter Streiter und der erste Kontakt zum Kreisvorstand.

Eine der ersten größeren Aktionen war die Anmeldung eines Informationsstands auf dem Marktplatz zur Weihnachtszeit. Dort sollte ein „vom Sterben gekennzeichnetes Nadelgehölz“ ausgestellt werden, um auf das Waldsterben aufmerksam zu machen. Die Stadtverwaltung lehnte den Antrag ab wegen „Verletzung der religiösen Gefühle der Bevölkerung“. Erst nach Androhung gerichtlicher Schritte konnte der Baum schließlich aufgestellt werden.

1986 wurde ich in den Rintelner Rat gewählt: jung, Frau und Grün – das war für manchen zu viel des Guten. So weigerte sich der damalige Fraktionsvorsitzende der CDU, meine Anwesenheit auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Sämtliche Anträge und Initiativen wurden abgelehnt. Die ersten Jahre waren reine Nervensache.

In Rinteln wie überall und auch im Niedersächsischen Landtag, in den ich 2003 gewählt wurde, sind die Grünen ein Stück politische Normalität geworden. Immer noch mit dem Bedürfnis nach Rebellion, nach Anderssein und Veränderung, aber auch konservativ im Bewahren unserer Lebensgrundlagen, in der Verantwortung für kommende Generationen.“

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