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Musikerinitiative „United Noise“ stellt Bands in altem Raiffeisen-Komplex Proberäume zur Verfügung

Satter Sound im Düngerlager

Das alte Gemäuer ist bis unters Dach komplett belegt und untervermietet, und gäbe es noch mehr Platz, wäre auch der vermutlich schon vergeben, sagt Oliver Werner, der Vorsitzende und hauptamtliche Geschäftsführer des Vereins United Noise. Für die Mitglieder ist dies ein Ort, wo sie ihrer Leidenschaft freien Lauf lassen können. Allen gemein ist nämlich eine besondere Eigenschaft. Und zwar der unbändige Drang, ordentlich „Lärm“ zu machen. Denn allesamt sind sie leidenschaftliche Musiker, und Proberäume, deren Wände man beim Musikmachen regelmäßig zum Beben bringen darf, ohne von den Nachbarn gleich die Polizei auf den Hals und vom Vermieter die Kündigung ins Haus geschickt zu bekommen, sind dünn gesät. Und deshalb geht man bei United Noise halt gewisse Kompromisse ein und schaut nicht so auf Äußerlichkeiten.

Autor:

Michael Werk

Wobei sich die Proberäume selbst allerdings völlig anders präsentieren, als es das rote Backsteingebäude auf den ersten Blick vermuten lässt. Denn die haben sich die jeweiligen Musiker und Bands auf eigene Kosten nach ihren individuellen Vorstellungen hübsch gemacht. Die Wände sind verputzt und gestrichen, Poster und Plakate aufgehängt, Teppiche ausgelegt und beispielsweise die Decken mit Stoffbahnen abgehängt. Zudem sorgen ausrangierte Sofas und mitunter sogar Eigenbau-Bartresen für ein inspirierendes Ambiente.

Aber zurück zum Anfang: Das Licht der Welt erblickt hat die „Musikerinitiative United Noise e.V.“ im Jahr 2001. Gemeinsam mit einigen Kumpels hatte Oliver Werner damals in der dem Melodic-Hardcore-Punk zugeneigten Band „Sidewalkers“ gespielt. Geprobt wurde in der Jugendfreizeitstätte der Stadt Bückeburg. Die Notwendigkeit, sich nach einer neuen Location umzuschauen, ergab sich dann, als den „Sidewalkers“ von einem Göttinger Musiklabel ein Plattenvertrag angeboten wurde, sie zeitgleich aber erfuhren, dass sie ihren Proberaum in der Jugendfreizeitstätte zukünftig noch mit zwei anderen Bands nutzen müssten. „Das war für uns das Fatalste, was uns zu diesem Zeitpunkt passieren konnte“, erzählt der 31-jährige Werner. Denn nach jedem Übungstermin alle Musikinstrumente und Verstärker wieder abzubauen, um sie dann bei der nächsten Probe wieder aufzubauen und exakt einzustellen, dafür wäre einfach viel zu viel Zeit draufgegangen. Also habe man sich ins Auto gesetzt und die Gegend abgefahren, in der Hoffnung, irgendwo „eine Bunkeranlage, wo wir Krach machen können“, zu finden. Und um es kurz zu machen: Auf einen Bunker stießen die „Sidewalkers“ in Bückeburg zwar nicht, wohl aber auf den ehemaligen Raiffeisen-Komplex, der kurz zuvor an die Kronenwerke GbR verkauft worden war. Deren Gesellschafter wollten die Immobilien vermieten, hatten seinerzeit jedoch noch keine konkreten Interessenten in petto – bis eben Oliver Werner und seine Kumpels auftauchten.

Offenbar stimmte die Chemie zwischen den beiden Parteien, sodass auch die in der Folge gereifte Idee, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, der zumindest einen Teil des mehrstöckigen Gebäudes als Proberäume an Musikbands untervermietet, auf fruchtbaren Boden fiel. Ende 2001 war es dann so weit: Mit vereinten Kräften gingen Oliver Werner und die anderen acht Mitglieder der frisch aus der Taufe gehobenen Musikerinitiative United Noise e.V. – allesamt junge Leute – daran, vier Räume in mühevoller Arbeit und mit tatkräftiger Unterstützung der Kronenwerke-Gesellschafter von Unmengen dort gelagerter Düngerreste zu befreien und als Proberäume herzurichten. Ein halbes Jahr, nachdem alles fertig war, habe man jedoch leider feststellen müssen, dass diese Räume „zu feucht und somit nicht nutzbar“ waren, berichtet er. Dadurch habe man jedoch – anders als geplant – keine unterzuvermietenden Proberäume und somit auch keine Geldeinnahmen gehabt. Die Folge davon sei gewesen, dass der Verein seinen rund 250 Personen Platz bietenden Veranstaltungssaal („Clubraum“) nicht herrichten und ebenfalls nicht untervermieten konnte, wodurch wiederum Geld für andere Dinge gefehlt habe: „Ein Teufelskreis“, fasst Oliver Werner die damalige Situation zusammen. Deshalb, und weil das zuständige Bauamt der Stadt Bückeburg dem Verein einen „fetten Auflagenkatalog“ präsentiert hatte, der etwa die Forderung nach einem rund 2500 Euro teuren TÜV-Gutachten hinsichtlich des Schallschutzes enthalten habe, habe der Verein dann erst mal mehrere Jahre lang „herumgedümpelt“.

Für das rote Backsteingebäude, in dessen Erdgeschoss sich der große „Clubraum“ von United Noise befindet, besteht Sanierungsbedarf.

Richtig los ging es dann jedoch im Dezember 2009, als bei United Noise – nach Erfüllung aller behördlichen Auflagen – endlich die langersehnte Genehmigung der Stadt Bückeburg eingegangen war, in dem großen „Clubraum“ öffentliche Konzerte und Disco-Events auszurichten. Noch in demselben Monat wurde als Premiere am Tag vor Heiligabend ein „Punk-Konzert“ gefeiert, das – so Oliver Werner – immerhin rund einhundert Besucher anlockte. Und seitdem stehen regelmäßig öffentliche Musikveranstaltungen auf dem Programm. So zum Beispiel die „eher allgemeinverträgliche Osterrocknacht“, bei der auch etliche dem Verein angehörende Bands auftreten und zu der sich immer viele Hundert Besucher einfinden.

Nach Ende der besagten „Herumdümpel-Phase“ mietete United Noise zudem zusätzliche Räumlichkeiten von der Kronenwerke GbR an, um diese ebenfalls als Proberäume zu nutzen. Ferner wurde mit bescheidenen finanziellen Mitteln ein recht rustikaler Backstage-Raum in dem gegenüberliegenden Ex-Raiffeisen-Gebäude geschaffen.

Wie es um die Nachfrage steht? „Jedes Mal, wenn wir einen Proberaum aufmachen, ist er auch sofort vermietet“, verrät Oliver Werner. Aktuell seien es 19 Bands, die sich die bislang elf Proberäume teilen, wobei der Verein mehr als 50 Mitglieder zähle.

Über die Bereitstellung von Proberäumen und die Ausrichtung von Konzerten, bei denen vornehmlich die quasi hauseigenen Bands auftreten, hinaus widmet sich United Noise zudem der konkreten Förderung einzelner Musiker. So hat der Verein etwa den für das Genre „Modern Rock ’n’ Roll“ stehenden jungen Sänger und Songwriter Ole Hauk unter Vertrag, der unter anderem in Sachen Promotion und Konzert-Booking unterstützt wird. Daneben lädt der Verein alljährlich zum „Battle Of The Bands“ ein – ein Wettbewerb, bei dem Nachwuchsbands gegeneinander antreten und die Erstplatzierten ein Preisgeld gewinnen können.

Ein Hingucker ist es ja nicht gerade, das hinterm Bückeburger Bahnhof gelegene ehemalige Raiffeisen-Gebäude. Der Verein „United Noise“ hat es trotzdem angemietet. Und trotz des offensichtlichen Sanierungsbedarfes herrscht Leben in der Bude. Im Zentrum steht die Musik.




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