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Wenn Cascada heute Abend beim „Eurovision Song Contest“ auftritt, ist die Musik bloß Nebensache

Saure-Gurken-Zeit

Heute Abend in Malmö entscheidet sich, wer den 58. Eurovision Song Contest, den ESC, gewinnen wird. „Und egal, ob der deutsche Beitrag mit Cascada auch nur den Hauch einer Chance besitzt, Patriotismus vor dem Fernseher ist Pflicht!“ Das fordert Ulrike Hidding (32). Die mit vollem Recht selbsternannte ESC-Privatevent-Fachfrau sieht schon seit frühesten Zeiten des „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ den größten Sangeswettbewerb der Welt. Sie ließ sich als Kind von Oma und Vater von der Begeisterung anstecken und lädt nun jedes Jahr ausgewählte Freunde zu einer kleinen Party ein. Diese muss gewissen Regeln gehorchen, damit auch alles schön und richtig wird. „Ja, Patriotismus! Wann sonst haben Frauen und Schwule, die sich nicht groß für Fußball interessieren, sonst mal eine gute Gelegenheit dazu?“

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Lachsfarbenes Kleid

mit Puffärmeln, Strass und Rüschen

Vor zwei Tagen zog die ehemalige Rintelnerin, die nun in Hamburg wohnt, mit ihrer Freundin durch die Secondhand-Läden der Stadt, um angemessene ESC-Kleidung einzukaufen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre fünf Gäste. „Wir haben fantastische Dresses besorgt, für 5 Euro das Stück. Glamour, so wie es sein muss. Mein Kleid ist blau mit Puffärmeln, fürchterlich viel Strass und Rüschen. Saskia fand ein Traumkleid in Lachs, Alex kriegt ein hautenges Rüschen-Hemd, Lotta ein bodenlanges, etwas dezenteres Kleid. Man kann eigentlich anziehen, was man will, nur cool darf es nicht sein. Es war nie cool, sich den Song Contest anzusehen, es wird immer belächelt – und genau so muss man ihn auch feiern!“ Man müsse bedenken: Der ESC sei die einzige Veranstaltung, bei der noch Windmaschinen eingesetzt werden, die seit den 1990er Jahren bei allen anderen Veranstaltungen völlig out seien. Solche Anti-Trends sollen sich auch in der Speisekarte des Abends widerspiegeln.

„Also, da stehen an erster Stelle natürlich die berühmten Schnittchen, mit sauren Gurken, Petersilie, Mortadella und Fleischwurst statt Mozzarella mit Tomate und Basilikum. ,Russische Eier‘ müssen her, gefüllt mit schwarzem Kaviar, egal, ob es schmeckt oder nicht, dazu selbstverständlich Mett- und Käse-Igel samt den Weintrauben und eingelegten Kirschen. Auf keinen Fall darf irgendwas dabei sein, das man zu einer modernen kalorienbewussten Grillparty mitnehmen würde, bloß kein Light-Kartoffelsalat oder Feldsalat mit Pinienkernen oder irgendetwas, das nach Latte macchiato schreit!“

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Nicht anders stehe es um die Getränke. „Cocktails wie ,Hugo‘ mit Prosecco, Minze und Holunderblüten sind tabu, ebenso wie Aperol Spritz und alles, was auch nur ansatzweise angesagt ist. Sekt, ja, das darf sein, und Pflichtprogramm ist entweder Rumtopf oder eine Bowle mit Mandarinen aus der Dose, die ist auch schnell gemacht. Hm, Bier, klar, Bier muss her, es soll ja nicht in Selbstquälerei ausarten.“

Und der Nachtisch? „Da bietet sich Eierlikör in Schokowaffelbechern an, auch Weinbrandbohnen, und selbstverständlich Nussecken mit Himbeereis.“

Nussecken mit Himbeereis, das große Stichwort für Guildo Horn, der 1998 mit seinem wunderbar selbstironischen Titel „Piep, piep, piep, Guildo hat euch lieb“ den siebten Platz beim Eurovision Song Contest belegte.

„Das war die goldene Zeit des ESC“, sagt Ulrike Hidding. „Guildo Horn, man kann ihm nicht genug dafür dankbar sein, dass er dafür sorgte, den Contest zurück in die Mitte der Bevölkerung zu holen. Das erste Mal war es wieder ganz leicht, sich mit dem deutschen Beitrag zu identifizieren, mitzufiebern und zu jubeln, statt peinlich berührt zu sein. Das konnte einen noch zehn Jahre später über die Katastrophe mit den ,No Angels‘ hinwegtrösten, die mit ihrem grauenhaften Song allerletzte wurden. Was soll’s, wir hatten unseren Guildo gehabt.“

Überhaupt müsse man schauspielern, wenn man wirklich Spaß haben wolle, vor sich selbst und vor den anderen Teilnehmern der kleinen Party.

„Es ist ja nun kein Problem, Leuten wie Max Mutzke oder erst recht Lena mit Leidenschaft die Daumen zu drücken. Bei Cascada dagegen ist man richtig herausgefordert. Kritik wird aber nicht geduldet, es sei denn, man will sich übel mit mir anlegen! Man muss eben so tun, als fände man den Song großartig und wünschte nichts mehr, als den Sieg oder wenigstens eine gute Platzierung. Und wenn er hinten landet, dann darf man politisch unkorrekt werden und alle Länder, die daran schuld sind, mit den üblichen Beschimpfungen verfluchen.“

Das eigentliche Programm des Abends nun bestehe darin, vor dem Fernseher eine eigene Jury zu bilden. Wo früher die entsprechenden Bewertungsbögen noch per Hand, wie beim „Kniffel“-Spiel, angelegt werden mussten, kann man sich jetzt fertige Bögen mit allerlei Bewertungskategorien aus dem Internet runterladen und ausdrucken.

„In meiner Familie haben wir schon immer mitgewertet, nach Song und Interpret, nach Gesang, Auftritt und auf jeden Fall auch Sympathie, man kann es machen, wie man will, Hauptsache, man verliert nicht den Überblick, denn die Punkte müssen noch zusammengezählt und die Gesamtpunktzahl aufgeschrieben werden. Manchmal ist es verblüffend, wer bei einem ganz oben steht, obwohl man den Song an sich vielleicht gar nicht so mag. Nachträglich korrigieren ist aber auch erlaubt.“

„Durchhalten?

Ich liebe die Bewertungsprozedur!“

Selbstverständlich sollten Partyteilnehmer ihr Handy dabei haben und für ihren Favoriten anrufen. „O.k. – einmal leihe ich mein Handy vielleicht aus für eine fremde Stimmabgabe, aber es fällt mir schon dieses eine Mal sehr schwer, wenn die Wertung zu weit auseinandergeht.“

Dann heißt es, die anderthalbstündige Bewertungsshow durchzuhalten, bis der Sieger feststeht. „Was heißt hier durchhalten – ich liebe diese Bewertungsprozedur! Es macht solchen Spaß, aufzuschreien, aufzuspringen, zu schimpfen oder sich zuzuprosten, Ländern, deren Punktevergabe man zustimmt, in den Himmel zu heben und andere in die Hölle zu versenken.“

Wenn die Entscheidung gefallen ist, wird, ob man dann glücklich, traurig oder halbwegs sachlich einverstanden ist, dann wird ein Preis ausgegeben an denjenigen, der mit seiner Bewertung dem Sieger am nächsten kam. „Es muss was Grässliches sein, was Schauriges, wie zum Beispiel der Penis, den wir mal aus Fleischwurst zurechtgeschnitzt hatten. Na – letztlich hat ihn die Katze zu fressen gekriegt, das war dann doch eine Nummer zu gruselig für uns. Vielleicht die Packung Weinbrandbohnen – wer mag schon Weinbrandbohnen?“

Wer bis dahin noch nicht mit Sekt angestoßen hatte, der soll es bei der Siegerehrung tun. In Hamburg machen sich zünftige ESC-Partyfeierer dann noch auf zur Reeperbahn, wo das Spektakel auf der großen Leinwand übertragen wurde und sich Tausende Fans herumtreiben.

Die Zeiten, in denen in der Region große Grand-Prix-Partys gefeiert wurden, scheinen vorbei zu sein. Wenn „Cascada“ heute Abend in Malmö für Deutschland singt, dann sitzen die meisten Menschen wohl vor dem heimischen Fernseher. Doch gerade da hat der „Eurovision Song Contest“ bei eingefleischten Fans nichts an seinem Kult-Status eingebüßt. Ein Blick ins Wohnzimmer.

Etwas Grässliches gehört zum Eurovision Song Contest dazu, sagt Ulrike Hidding (r.). Das Outfit von ihr und ihrer Freundin ist zumindest mutig.




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