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Streit ums Kindeswohl: Wie eine Pflegefamilie aus Hespe mit dem Jugendamt in Konflikt geriet

Sandaus dürfen Pflegekinder nicht mehr sehen

Landkreis. Wenn Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, finden sie häufig in einer Pflegefamilie ein neues Zuhause. Etwa hundert solcher Pflegeverhältnisse bestehen im Landkreis Schaumburg, in den meisten Fällen arbeiten Jugendamt, Pflegeeltern und leibliche Eltern gut zusammen. Bei dem Ehepaar Sandau aus Hespe verlief die Herausforderung Pflegefamilie nicht so glücklich. Stete Konflikte zwischen dem Paar und den Behörden endeten mit der Herausnahme zweier Pflegekinder aus dem Sandauschen Haushalt. Bärbel und Manfred Sandau sind empört, das Jugendamt bedauert zwar den Verlauf des Pflegeverhältnisses, hält aber an seiner Entscheidung fest.

Manfred und Bärbel Sandau mit einem Bild vom letzten Kindergebur

Autor:

Ilka Maertens

Die Pflegefamilie Sandau hatte einen schlechten Start: Sandaus hatten sich 2005 bereit erklärt, ein geistig behindertes Kind aufzunehmen, sofern kein Pflegebedarf besteht. Die damals zwölfjährige Alexandra hatte jedoch eine jüngere Schwester, die bis dahin noch nicht untergebracht worden war. Platz bot das Haus der Sandaus genug, also entschloss man sich, beide Kinder aufzunehmen, auch Alexandra zuliebe. Als die Mädchen dann zur Familie kamen, waren die Sandaus geschockt: Alexandra und Laura seien verlaust gewesen und hätten keine brauchbare Kleidung besessen. Außerdem sei bei Alexandra ein falsch therapierter Sehfehler und eine Epilepsie festgestellt worden, aus der sich die Pflegestufe 1 bis 2 ergeben habe. Laura hingegen sei verhaltensauffällig und als minderbegabt eingestuft worden: "Das sind alles Dinge, von denen vor dem Pflegeverhältnis nichts gesagt worden ist", betont Bärbel Sandau. Das Jugendamt weist diesen Vorwurf zurück: "Im Wesentlichen sind die Pflegeeltern über die Biographie der Kinder informiert", sagt Jugendamtsleiter Rolf May. Dezernentin Eva Burdorf ergänzt, dass das Jugendamt nur die Informationen weitergeben kann, die den Mitarbeitern vorliegen. Bärbel und Manfred Sandau ließen sich nicht abschrecken, sie veranlassten eine Operation, die Alexandras Sehbeeinträchtigung lindern konnte, statteten beide Mädchen mit neuer Kleidung und Spielzeug aus und arbeiteten mit Laura, damit sie nicht auf eine Sonderschule gehen musste. Der Streit ums Kindeswohl begann, als Sandaus vor der Operation die leiblichen Eltern der Mädchen zu sich einluden. Dieser Kontakt war im so genannten Hilfeplan des Jugendamtes nicht vorgesehen: "Der Umgang mit der Herkunftsfamilie ist eine sehr sensible Sache", erklärt Rolf May, "das sollte man nicht - unabgestimmt mit dem Jugendamt - machen." Man müsse abwägen, was ein solcher Kontakt bei den Kindern bewirken kann, sie dürften nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, sagt Burdorf: "Wir können nur Gespräche führen und erklären, warum sowas nicht sein darf, und die haben wir mehrfach geführt." Auch das alltägliche Leben erwies sich als schwierig, berichten Sandaus: Während sich Alexandra den Pflegeeltern geöffnet habe, sei Laura nur schwer zugänglich gewesen. Sie habe häufig ohne ein Wort das Haus verlassen, in der Nachbarschaft Lügen verbreitet und gestohlen. Bärbel und Manfred Sandau fühlten sich vom Jugendamt im Stich gelassen, die Behörde hingegen wirft dem Paar Beratungsresistenz vor: Jugenddezernentin Eva Burdorf entgegnet, die Pflegeeltern hätten die psychologische und pädagogische Beratung mehrfach ausgeschlagen. Schließlich entwickelte sich auch der Kontakt zu den anderen Familienmitgliedern zum Zankapfel: Während das Jugendamt diese "begleiteten Kontakte" in Anwesenheit eines Jugendamtmitarbeiters für förderlich hielt, hatten Sandaus den Eindruck, Alexandra und Laura könnten Schaden nehmen. Per Gerichtsbeschluss sollte geklärt werden, wie viele dieser Kontakte das Ehepaar Sandau zulassen muss, als Vermittlungsstelle wurde ein Familienhilfezentrum eingesetzt - die Treffen mit den Sandaus verliefen ohne Ergebnis. Eine Verfahrenspflegerin übernahm währenddessen die Vertretung der Kindesrechte, sie führte Gespräche mit den Pflegeeltern und den Mädchen und gab eine Stellungnahme an das Gericht ab. Außerdem wurde ein Gutachten vom Allgemeinen Sozialen Dienst erstellt. Beide Schreiben fielen zu Lasten der Sandaus aus, das Jugendamt kann aus datenschutzrechtlichen Gründen jedoch keine Auskünfte hierüber geben. Als sich der Konflikt zuspitzte, schrieben Bärbel und Manfred Sandau ans Jugendamt: Unter den gegebenen Umständen wollten sie das Pflegeverhältnis beenden. Mit den darauf folgenden Ereignissen hatten sie jedoch nicht gerechnet: Manfred Sandau wartete mittags auf die Kinder, stattdessen kam ein Anruf: Das Pflegeverhältnis sei beendet, dieKinder bereits aus der Schule abgeholt worden. Für Bärbel Sandau ein Skandal: "Man hat die Kinder abgeführt wie Schwerverbrecher, und es wurde dafür gesorgt, dass wir keinen Kontakt mehr zu den Kindern haben." May rechtfertigt nicht nur die Herausnahme der Kinder aus der Familie, sondern auch die Vorgehensweise so: "Es gibt kein?übliches Verfahren', was ist praktikabel und was nicht. In diesem Fall war es absolut angesagt, das zu machen. Das haben auch die Pflegeeltern gewollt, die sich schriftlich geäußert hatten." In einem abschließenden Gespräch hat Eva Burdorf dem Paar für die Bemühungen um die Mädchen gedankt: "Wir sind dankbar für die gesundheitlichen und schulischen Maßnahmen, aber irgendwann sind sie an ihre Grenzen gestoßen." In einem Brief an die Sandaus räumt die Jugenddezernentin ein, die Pflegeeltern hätten sich sittlich und moralisch nichts vorzuwerfen. "Aber wenn ich mir sittlich und moralisch nichts vorzuwerfen habe, warum darf ich dann die Kinder nicht sehen?", fragt sich Bärbel Sandau, "wir gehen davon aus, dass kein Kontakt nicht der Wunsch der Kinder ist." So hätten Alexandra und Laura über Bekannte Grüße ausrichten lassen und auch Karten geschrieben. Von einer offiziellen Kontaktsperre will das Jugendamt nichts wissen: "Wir haben nicht angeordnet, dass kein Kontakt besteht. Allerdings haben Pflegeeltern weniger Anspruch, als leibliche Eltern das hätten", sagt Jugendamtsleiter Rolf May. Sandaus wollen nun den Kontakt zu Alexandra und Laura erstreiten, das Bückeburger Familiengericht hat die Verhandlung auf Anfang Mai angesetzt.

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