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Schach, ein friedliches Spiel? Von wegen…

Du Zipfelmütze! – „Pah, du Schnabelmaul!“ Sebastian und Peter befinden sich mitten im Gefecht, und säßen nicht Erwachsene dabei, sie würden sicher noch ganz andere Angriffsworte wählen. Stattdessen lassen sie Stellvertreter für sich kämpfen und sind dabei nicht zimperlich. Ein Krieger nach dem anderen wird geschlagen und vom Schlachtfeld gefegt.

Autor:

Cornelia Kurth

„Ja, wer denkt, Schach sei ein friedliches Spiel, der irrt sich“, meint Jörg Becker, Vorsitzender des Rintelner Schachclubs (RSC), der gerade mit den Acht- bis Zehnjährigen trainiert. „Kampfgeist muss sein! Mutige, kreative Züge, auch mal was auf die Klappe kriegen und dann gleich in die nächste Runde gehen – wer so spielt, gehört unter den Kleinen meistens zu den guten Spielern.“

Er ist immer auf der Suche nach Schach-Nachwuchs, zum Beispiel auch im Kinderhort des Ortes Engern, wo einige Eltern ihn baten, ihren Vorschulkindern dieses uralte Denksportspiel beizubringen. Während überall im Landkreis sich fast nur Jungs für Schach begeistern, besteht diese Hort-Gruppe aus fünf kleinen Mädchen.

„Oh, die gehen auch ganz schön ran! Insgesamt aber sind Mädchen meistens zurückhaltender. Oft tun ihnen auch die schwächeren Gegner leid – und das ist natürlich irgendwie fehl am Platz“, sagt Becker. „Allerdings: Die Ruhe bewahren, nachdenken und gelassen eine Strategie entwickeln, auch das ist ein Weg zum Sieg. Viele Jungs sind so hibbelig, da merkt man, dass sie lieber draußen spielen und toben sollten.“

Ach, wenn Jörg Becker vom Schachspielen erzählt, dann schwingt immer ein gewisses Bedauern mit, darüber, dass die Kinder und Jugendlichen in seinem Einzugsfeld längst nicht mehr so selbstverständlich zum Schach finden, wie es noch in seiner Generation der Fall war.

Der Rintelner SC, der bis vor zwei Jahren in der Verbandsliga mitmischte, ist inzwischen in die Bezirksliga abgestiegen, und in der 1. Mannschaft gibt es keinen einzigen Jugendspieler. Zwar haben auch andere Sportarten Nachwuchssorgen, doch Jörg Becker kann ziemlich klar sagen, was in Rinteln fehlt: ein umfassendes Schulschachangebot, das in den Grundschulen und vor allem am Gymnasium spannendes Schachtraining ermöglicht.

Wie sehr die frühe Förderung in den Schulen nämlich Früchte trägt, sieht man in Bückeburg. Anders als in Rinteln und – nicht ganz so auffällig – in Stadthagen hat der Bückeburger Schachverein jede Menge junger Spieler in seinen Reihen. Zu verdanken ist das Detlef Bielinski, dem Referenten für Schulschach der niedersächsischen Schachjugend, der im Jahr 2002, als die Schachvereine des Landkreises „in Agonie dahindümpelten“, die Initiative ergriff und an sämtlichen Schulen der Stadt und auch in Obernkirchen Werbung für das Schachspiel machte. In Zusammenarbeit mit der deutschen Schulschachstiftung bildete er Schachtrainer aus, die Schach-Arbeitsgemeinschaften, kurz Schach-AGs, leiten konnten. „Damit wurde eine Woge ausgelöst, die nicht mehr aufzuhalten war“, sagt er.

Tatsächlich ist es höchst beeindruckend zu sehen, wie inzwischen Jahr für Jahr über 200 Schüler aus dem ganzen Landkreis im Bückeburger Rathaussaal zu den Vorrundenkämpfen für die Deutschen Schulsport-Mannschaftsmeisterschaften zusammentreffen. Dabei qualifizieren sich Bückeburger Schulmannschaften wie selbstverständlich für die Bezirksmeisterschaft und stellen auch eine Mannschaft für die Niedersächsischen Landesmeisterschaften, die bereits dreimal unter der Leitung von Bielinski in Bückeburg ausgetragen wurden.

„Überall in Niedersachsen gab es engagierten Schulschach, nur im Landkreis Schaumburg nicht“, sagt er. „Inzwischen aber ist Bückeburg zu einer richtigen Hochburg geworden.“

Schulschach ist keine Konkurrenz für die Schachvereine, im Gegenteil. „Die Kinder wollen auf Turnieren zeigen, was sie in den Schulen gelernt haben“, so Bielinski. „Die Leidenschaftlichsten treten dafür in den hiesigen Schachverein ein.“ Dort wird intensive Jugendarbeit geleistet, unter anderem mit einem Spitzentrainer, der, von den Eltern bezahlt, die lernbegierigen Schüler in Gruppenstunden unterrichtet.

Beim allgemeinen Stichwort „Trainer“ allerdings kann Detlef Bielinski nicht mehr ganz so euphorisch sein. An denen fehlt es nämlich, an älteren Schachspielern, die bereit sind, sowohl in den Vereinen als auch an den Schulen ihr Wissen weiterzugeben. In Stadthagen, wo es insgesamt fünf Schulschach-AGs gibt, würden noch viel mehr Trainer benötigt. In Rinteln sieht es ganz schlecht aus: Nur an der Grundschule Nord konnte dort bisher eine Schach-AG eingerichtet werden und auch der Rintelner Schachclub sucht dringend nach engagierten Unterstützern.

Wer für die Vereine arbeitet, macht das in der Regel ehrenamtlich, in den Schulen aber können Trainer mit einem Honorarvertrag eingestellt werden, nachdem sie eine Schulung bei Detlef Bielinski durchlaufen haben. „Man muss dazu kein Schachwunder sein. Es reicht völlig aus, wenn man ganz passabel spielen kann und Spaß daran hat, mit Kindern zu arbeiten.“

Viele Lehrer auch scheuten vor der Schachausbildung zurück, weil sie glauben, nicht gut genug zu sein. „Aber das ist Unsinn. Man entwickelt sich zusammen mit den Kindern!“

Manchmal fürchtet Bielinski, dass sich die schöne Entwicklung in Bückeburg nicht fortsetzen lässt, wenn die bisherigen Trainer irgendwann aussteigen.

Echte Spitzenspieler wurden unter den jungen Leuten bisher noch nicht entdeckt, wenn auch eine Reihe ziemlich guter Spieler im Landkreis zu finden sind. „Das macht ja auch nichts“, meint Jörg Becker. „Schach ist hier in erster Linie ein Breitensport.“ Um wirklich gut zu werden, reichen nicht nur Talent und Spielfreude, man muss dafür hart trainieren, nicht anders, als in anderen Sportarten auch.

„Spielen, spielen, spielen, das sei die Grundvoraussetzung, so Becker. „Und dann: lernen!“

Nur wer typische Stellungen büffelt, damit er sie später gleich wiedererkennt, wer mit wechselnden Gegnern spielt, damit er sich auch in der psychologischen Kriegsführung schult, und wer die Möglichkeiten von Schachcomputer und Internetschach nutzt, der hebt sich unter den Spaß-Spielern hervor. Das alles benötigt viel Zeit und oft den Verzicht auf andere Sportarten.

„Tja, die meisten guten Schachspieler haben auch noch viele weitere Interessen. Unsere Randsportart fällt da oft hinten runter.“ Auch strategische Online-Spiele wie das beliebte „World of Warcraft“ zögen viele Begabungen vom Schachspiel ab. „Wer sich auf diese Spiele einlässt, verbringt viele Stunden des Tages damit. Und oft machen sie viel süchtiger als es das Schachspiel macht.“

Umso wichtiger sei es, mit den jungen Schachtalenten so schnell wie möglich auf Turniere zu fahren. Neben den Schulschach-Meisterschaften und Kämpfen um Wanderpokale (zu denen auch ein „Detlef-Bielinski-Pokal“ gehört) werden im Landkreis auch spezielle Meisterschaften für sieben- bis achtjährige Kinder ausgetragen, mit bis zu 150 Teilnehmern.

„Wenn die Kleinen auf Gleichaltrige treffen, erkennen sie oft erstmals: ‚Oh, ich bin ja richtig gut!‘“ sagt Jörg Becker. „Und wenn sie dann gleichzeitig über eine ausreichende Frustrationstoleranz verfügen und nach den ersten Niederlagen nicht den Mut verlieren – dann, ja dann kann vielleicht auch in Sachen Leistungssport was daraus werden.“

Aber ebenso, wie es Sponsoren für Wanderpokale braucht oder so großzügige Unterstützer wie die Volksbank in Schaumburg, ohne deren Finanzierungen die Schulmannschaftsmeisterschaften in Bückeburg kaum zu organisieren wären, so braucht es gleichermaßen Eltern, die bereit sind, das Hobby ihrer Kinder mit eigenem Engagement zu fördern.

Die zahlreichen Wettkämpfe ziehen sich mindestens über einen, oft über zwei Tage hin. Irgendjemand muss die Kinder fahren, manchmal mit ihnen vor Ort übernachten und natürlich auch das Startgeld zahlen. Wie immer, wenn ein Kind einen Sport sehr ernst nimmt, sind auch die Eltern gefordert.

„Man muss Schach aber gewiss nicht in diesem Ausmaß betreiben“, meint Becker. „Es ist ein so großartiges Spiel, das Konzentration, Kreativität, Wagemut und Nachdenken herausfordert. Außerdem lernt man, sich auf seine Mitspieler einzustellen. Und man lernt sich selbst gut kennen. Wie man mit Sieg und Niederlage umgeht. Wie man neuen Mut fasst. Wie man auch als Daddler langsam immer stärker wird.“

Nicht nur Kinder und Jugendliche sprechen die Schachvereine in Rinteln, Bückeburg und Stadthagen an, auch Erwachsene jeden Alters sind immer gerne gesehen. Im Internet findet man die jeweiligen Trainingszeiten der Vereine.

Und wer Interesse daran hat, in den Schulschach-AGs der Grundschulen und der weiterführenden Schulen im Landkreis mitzuarbeiten, erhält alle nötigen Informationen von Detlef Bielinski. Er ist zu erreichen unter de.bie@t-online.de.

So sieht es aus bei den „Bückeburger

Schulschachmannschaftsmeisterschaften“, kurz: BSSM. Doch dem Schach heute fehlt die Jugend. Und es mangelt an Lehrern.




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